Die Windmühle
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1641
Rembrandt ist der bedeutendste Radierer aller Zeiten, der wie kein anderer die gestalterischen Möglichkeiten des Mediums ausschöpfte. Im Unterschied zum Kupferstich, wo der Entwerfer meist mit einem professionellen Stecher zusammenarbeitet, ermöglicht die Radierung dem Künstler die gleiche zeichnerische Leichtigkeit und Spontaneität wie eine Handzeichnung. Auf der Suche nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten kombinierte Rembrandt dazu Kaltnadel und ließ im Druck den »Plattenton« mitwirken. Seine radierten Landschaften entstanden wohl nicht vor Ort, sondern wurden im Atelier auf Grundlage von Skizzen angefertigt. Es gibt Motive, die sich lokalisieren lassen und reale Örtlichkeiten zeigen; andere kombinieren unterschiedliche Ansichten miteinander oder sind frei erfunden.
Platte: 14,5 × 20,8 cm
Mit außergewöhnlicher Akribie gab Rembrandt in dieser 1641 datierten Radierung die komplizierte Konstruktion der stellenweise beschädigten Windmühle wieder, in der einst sogar die Leidener Geburtsstätte des Künstlers vermutet wurde. Neueren Recherchen zufolge handelt es sich hier aber um das Objekt, das sich südlich von Amsterdam am Ende des Bollwerks "De Passeerder" befand. Diese Mühle diente dem Prozess des Weichmachens von gegerbtem Leder, wofür man Lebertran verwendete. Aufgrund der damit verbundenen üblen Geruchsentwicklung wurde sie die "kleine stink molen" (kleine Stinkmühle) genannt; auf dem nächsten Bollwerk weiter nördlich befand sich die "grote stink molen" (große Stinkmühle).
Bezüglich der Frage, ob Rembrandt die offenbar genau beobachtete Mühle und die angrenzenden Häuser vor Ort radiert hat oder ob er die Platte anhand von gezeichneten Studien in der Werkstatt angefertigt hat, herrscht keine Einigkeit. Jedenfalls geht die extreme lineare Verfeinerung nicht auf Kosten der einheitlichen Wirkung; der nuanciert beleuchtete Baukomplex präsentiert sich als Teil des atmosphärischen Landschaftsraumes. Dabei bilden die sich winzig abzeichnenden Spaziergänger den optischen Übergang von der Mühle zum weit entfernten, zart angedeuteten Horizont. Die Frage, ob der graue Ton im Himmelbereich eine bewusst angebrachte oder eine irrtümliche Ergänzung war, bleibt offen; feststeht, dass die dort sichtbare Craquelure von Sprüngen im Ätzgrund verursacht worden ist.
Die Tatsache, dass Rembrandt dieser Mühle als offensichtlich nicht repräsentativem, allgemein gemiedenem Objekt eine monumentale Würde verliehen hat, weist auf seine besondere Vorliebe für verfallene und verwitterte Bauwerke hin. Diese wurden traditionell als Metapher für die subjektive, gegen die hohe Ästhetik gerichtete Einstellung des Künstlers angesehen - eine Einschätzung, der heute nur noch bedingt beigepflichtet wird.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 76, S. 168.
