Willibald Pirckheimer
Albrecht Dürer
1524
Willibald Pirckheimer (1470–1530), Spross einer wohlhabenden Nürnberger Patrizierfamilie, war einer der einflussreichsten Humanisten seiner Zeit. Nach Studien in Padua und Pavia war er über viele Jahre Mitglied des Nürnberger Rats, Berater Kaiser Maximilians I. und ein enger Freund Dürers. Pirckheimer spielte bei Dürers intellektueller Ausrichtung eine zentrale Rolle. Er war es, der ihm antike Vorstellungen näherbachte und ihn mit lateinischen, griechischen und italienischen Quellen vertraut machte. Das Kupferstichporträt Pirckheimers, das möglicherweise aus Anlass von dessen Ausscheiden aus dem Nürnberger Rat im Jahr 1523 entstand, entspricht dem allgemeinen Konzept von Dürers druckgrafischen Porträts. Es zeigt den Dargestellten in knapp bemessener Büste vor neutralem Grund, in hoher Individualität und Realitätsnähe. Die Inschrift hält fest, dass sein Geist leben, alles Übrige aber sterben wird.
Willibald Pirckheimer (1470–1530), born into a patrician Nuremberg family, became one of the most influential humanists of his time. After studying in Padua and Pavia, he was a member of Nuremberg’s town council for many years, served as an advisor to Emperor Maximilian I, and was a close friend of Dürer’s. Introducing the artist to classical thinking as well as Latin, Greek and Italian texts, Pirckheimer played a crucial part in Dürer’s intellectual life. Dürer’s copperplate engraving of Pirckheimer, perhaps occasioned by the latter’s withdrawal from Nuremberg’s city council in 1523, corresponds to the general concept of his printed portraits. The sitter’s highly individualized and realistic likeness is presented as a tightly framed half-length bust against a neutral background. The inscription proclaims that everything except the human intellect belongs to death.
Als der 53-jährige Willibald Pirckheimer (1470–1530) im Jahr 1524 seinen Freund Albrecht Dürer beauftragte, ein Kupferstichbildnis zu schaffen, hatte er sich bereits aus seinen Ämtern zurückgezogen. Er konnte auf eine erfolgreiche Karriere als Feldhauptmann, Jurist und Ratsherr in seiner Wahlheimat Nürnberg zurückblicken. Pirckheimer war seit 1496 Mitglied des Inneren Rates gewesen. Sein Ruhm begründete sich allerdings weniger auf seine militärischen und administrativen Aufgaben als vielmehr auf seine intellektuellen Verdienste. Angeregt durch das hochgebildete Elternhaus und vertieft durch ein Studium in Italien fand er früh in den Kreis der Humanisten. Hier war er im Umfeld von Konrad Celtis (vgl. Hans Burgkmair d.Ä., Sterbebild des Konrad Celtis, 1507, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv. H 7491, Kapsel-Nr. 31, s. Ausst.-Kat. Wien 2012, Nr. 34) und Erasmus von Rotterdam (Inv. DG1930/1560) als Übersetzer und Herausgeber zahlreicher Schriften hervorgetreten. 1500 wurde Pirckheimer kaiserlicher Rat und war in dieser Funktion auch maßgeblich am Entstehen mehrerer Auftragswerke Maximilians beteiligt, so der Ehrenpforte (Inv. DG1935/973) und des Großen Triumphwagens (Inv. 15423). Die Hieroglyphica des Horapoll, eine wiederum von Dürer mit Federzeichnungen illustrierte Bilderhandschrift, die 1514 dem Kaiser überreicht wurde, übersetzte er aus dem Griechischen (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, KdZ 8464; Ausst.-Kat. Wien 2012, Nr. 38). Den Höhepunkt in der Zusammenarbeit von Dürer und Pirckheimer stellt die rechtzeitig zum Reichstag 1522/23 in Nürnberg vollendete Ausmalung des Nürnberger Rathauses dar, in der Maximilian auf seinem Triumphwagen dargestellt war. Diese wurde unter Dürers künstlerischer Leitung ausgeführt und beruhte auf Pirckheimers humanistischem Bildprogramm. Albrecht Dürer hatte Pirckheimer um 1503 bereits zweimal gezeichnet (Berlin, SMB, Kupferstichkabinett, KdZ 24623 und KdZ 4230; W. 268, 270). Der über 20 Jahre spätere Bildnisstich ist jedoch das erste auch für die Öffentlichkeit bestimmte Porträt des Humanisten. Dürer hat ihn als dreiviertelansichtige Büste angelegt. Er zeigt Pirckheimer ohne Schmuck oder Kopfputz und verzichtet, abgesehen von der Pelzschaube, auf Statussymbole und Rangabzeichen. Pirckheimer besticht vor allem durch seinen wachen Blick. Durchaus kritisch und von einer reflektierenden Melancholie getragen, schweift er am Betrachter vorbei in eine unbestimmte Weite. Hier ist nicht der derbe, kraftstrotzende, zu cholerischen Ausbrüchen neigende Genussmensch dargestellt, der Pirckheimer durchaus gewesen ist, sondern der am Wendepunkt seines Daseins stehende, gereifte Denker. Pirckheimer, verwitwet, ohne Stammhalter und durch diese familiäre Situation mit der irdischen Endlichkeit vertraut, sieht seine Zukunft in geistigen Werken.
Der Bildnisstich folgt in der Anlage dem im gleichen Jahr entstandenen repräsentativen Porträt Friedrichs des Weisen (Meder 102), doch konnte Dürer bei Pirckheimer sein Thema ungleich freier und persönlicher gestalten als beim sächsischen Kurfürsten. Während das Wesen des Herrschers von Attributen verdeckt ist, erscheint der Humanist offen und ungeschönt. Hierbei zeigt sich Dürers Vermögen, den Freund nicht abzubilden, sondern darzustellen. Er schafft ein Idealbild und inszeniert den gereiften Denker, der sich, durchaus vom Leben gezeichnet, auf die Unvergänglichkeit des Geistigen besinnt.
Pirckheimer schickte Abdrucke des Bildnisstichs an seine Freunde. Erasmus von Rotterdam staunte über die Einfühlungsgabe Dürers, in dem Pirckheimer seinen »Apelles« gefunden habe. Der Nachwelt wurde der Kupferstich zum »Humanistenporträt schlechthin« (Mende 2001).
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