Lesepult mit Büchern (Detail aus dem Gemälde "Der Heilige Hieronymus")
Albrecht Dürer
1521
Die Arbeit am Bildnis des heiligen Hieronymus (Inv. 3167) wurde von mehreren Hell-Dunkel-Studien (Inv. 3168, Inv. 3175 und Inv. 3176) auf grauviolett grundiertem Papier begleitet, in denen Dürer seine Bildidee in höchster Präzision ausarbeitete. Eines dieser Blätter ist diese Kopfstudie, auf der Dürer selbst vermerkte, dass es sich bei dem Dargestellten um einen noch gesunden, 93-jährigen Mann aus Antwerpen handelt. Die wohl auf einem spontanen Porträtentwurf beruhende Pinselzeichnung bot Dürer nicht nur die Möglichkeit, malerische Werte und kompositorische Lösungen auszuloten. Mit den Blättern, die als Teil des Fundus seiner Werkstatt diese nie verließen, dokumentierte er gleichzeitig für sich und seine Mitarbeiter seine eigene Arbeit.
Kaum ein anderes Gemälde Dürers ist so gut dokumentiert, wie der Lissaboner "Hieronymus" (Museu Nacional de Arte Antiga). Aus dem Tagebuch der niederländischen Reise lassen sich die Entstehungszeit eingrenzen und der Empfänger zweifelsfrei ermitteln. Offensichtlich sind die Vorzeichnungen zum Bild vollständig erhalten. Neben den vier Blättern aus dem Besitz der Albertina (Inv. 3167, 3168, 3175, 3176) gehört das Porträt eines alten Mannes im Berliner Kupferstichkabinett zu dem Komplex. Keine andere Tafel Dürers ist im 16. Jahrhunderts so häufig kopiert, nachgeahmt, variiert worden.
Die Zeichnung mit dem Lesepult und den Büchern bereitet die linke untere Ecke des Hieronymus-Gemäldes vor. Anfangs plante Dürer, das vor dem Heiligen aufgeschlagene Buch beidseitig zu zeigen. Unter dem Lesepult entstand dadurch Platz für zwei weitere geschlossene Bücher und eine Spanschachtel. Letztere fehlt auf dem ausgeführten Bild. Das Pult verkürzte Dürer während der Arbeit auf der linken Seite, die rechte Seite des aufgeschlagenen Folianten wurde dadurch angeschnitten. Das Bücherstilleben, obwohl verkleinert, gewann durch die farbige Ausführung an Intensität. Aber warum verschwand die Spanschachtel, dieser Alltagsgegenstand, der in keinem Haushalt damals fehlte? Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie das meist verbreitete Verpackungs- und Aufbewahrungsbehältnis. Der Beruf des Schachtelmachers war natürlich in Nürnberg vertreten. Das Material kam aus den umliegenden Reichswäldern. So wird auch das Ehepaar Dürer nach Antwerpen mit solchen Spanschachteln gereist sein, um täglichen Krimskrams, Arzneien, Briefe und Petschaften, Zeichenutensilien sicher und griffbereit aufbewahren zu können. Die Spanschachtel unter dem Pult machte den Heiligen zu einem Jedermann, angesiedelt in der Gegenwart. Indem Dürer während der Ausführung des Gemäldes sie eliminierte, verstärkte er das Vergeistigte der Person, minderte den Zeitbezug. Allein, was der Kirchenvater für seine Arbeit braucht, fand sich berücksichtigt: Lesepult, Bücher, Tintenfass und Federkiel. Dass die Spanschachtel der Zeichnung symbolische Bedeutung hat, kann man vermutlich ausschließen, obwohl sie sich in der christlichen Ikonografie als Mariensymbol, häufig auf Verkündigungsdarstellungen, findet. Das Behältnis ist in diesem Kontext Metapher für ein "scrinium deitatis", den Schrein, der die Gottheit bergen wird. Zu Hieronymus passt ein solcher Bezug nicht.
vgl. Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 179, S. 503-510.
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