Der Reiter
Albrecht Dürer
1498
1498 fertigte Dürer die Zeichnung eines deutschen Ritters. Der von der Lanzenspitze baumelnde Fuchsschwanz zeichnet den Krieger als Mitglied einer Truppe von 100 Harnischreitern aus, die Maximilian I. im Entstehungsjahr der Zeichnung etabliert hatte. Der König gab genaue Anweisungen zur Ausstattung der Reiter und teilte den vier Abteilungen der Truppe jeweils eine eigene Fahne und Farbe – Rot, Grün, Weiß und Gelb – zu. In größter Akribie hielt Dürer die Rüstung, die den Kopf schützende ›deutsche Schaller‹ mit hochgeklapptem Visier und den Harnisch, sowie die Färbung von Wams und Schutzhelm fest, die deren Träger als Teil der ›gelben‹ Abteilung kennzeichnet. Die Vertrautheit mit den Anordnungen Maximilians lässt die Vermutung zu, dass Dürer bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit dem Umfeld des späteren Kaisers in Kontakt kam. Dürer selbst griff noch Jahre später für die Darstellung von Ritterfiguren, etwa im Meisterstich Ritter, Tod und Teufel, auf die Zeichnung und den mittlerweile veralteten Harnischtypus zurück.
The portrait of Emperor Maximilian I that was brought into circulation by Augsburg artists proved to be extremely popular; several editions became necessary within a short period of time. It is based on a portrait drawing made at the artist’s sole documented encounter with the emperor on the occasion of the 1518 Diet of Augsburg. Signs of tracing resulting from the transfer of the facial features to the wood printing block are clearly visible on the drawing. The monumental woodcut was ultimately issued in four versions. While all four were printed from different blocks, the differences between them are only minimal. Solely the woodcut traditionally attributed to Hans Weiditz on show here differs from the others, namely in the elaborately ornamented architectural framework that made it necessary to position the eulogy to the divine emperor to the left and right of his face instead of in the otherwise used scroll at the top of the sheet.
Es muss ein besonderer Anlass gewesen sein, der Dürer bewegte, das große, auf das Feinste in Feder und Aquarell ausgearbeitete Bild eines berittenen Kriegers festzuhalten und auch genau zu beschriften. Die eine oder andere zeichnerische Schwäche ist der frühen Entstehungszeit des Blattes oder vielleicht dem während der Aufnahme unruhig auf der Stelle tretenden Pferd geschuldet: Es ist, wie Matthias Mende bemerkte (Ausst.-Kat. Wien Albertina 2003), noch nicht »aus der Maß« gemacht, da Dürers Proportionsstudien, die auch das Pferd einschlossen, erst zwei Jahre später ihren Anfang nahmen. Auch ist Dürer die Platzierung des Tiers auf dem neutralen Grund nicht wirklich gelungen – seine Hinterläufe stehen in der flächigen Projektion zu weit hinten oder sind zu kurz geraten.
Die Rüstung selbst aber wurde – wie bei einem Künstler, der auch als Entwerfer prunkvoller Harnische reüssierte, nicht anders zu erwarten (vgl. Inv. 3151, Inv. 3152) – mit größtmöglicher Sorgfalt und Akribie dokumentiert. Den an der Lanzenspitze baumelnden Fuchsschwanz ordnete Kaiser Maximilian im Entstehungsjahr der Zeichnung als Feldzeichen für eine stehende Truppe von Harnischreitern an. In die deutsche Spätgotik führen auch die Merkmale des grazilen, geriefelten Harnischs und der »Deutschen Schaller« mit weit ausgezogenem halbem, hier hochgeklapptem Visier. Vielleicht erinnert die Zeichnung also an eine Begegnung Dürers mit der maximilianeischen Reitertruppe.
Die Studie, auf die Dürer so große Mühe verwendet hatte, diente schließlich Jahre später als Behelf bei der Konzeption des berittenen hl. Georg (Inv. DG1930/1503), bis der Reiter schließlich 1513 seinen großen Auftritt als einer der drei Protagonisten in Ritter, Tod und Teufel (Inv. DG1930/1549) hatte. Vielleicht beschriftete Dürer das Blatt damals mit dem Hinweis, dass eine Rüstung dieses Schnitts »zu der Zeit« in Deutschland getragen worden war. Längst nämlich hatte moderne Waffentechnik neuartige Harnischtypen entwickelt, und Dürers Zeichnung war unversehens zum Manifest des von Maximilian noch einmal beschworenen Rittertums geworden.
