Der Apoll vom Belvedere
Marcantonio Raimondi
um 1510-1511
Der "Apoll vom Belvedere" ist bekanntlich eine römische Kopie (2. Jh. n. Chr.) nach einem verlorenen hellenistischen Bronzestandbild. Der genaue ursprüngliche Fundort im späten 15. Jahrhundert ist umstritten, jedenfalls brachte der #Kardinal Giuliano della Rovere die Statue in den Garten seins Palastes bei S. Pietro in Vincoli. Als Papst Julius II. ließ er sie später im Statuenhof des Belvedere aufstellen.
Der Stich gibt den Apoll in leichter Untersicht noch vor der Restaurierung des #Giovanni Angelo Montorsoli 1532/33 wieder, der die gesamte rechte Hand ergänzte und zu deren Stütze den Baumstumpf erhöhte. Montorsoli fügte auch die fehlende linke Hand mit dem Bogenstück hinzu. Im Stich ist allerdings nicht der alte Marmorsteg zu sehen, der sich zwischen der Hüfte und dem Handgelenk der Rechten befand. Der Apoll ist in Seitenansicht dargestellt, so dass die zielgerichtete Bewegung durch den Blick und den ausgestreckten Arm mit der prachtvoll gefältelten Chlamys zur Wirkung kommt. Der Betrachterwinkel ist geschickt so gewählt, dass Fuß und Ferse des linken Beines nur geringfügig sichtbar sind, was der Figur eine besondere Spannung verleiht. Der geschwungene Umriss betont dies noch, wobei nicht das Feingliedrige und Geschmeidige der antiken Statue, sondern das Muskulöse hervortritt. Die Muskulatur des Oberkörpers, die rechte Schulter und der Bizeps der Linken zeichnen sich überdeutlich ab und veranschaulichen die hohe Organik der Bewegung. Die Chlamys und der Baumstamm erwecken dagegen in der detaillierteren Wiedergabe den Eindruck, aus einem anderen Material zu sein. Die strenge Profilansicht, die durch die Schattierung der rechten Körperhälfte verstärkt wird, betont in erster Linie das Silhouettenhafte und Statische des Apoll und nicht seine Bewegung im Raum. Es ist zwar eine Nische angedeutet, die aber bezeichnenderweise ohne Begrenzung und ohne Abschluss bleibt (siehe du Boys-Reymond 1978, S. 33). Daher findet auch keinerlei Interaktion zwischen dem Standbild und dem Umraum statt, wie es Marcanton sehr wohl in seinen Stichen nach den Nischenfiguren in der "Schule von Athen" wiederzugeben wusste (Bartsch 1803-1821, 14, S. 234, Nr. 311, S. 251 - 252, Nr. 334 - 335). Die Wiedergabe im Profil folgt einer Tradition, die vor allem Künstler des Quattrocento gewählt hatten, wie es die Bronzestatuetten des Antico, der Codex Escurialensis (fol. 53r.) oder die #Jacopo Francia zugeschriebene Zeichnung in Berlin zeigen (Brummer 1970, Abb. 38, 41, 45-46). Marcantons Stich unterscheidet sich dabei von allen diesen Vorlagen (Faietti 1988, S. 182) und muss auf einer Zeichnung basieren, die vor dem Original entstanden ist. Hirth (1898) dachte an #Peruzzi, doch die ausgereifte Gestaltung aller Partien, die Elastizität und vollendete Klarheit der Bewegungen sprechen für einen Entwurf #Raphaels. Sehr verwandt sind die Zeichnungen zu dem Stich mit dem "Bethlehemitischen Kindermord" von 1509/10 (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 340-345). Was die Technik des Stiches anbetrifft, so dürfte dieser nicht wesentlich später als die frühen Werke "Dido" oder der "Bethlehemitische Kindermord" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 153-154, Nr. 187, S. 153-154, Nr. 20) entstanden sein, in denen Marcanton ebenfalls noch stark den Körperumriss betont ohne den Gliedern völlige Rundung zu geben. Der "Apoll vom Belvedere" wirkt durch das freier strömende Licht etwas reifer und lässt sich daher gut mit den "Kletterern" nach einem Kartonfragment von #Michelangelos "Schlacht von Cascina" vergleichen, die Marcanton 1510 datiert hat. Daher ist die Entstehung um 1510/11 wahrscheinlich (du Boys-Reymond 1976, S. 32; Faietti 1988, Nr. 42).
Es existiert eine zweite Version des Stiches mit geringen Veränderungen (The Illustrated Bartsch 27, S. 25, Nr. 331), in der das "S" des Wortes "SIC" seitenverkehrt ist (Nicht zuzustimmen ist Delaborde 1888, S. 152, Nr. 106, wonach nur diese Version von Marcanton stammt).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 30, S. 90.
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