Willibald Pirckheimer
Albrecht Dürer
1524
Als der 53-jährige Willibald Pirckheimer (1470–1530) im Jahr 1524 seinen Freund Albrecht Dürer beauftragte, ein Kupferstichbildnis zu schaffen, hatte er sich bereits aus seinen Ämtern zurückgezogen. Er konnte auf eine erfolgreiche Karriere als Feldhauptmann, Jurist und Ratsherr in seiner Wahlheimat Nürnberg zurückblicken. Pirckheimer war seit 1496 Mitglied des Inneren Rates gewesen. Sein Ruhm begründete sich allerdings weniger auf seine militärischen und administrativen Aufgaben als vielmehr auf seine intellektuellen Verdienste. Angeregt durch das hochgebildete Elternhaus und vertieft durch ein Studium in Italien fand er früh in den Kreis der Humanisten. Hier war er im Umfeld von Konrad Celtis (vgl. Hans Burgkmair d.Ä., Sterbebild des Konrad Celtis, 1507, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv. H 7491, Kapsel-Nr. 31, s. Ausst.-Kat. Wien 2012, Nr. 34) und Erasmus von Rotterdam (Inv. DG1930/1560) als Übersetzer und Herausgeber zahlreicher Schriften hervorgetreten. 1500 wurde Pirckheimer kaiserlicher Rat und war in dieser Funktion auch maßgeblich am Entstehen mehrerer Auftragswerke Maximilians beteiligt, so der Ehrenpforte (Inv. DG1935/973) und des Großen Triumphwagens (Inv. 15423). Die Hieroglyphica des Horapoll, eine wiederum von Dürer mit Federzeichnungen illustrierte Bilderhandschrift, die 1514 dem Kaiser überreicht wurde, übersetzte er aus dem Griechischen (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, KdZ 8464; Ausst.-Kat. Wien 2012, Nr. 38). Den Höhepunkt in der Zusammenarbeit von Dürer und Pirckheimer stellt die rechtzeitig zum Reichstag 1522/23 in Nürnberg vollendete Ausmalung des Nürnberger Rathauses dar, in der Maximilian auf seinem Triumphwagen dargestellt war. Diese wurde unter Dürers künstlerischer Leitung ausgeführt und beruhte auf Pirckheimers humanistischem Bildprogramm. Albrecht Dürer hatte Pirckheimer um 1503 bereits zweimal gezeichnet (Berlin, SMB, Kupferstichkabinett, KdZ 24623 und KdZ 4230; W. 268, 270). Der über 20 Jahre spätere Bildnisstich ist jedoch das erste auch für die Öffentlichkeit bestimmte Porträt des Humanisten. Dürer hat ihn als dreiviertelansichtige Büste angelegt. Er zeigt Pirckheimer ohne Schmuck oder Kopfputz und verzichtet, abgesehen von der Pelzschaube, auf Statussymbole und Rangabzeichen. Pirckheimer besticht vor allem durch seinen wachen Blick. Durchaus kritisch und von einer reflektierenden Melancholie getragen, schweift er am Betrachter vorbei in eine unbestimmte Weite. Hier ist nicht der derbe, kraftstrotzende, zu cholerischen Ausbrüchen neigende Genussmensch dargestellt, der Pirckheimer durchaus gewesen ist, sondern der am Wendepunkt seines Daseins stehende, gereifte Denker. Pirckheimer, verwitwet, ohne Stammhalter und durch diese familiäre Situation mit der irdischen Endlichkeit vertraut, sieht seine Zukunft in geistigen Werken.
Der Bildnisstich folgt in der Anlage dem im gleichen Jahr entstandenen repräsentativen Porträt Friedrichs des Weisen (Meder 102), doch konnte Dürer bei Pirckheimer sein Thema ungleich freier und persönlicher gestalten als beim sächsischen Kurfürsten. Während das Wesen des Herrschers von Attributen verdeckt ist, erscheint der Humanist offen und ungeschönt. Hierbei zeigt sich Dürers Vermögen, den Freund nicht abzubilden, sondern darzustellen. Er schafft ein Idealbild und inszeniert den gereiften Denker, der sich, durchaus vom Leben gezeichnet, auf die Unvergänglichkeit des Geistigen besinnt.
Pirckheimer schickte Abdrucke des Bildnisstichs an seine Freunde. Erasmus von Rotterdam staunte über die Einfühlungsgabe Dürers, in dem Pirckheimer seinen »Apelles« gefunden habe. Der Nachwelt wurde der Kupferstich zum »Humanistenporträt schlechthin« (Mende 2001).
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