Aus dem Jahr 1498 haben sich nur wenige datierte Zeichnungen Dürers erhalten. Das mag kein Zufall sein, dürften Fertigstellung, Druck und Vertrieb der "Apokalypse" (Inv. DG1934/349, DG1934/362, DG1934/368, DG1934/370) seine Arbeitskraft doch ziemlich gebunden haben. Das gemalte Madrider Selbstbildnis aus dem gleichen Jahr (Museo Nacional del Prado, Inv. P 2179) meldet einen Führungsanspruch an, der weit über Nürnberg hinausweist. Um diese Zeit suchte der Humanist #Conrad Celtis ersten Kontakt mit dem Maler.
Auf die Studie des Reiters verwandte der Künstler große Mühe. Dass er an eine vorlagengetreue Umarbeitung zu einem Kupferstich dachte, ist denkbar. Der um 1501 anzusetzende "Heilige Eustachius" (Inv. DG1930/1506) und der 1505 begonnene "Heilige Georg" (Bartsch 7, 54) verraten allenfalls in Details Anklänge an die Vorlage. Erst das Hauptblatt "Ritter, Tod und Teufel" (Inv. DG 1930/1549) beschwört 1513 die anderthalb Jahrzehnte zurückliegende Studie ungewöhnlich getreu. Vielleicht beschriftete Dürer bei dieser Gelegenheit das Blatt oben nachträglich. Die Angabe, dass eine Rüstung dieser Art "zu der Zeit in Deutschland" getragen wurde, klingt, als sei dem Zeichner bewusst, wie aus der Mode gekommen ein spätgotischer Harnisch dieser Machart inzwischen war. Die zweifellos eigenhändige Beschriftung widerlegt das Vorurteil älterer Forscher, die in dem Blatt das Werk eines kopierenden Mitarbeiters erkennen wollten. Da es keinen Beleg für die Existenz einer Dürer-Werkstatt vor 1503 gibt, haben sich solche Zweifel an der Eigenhändigkeit erledigt. In den Beständen des reichsstädtischen Zeughauses in Nürnberg, dessen Bauten sich auf dem Gelände des aufgelassenen Stadtgrabens zwischen Pfannenschmiedsgasse und Färberstraße erstreckten und im Zweiten Weltkrieg bis auf den Kopfbau von 1588/89 zerstört wurden, kann man sich eine wertvolle Rüstung dieser Art schwer vorstellen. Eher wäre an einen Besitzer aus einer der patrizischen Familien Nürnbergs zu denken, mit denen Dürer vor 1500 Umgang hatte. Moriz Thausing dachte in diesem Zusammenhang an #Stephan Paumgartner, eine haltlose Vermutung, da Dürer diesen als heiligen Georg auf dem linken Flügel des "Paumgartner-Altars" ganz anders aussehend porträtierte (Goldberg u. a. 1998, S. 176 f.).
Das Pferd ist noch nicht "aus der Maß" gemacht. Dürers kunsttheoretische Studien, die auch die Ermittlung der idealen Proportionen des Pferdes einschlossen, setzten etwa zwei Jahre später ein. Die waffentechnischen Besonderheiten der Rüstung hat jüngst Heinrich Müller geklärt. Auffällig schien ihm der Verzicht auf das Unterbeinzeug - die verkrumpelte Ledermanschette um Knöchel und Schienbein mutet Nachgeborenen vielleicht unkriegerisch-privat an, entsprach aber damaliger Turnierrüstung. Wie auch das Hals- und Kinntuch der Bequemlichkeit des Reiters diente. Die ungewöhnliche Brauntönung der stählernen Helmglocke deutet Müller wohl korrekt als künstlerische Freiheit. Offenbar sollte sie sich farblich dem über der Rüstung getragenen Lederwams angleichen. Die Buchstabenkombination "WA" auf dem Helm konnte aber auch er nicht auflösen. Als Signatur eines Nürnberger Harnischmachers oder als Namensinitialen des Besitzers kann man sie sich in dieser auffälligen Größe nicht vorstellen. Der Fuchsschwanz an der Lanze scheint ein Zeitbezug sein. Nach Müller ordnete Kaiser Maximilian I. im Entstehungsjahr vorliegender Zeichnung dieses Feldzeichen für eine stehende Truppe von hundert Harnischreitern an.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 137, S. 412.
