Albrecht Dürer, Der heilige Hieronymus im Gehäus, Inv. Nr.: DG1930/1511
Der heilige Hieronymus im Gehäus
Albrecht Dürer, Der heilige Hieronymus im Gehäus, Inv. Nr.: DG1930/1511
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der heilige Hieronymus im Gehäus

Albrecht Dürer

1514




Dürers Meisterstich zeigt den heiligen Hieronymus ins Schreiben vertieft. Sein Kardinalshut hängt hinter ihm an der Wand, während der Löwe, dem er der Legende nach einen Dorn aus der Pfote entfernte, im Vordergrund neben dem schlafenden Hündchen lagert. Die Perfektion, mit der Dürer das von links durch die Butzenscheiben einfallende Licht sowie die verschiedenen Materialien darzustellen wusste, ist immer bewundert worden.

Der heilige Hieronymus wurde in Humanistenkreisen hoch geschätzt: Da er die Heilige Schrift aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt hatte, sahen die Humanisten in ihm ein intellektuelles Vorbild. So waren etwa der mit Dürer befreundete Willibald Pirckheimer oder Erasmus von Rotterdam große Hieronymus-Verehrer.


Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1514
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
DimensionsBlatt: 26 × 20,1 cm
Platte: 25 × 19,1 cm
Darstellung: 24,5 × 18,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1930/1511
Edition
Signedr.u. auf dem Täfelchen: "1514" und Dürer-Monogramm "AD"
Text

Als eine Art Gegenbild zu der in freier Landschaft spielenden Szene des Kupferstichs "Ritter, Tod und Teufel" (Inv. DG1930/1549) schuf Dürer im Abstand eines Jahres die in einen Innenraum versetzte Darstellung des schreibenden Kirchenvaters Hieronymus. Die Perfektion, mit der Dürer als Stecher so verschiedene Materialoberflächen wie Stein, Verputz, gemasertes Holz und Glas wiederzugeben imstande war, ist immer bewundert worden. Gleiches gilt für die Führung des von links durch Butzenscheiben einfallenden Lichts. Der Titel der Grafik geht auf Dürer zurück, der in seinem Tagebuch der niederländischen Reise mehrfach "St. Hieronimus jm gehaiß" erwähnt. Der Begriff "Gehäus" kann im 16. Jahrhundert mehrdeutig sein. Dürer verstand ihn hier wohl im Sinne von "Haus". Er unterschied so diesen Hieronymus von dem Büßer "in der Wildnis" (Inv. DG1930/1512). Neben Blättern der Gottesmutter Maria mit Kind waren es Hieronymus-Darstellungen, die der Unternehmer Dürer in Holzschnitt oder Kupferstich in Abständen neu auf den Markt brachte. Einen wesentlichen Teil seines Wohlstandes verdankte er dieser eingeschränkten, auf bestimmte Käuferinteressen abgestimmten Angebotspalette.
Von Moriz Thausing (1838-1884) bis zu Peter-Klaus Schuster reicht die Reihe der Experten, die in dem Heiligen die sinnbildliche Verkörperung des phlegmatischen Temperaments erkennen wollten. Nach der antiken Pathologie der Körpersäfte (Humore) gehören zum Phlegmatiker der Speichel (Phlegma), als Jahreszeit der Winter und kalt-feuchte Temperaturen. Nichts davon passt auf das ersichtlich nicht heizbare, doch von einfallendem Sonnenlicht erwärmte "Gehäus" und seine Bewohner. Gegen Hieronymus als Phlegmatiker spricht die Wertschätzung des Heiligen in humanistischen Kreisen. In ihm, der die Heilige Schrift aus dem hebräischen Urtext ins Lateinische (Vulgata) übersetzte, erkannten sie einen intellektuellen Vorläufer. So überdauerte die Hieronymus-Verehrung die Reformation, in deren Verlauf der "katholische" Heiligenkult ab 1525 faktisch zum erliegen kam. Geistesverwandte Dürers wie #Willibald Pirckheimer oder #Erasmus von Rotterdam waren bekennende Hieronymus-Verehrer. Sein Nürnberger Freund #Lazarus Spengler übertrug eine Hieronymus-Biografie aus dem Lateinischen ins Deutsche, zu deren Publikation 1514 Dürer den Titelholzschnitt beisteuerte (Bartsch 1803-1821, 7, Nr. 113). Da das phlegmatische Temperament seit der Antike negativ besetzt war, erscheint "Hieronymus im Gehäus" in diesem Rollentypus schwer vorstellbar. In seinem Stich "Die Versuchung des Müßiggängers" oder "Der Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527) hatte der junge Dürer um 1498 einen klassischen Phlegmatiker ins Bild gesetzt. Tobias Leuker setzte sich jüngst dafür ein, in diesem Dürer'schen Hieronymus einen Choleriker zu sehen. Der in der rechten oberen Ecke hängende getrocknete Flaschenkürbis sei Anspielung auf ein Heilmittel gegen cholerische Wutanfälle. "Hieronymus im Gehäus" sei nun ein Geläuterter, der Gelassenheit ausstrahle und sein früheres reizbares Temperament hinter sich gelassen habe.
Der perspektivisch konstruierte Innenraum gibt Rätsel auf. Bautechnisch mutet es an, als sei eine Bohlenstube wenig kunstgerecht nachträglich in ein steinernes Zimmer eingefügt worden. Der auf der Fensterbank abgelegte Totenschädel verweist als vergleichbares Memento mori auf den vorausgehenden Stich "Ritter, Tod und Teufel". Der im Vordergrund liegende Löwe und der über Hieronymus hängende Kardinalshut sind geläufige Attribute des Heiligen.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 140, S. 418.

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.76.60
  • Meder 59a
  • Schoch I.70
  • Hollstein German VII.51.59
  • Bibliography
  • AK Boston 1971/72, Nr. 186-187
  • AK Dresden 1971, Nr. 333
  • Mende 1971, Nr. 3946-3953
  • AK Nürnberg 1971, Nr. 273
  • AK Washington 1971, Nr. 60
  • Strauss 1976, Nr. 77
  • Friedmann 1980, S. 101-114
  • Mende 1983 a, Nr. 76
  • Schuster 1986, S. 37, Abb. 9
  • Agthe 1987, S. 111-125
  • Bietenholz 1989
  • AK Nürnberg 1990, Nr. 31
  • Rücklin 1995
  • AK Schweinfurt 1995/96, S. 124 f.
  • AK Schweinfurt/Amberg 1997/98, Nr. 37
  • Locher 1999, S. 32-35
  • AK Schweinfurt u. a. 1999/2001, Nr. 8
  • Mende u. a. 2000, Nr. 59
  • Leuker 2001, S. 68-75
  • AK London 2002/03, Nr. 130
  • AK Osnabrück 2003, Nr. 121
  • AK Albertina 2003, Nr. 140 (M. Mende)
  • Price 2003, S. 209-214
  • AK Madrid 2005, S. 160-161, Nr. 31 (M. Mende)
  • Hammerschmied 2007, S. 181
  • Grozmann 2009
  • Wolf 2010, S. 182
  • Schauerte 2012, S. 192-194
  • Smith 2012, S. 241-243
  • AK Washington 2013, S. 208-209, Nr. 79 (M. Mende)
  • Ulrich Kuder, Dürers „Hieronymus im Gehäus“. Der Heilige im Licht, Hamburg 2013
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 78-79
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 461, Kat. 167
  • AK The Print, Albertina Wien 2022, Kat. 26
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand
  • Online resources
    zum Catalogue raisonné

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    Last edited03.04.2023