Das Saturnalienfest
Albrecht Dürer
um 1515
Vor einer kargen Felswand kauert ein betrunkener Nackter. Hinter ihm schlummert eine Frau, der sich ein Faun nähert, um auch sie im Moment des Erwachens aus einem Humpen zu bedienen. Aus diffusem Dunkel erscheint ein frontal auf den Betrachter gerichtetes, unheilvoll drohendes Gesicht. In dem vornehm Gekleideten am linken Bildrand zeigt sich der Künstler selbst beim Betrachten der eigenartigen Szene.
Dürer stellt hier ein Saturnalienfest dar. Antike Quellen liefern dazu die allgemeinen Anregungen: An den Tagen des Saturn, also um den 17. Dezember, regiert das ausgelassene Spiel, man dichtet ungezwungen, und von einem Mundschenk, der auch als Lustknabe zu gebrauchen ist, wird Wein ausgeschenkt. Unter Dürers Radierungen ist diese die am sensibelsten radierte. Die zarten Linien, die sehr präzise Umrisse und Schraffuren bilden, erinnern im Duktus an den Kupferstich.
Platte: 19 × 13,9 cm
Fünf Figuren, auf schmaler Raumbühne in einer Art Steinbruch zusammengepfercht, scheinen beziehungslos zu agieren. Was für einen Sinn kann eine solche Szene haben? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage gibt es zurzeit nicht. Dürer-Forscher zweier Jahrhunderte mühten sich erfolglos um den gedanklichen Gehalt dieses rätselhaften Blattes. Ihrer Fantasie ließen sie freien Lauf. Die Halbfigur des bekleideten Mannes links soll einmal Dürers Bruder #Endres sein, andere wollten in ihm #Michelangelo erkennen (ausgerechnet einen der wenigen bekennenden Dürer-Feinde!). Wie kommt das Plumeau der schlafenden, bis zur Scham entkleideten Frau in die freie Natur? Was für Gedanken - doch wohl erotisch gefärbte - hegt der nackte Mann, der offensichtlich dem Trunk zusprach und nun auf die Nackte vor seinen Füßen stiert? Neben seinem rechten Oberarm taucht spukhaft wie ein Felsgesicht ein frontal gesehener alter Männerkopf auf, ein Dämon mit mächtiger Hakennase. Typenmäßig entspricht er verblüffend dem altrömischen Gott Saturn, wie ihn der vormalige Dürer-Geselle #Hans Baldung Grien 1516 zeichnete (Inv. 17549). Genauso rätselhaft ist die zentrale Hauptfigur, nach der Ralf von Retberg 1871 der Radierung ihren fiktiven Titel "Der Verzweifelnde" gab. Da sie ihr Gesicht in Haaren verbirgt, bleibt es eine Vermutung, in dem Knienden Dürer selbst zu sehen. Der Nürnberger Maler Michael Mathias Prechtl (1926-2003) fand in seiner "Dürer-Suite" eine ganz eigene Deutung der Komposition. Für ihn stellt "Der Verzweifelnde" Christus dar, umstellt von menschlichen Untugenden: "Neid, Gier, Zorn, Völlerei, Frau Welt schläft wollustträg, des Treibens müde. Jesus, Maria, Josefsohn betrübt zum Tode - der Menschen Sünden leben."
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 144, S. 427.
