Der heilige Hieronymus im Gehäus
Albrecht Dürer
1514
Dürers Meisterstich zeigt den heiligen Hieronymus ins Schreiben vertieft. Sein Kardinalshut hängt hinter ihm an der Wand, während der Löwe, dem er der Legende nach einen Dorn aus der Pfote entfernte, im Vordergrund neben dem schlafenden Hündchen lagert. Die Perfektion, mit der Dürer das von links durch die Butzenscheiben einfallende Licht sowie die verschiedenen Materialien darzustellen wusste, ist immer bewundert worden.
Platte: 25 × 19,1 cm
Darstellung: 24,5 × 18,7 cm
Als eine Art Gegenbild zu der in freier Landschaft spielenden Szene des Kupferstichs "Ritter, Tod und Teufel" (Inv. DG1930/1549) schuf Dürer im Abstand eines Jahres die in einen Innenraum versetzte Darstellung des schreibenden Kirchenvaters Hieronymus. Die Perfektion, mit der Dürer als Stecher so verschiedene Materialoberflächen wie Stein, Verputz, gemasertes Holz und Glas wiederzugeben imstande war, ist immer bewundert worden. Gleiches gilt für die Führung des von links durch Butzenscheiben einfallenden Lichts. Der Titel der Grafik geht auf Dürer zurück, der in seinem Tagebuch der niederländischen Reise mehrfach "St. Hieronimus jm gehaiß" erwähnt. Der Begriff "Gehäus" kann im 16. Jahrhundert mehrdeutig sein. Dürer verstand ihn hier wohl im Sinne von "Haus". Er unterschied so diesen Hieronymus von dem Büßer "in der Wildnis" (Inv. DG1930/1512). Neben Blättern der Gottesmutter Maria mit Kind waren es Hieronymus-Darstellungen, die der Unternehmer Dürer in Holzschnitt oder Kupferstich in Abständen neu auf den Markt brachte. Einen wesentlichen Teil seines Wohlstandes verdankte er dieser eingeschränkten, auf bestimmte Käuferinteressen abgestimmten Angebotspalette.
Von Moriz Thausing (1838-1884) bis zu Peter-Klaus Schuster reicht die Reihe der Experten, die in dem Heiligen die sinnbildliche Verkörperung des phlegmatischen Temperaments erkennen wollten. Nach der antiken Pathologie der Körpersäfte (Humore) gehören zum Phlegmatiker der Speichel (Phlegma), als Jahreszeit der Winter und kalt-feuchte Temperaturen. Nichts davon passt auf das ersichtlich nicht heizbare, doch von einfallendem Sonnenlicht erwärmte "Gehäus" und seine Bewohner. Gegen Hieronymus als Phlegmatiker spricht die Wertschätzung des Heiligen in humanistischen Kreisen. In ihm, der die Heilige Schrift aus dem hebräischen Urtext ins Lateinische (Vulgata) übersetzte, erkannten sie einen intellektuellen Vorläufer. So überdauerte die Hieronymus-Verehrung die Reformation, in deren Verlauf der "katholische" Heiligenkult ab 1525 faktisch zum erliegen kam. Geistesverwandte Dürers wie #Willibald Pirckheimer oder #Erasmus von Rotterdam waren bekennende Hieronymus-Verehrer. Sein Nürnberger Freund #Lazarus Spengler übertrug eine Hieronymus-Biografie aus dem Lateinischen ins Deutsche, zu deren Publikation 1514 Dürer den Titelholzschnitt beisteuerte (Bartsch 1803-1821, 7, Nr. 113). Da das phlegmatische Temperament seit der Antike negativ besetzt war, erscheint "Hieronymus im Gehäus" in diesem Rollentypus schwer vorstellbar. In seinem Stich "Die Versuchung des Müßiggängers" oder "Der Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527) hatte der junge Dürer um 1498 einen klassischen Phlegmatiker ins Bild gesetzt. Tobias Leuker setzte sich jüngst dafür ein, in diesem Dürer'schen Hieronymus einen Choleriker zu sehen. Der in der rechten oberen Ecke hängende getrocknete Flaschenkürbis sei Anspielung auf ein Heilmittel gegen cholerische Wutanfälle. "Hieronymus im Gehäus" sei nun ein Geläuterter, der Gelassenheit ausstrahle und sein früheres reizbares Temperament hinter sich gelassen habe.
Der perspektivisch konstruierte Innenraum gibt Rätsel auf. Bautechnisch mutet es an, als sei eine Bohlenstube wenig kunstgerecht nachträglich in ein steinernes Zimmer eingefügt worden. Der auf der Fensterbank abgelegte Totenschädel verweist als vergleichbares Memento mori auf den vorausgehenden Stich "Ritter, Tod und Teufel". Der im Vordergrund liegende Löwe und der über Hieronymus hängende Kardinalshut sind geläufige Attribute des Heiligen.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 140, S. 418.
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