Marcantonio Raimondi, Das Urteil des Paris, Inv. Nr.: DG1970/432
Das Urteil des Paris
Marcantonio Raimondi, Das Urteil des Paris, Inv. Nr.: DG1970/432
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Das Urteil des Paris

Marcantonio Raimondi

um 1513-1514




Künstler:in ((Argini bei Bologna?) um 1480 - 1527/34 Bologna)
Nach (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1513-1514
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich, 1. Zustand
Dimensions29,3 x 43,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1970/432
Edition1. Zustand (Bartsch, Delaborde)
Inscribedl.u. Inschrift: "SORDENT PRAE FORMA / INGENIVM. VIRTVS. / REGNA. AVRVM"; P. Mariette 1673
SignedM.u. "RAPH. VRBI / INVEN / MAF (Monogramm, ligiert)"
Text

Das Urteil des Paris ist ein Hauptwerk der Zusammenarbeit zwischen Marcanton und Raphael, dessen in Rom entwickelter klassischer Stil in diesem Blatt einen ersten Höhepunkt erlebt. Vasari (Bd. 5, S. 411) schreibt, dass Raphael eine Zeichnung direkt für diesen Stich anfertigte, der für die Schönheit der Ausführung zu den bewundernswertesten Schöpfungen Marcantons gehört. Die Darstellung brachte ihm viel Anerkennung und war bis ins 19. Jahrhundert von größter künstlerischer Auswirkung (Healy 1997, S. 18 ff.). Marcanton hat die gesamte Platte zuvor aufgeraut und später nur diejenigen Partien poliert, die im Stich hell bleiben sollten (Landau/Parshall 1994, S. 128). Durch diese Technik schuf er einen samtigen Grundton für die an Tonabstufungen äußerste reiche Modellierung, die der Darstellung eine einzigartige bildhafte Geschlossenheit verleiht. Sie wurde bekanntlich von zwei antiken Sarkophagreliefs mit Darstellungen des "Urteil des Paris" in der Villa Medici und in der Villa Doria Pamphili angeregt (Bober/Rubinstein 1987, Abb. 119-120). Raphael übernahm die asymmetrische Anordnung, löste aber die Reliefgebundenheit auf und gab den Figuren dadurch die Möglichkeit der räumlichen Entfaltung in dem antikischen Landschaftsraum. Im Unterschied zu #Francesco Francias Wiedergabe dieser Szene (Inv. 4859) hat Paris hier bereits seine Entscheidung gefällt und reicht Venus den Apfel, während Juno mit dem Finger auf ihn deutet und Minerva ihr Gewand schon wieder anlegt.
Raphael beschäftigte sich vermutlich bereits um 1509-1510 mit ersten Entwürfen zu dem "Urteil des Paris" (siehe AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 33), doch schuf er gewiss erst zu einem späteren Zeitpunkt die Vorzeichnung für diesem Stich, die sich allerdings nicht erhalten hat. Im Vergleich zu den Studien für die Stufetta des Kardinals #Bibbiena und für die Fresken der Psyche-Loggia der Farnesina von ca. 1516-1518 fällt auf, dass die Figuren im "Urteil des Paris" noch nicht denselben antikisch muskulösen und höchst beweglichen Körperbau mit den gerundeten Gliedern haben. Bei Paris und dem Flussgott rechts sind die einzelnen Muskelpartien stark voneinander abgesetzt und treten an manchen Stellen übermäßig hervor. Man beachte auch die ungelenken Bewegungen der Victoria und der Gruppe mit Castor und Pollux und Jupiter im oberen Bereich gegenüber entsprechenden Partien in Marcantons "Quos Ego" von ca. 1516 (Inv. DG1971/361). Engste Bezüge ergeben sich zu Raphaels Entwürfen für die "Auferstehung Christi" von 1513 für die Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace. Auf einer Studie hierfür in Oxford (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 479-480) erscheint einer der Soldaten in derselben Haltung und mit derselben hervortretenden Muskulatur wie der Flussgott am rechten Rand, wie schon Thode (1881, S. 25) bemerkt hat. Auf der Rückseite sind Kühe auf einer Weide gezeichnet, ähnlich wie sie  im "Urteil des Paris" im Hintergrund links wiederkehren. Mit dem Stich engstens verwandt ist zudem ein kleines Grisaillebild am Fenstergewände unterhalb des "Parnass", das ebenfalls das "Urteil des Paris" wiedergibt und womöglich zu Beginn des Pontifikats #Leos X. gemalt wurde (Bianchi 1968, S. 661, Abb. 23).
In der Feinheit der Ausführung entspricht Marcantons "Heilige Helena" (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 342, Nr. 460) mit dem ähnlich puppenhaft wirkenden kreuztragenden Engel unserem Stich. Die weiche Einbettung der Gestalten in den Raum und die malerische Wirkung sind auf beiden Darstellungen zudem sehr ähnlich. Die "Heilige Helena" ging aus einer Zeichnung in den Uffizien mit Studien für eines der Fresken am Gewölbe der Stanza di Eliodoro hervor (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 483) und lässt sich daher um 1514 datieren. Alle diese Argumente legen eine Entstehungszeit des Stiches "Urteil des Paris" um 1513-1514 nahe.

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 30, S. 96.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 14, S. 197 f., 245
  • Passavant 1860-1864, 6, S. 25 f., 137
  • Le Blanc, 3, S. 277, 157
  • TIB 26.242.245-I (197)
  • Bibliography
  • Thode 1881, S. 24 f., Nr. 12
  • Delaborde 1888, S. 159-161, Nr. 114
  • Hirth 1898, S. 32 f.
  • Fischel 1948, Bd. 1, S. 324 f.
  • Tietze-Conrat 1953
  • Bianchi 1968, S. 663-665, Fig. 24-25
  • AK Providence 1973, S. 92 f., Nr. 99 (J. V. Quarrier)
  • AK Cambridge 1974, S. 36 f., Nr. 19 (L. Nees)
  • du Boys-Reymond 1978 S. 115-120
  • Sopher 1978, S. 16 f., Nr. 12
  • Shoemaker 1981, S. 190 f., Nr. 65
  • AK Paris 1983/84, S. 345 f., Nr. 24 (P. Jean-Richard)
  • Jones/Penny 1983, S. 179, Fig. 186
  • Oberhuber 1984, S. 339
  • AK Genf 1984, S. 50 f., Nr. 59 (R. M. Mason)
  • Lord 1984, S. 84 ff., Fig. 5
  • AK Rom 1985, S. 242, Nr. II 1 (S. Massari)
  • Cordellier/Py 1992, S. 162
  • Landau/Parshall 1994, S. 125-128, 141, Fig. 141
  • Healy 1997, S. 9 ff., Fig. 2
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 33 (A. Gnann)
  • AK Albertina/Venedig/Bilbao 2004/05, Nr. 30
  • Ayumi Yasui, Where Has Paris Gone? Sebald Beham's "Fountain of Youth" Reconsidered, in: Sacred and Profane in Early Modern Art (Kyoto Studies in Art History, 1, 2016), S. 19-35, hier S. 26-27, mit Fig. 12 (Londoner Exemplar)
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/124379/das-urteil-des-parisImage Request
    Last edited30.09.2025

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