Die Auferstehung Christi
Ugo da Carpi
um 1524-1527
Ugos Clair-obscur gibt die Darstellung am Sockel des 13. Jochs der Loggien wieder, das als einziges mit Szenen aus dem Leben Christi dekoriert war. Das heute nicht mehr lesbare Grisaillebild mit der Auferstehung Christi überliefert unter anderem ein Stich von Pietro S. Bartoli (Dacos 1986, Taf. CXLVa). Wie alle anderen Clair-obscurs von Ugo entstand auch dieser nicht nach dem ausgeführten Gemälde, sondern nach einer Zeichnung, die sich in diesem Fall erhalten hat. Als Vorlage diente die annähernd maßgleiche und nur kleinere Unterschiede in der Figurenbehandlung aufweisende lavierte Federzeichnung mit Weißhöhung in Chatsworth (Devonshire Collection, Inv.-Nr. 150). Sie ist zur Übertragung der Darstellung auf das Wandbild quadriert. Das Blatt galt lange Zeit als eine Kopie bzw. eine Arbeit aus der Werkstatt, doch K. Oberhuber (Trudzinksi 1987, S. 111; Mantua und Wien 1999, Nr. 112) hat sich wieder für eine Zuschreibung an Raphael eingesetzt, zumal der Stil mit den Entwürfen für die Gewölbebilder der Loggien identisch ist. Ein zweiter Clair-obscur-Holzschnitt Ugo da Carpis mit der Ansprache Josuas an das Volk (B. XII, S. 77, Nr. 25) entstand nach der Vorzeichnung im Teylers Museum in Haarlem für das Sockelfresko im zehnten Joch (Haarlem 2012–2013, Nr. 51). Bei der Komposition der Auferstehung Christi hat K. Oberhuber auf die eigentümliche Verbindung der mittelalterlichen Form des Heraustretens aus dem Sarkophag mit dem Höhlengrab hingewiesen, das später in dem Teppich der »Scuola-Nuova«-Serie zum allein bestimmenden Motiv wird. Die Idee, die Soldaten in gedehnten Bewegungen übereinanderstürzen zu lassen, geht auf Raphaels Entwürfe für die nicht ausgeführte Darstellung der Auferstehung Christi von 1513 zurück, worauf Gere und Turner (1983, S. 243) hingewiesen haben. Die Trennung der Gestalt des Heilands von der Soldatengruppe auf der einen Seite und von den drei Marien auf der anderen ist gewiss dem gestreckten Rechteckformat der Szene geschuldet. Der in der Literatur eher wenig beachtete Holzschnitt ist stilistisch eng mit dem Traum Jakobs (Albertina, Inv. DG2002/269) verbunden. Wie dieser unterscheidet er sich von dem Clair-obscur David erschlägt Goliath (Albertina, Inv. DG2002/272) nach einem Entwurf für das Fresko im elften Gewölbejoch, in dem die Farbfelder klar begrenzt und die Formen plastisch herausmodelliert sind, durch die offene, malerische Ausführung. Die Linien der schwarzen Strichplatte setzen nur flüchtige Akzente oder vertiefen die Schattierungen und lösen sich an den vom Licht bestrahlten Partien oftmals gänzlich auf. Sie muten mehr mit der Pinselspitze aufgetragen als mit der Feder gezeichnet an. Die Farbflächen sind nicht mehr scharf begrenzt, sondern breiten sich wässrig aus, ohne an eine bestimmte Form gebunden sein. Der Künstler liefert keine Beschreibung der Aktion und all ihrer Teilnehmer wie bei David erschlägt Goliath, sondern hält mit Farbe und Licht das Momenthafte des Ereignisses fest. Von dieser malerisch-dynamischen Auffassung nimmt Niccolò Vicentino in seinen Holzschnitten wie dem Blatt Christus heilt die Aussätzigen (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 96, 97) seinen Ausgangspunkt. Niccolò vermag seinen Figuren aber nicht dieselbe Substanz zu verleihen, denn seine Körper wirken biegsam und beliebig verformbar. Man beachte, wie plastisch und artikuliert die Gestalten in der Auferstehung Christi sind und wie klar sie sich trotz der reliefhaften Anlage vom Grund abheben. In Niccolòs Clair-obscur-Holzschnitt wirken die Bewegungen unkontrolliert und schnellend, und die Figuren setzen sich kaum vom Hintergrund ab. Die Auferstehung Christi ist engstens mit den Holzschnitten Olympos, Pan, Apoll und Marsyas und Badende Nymphen verbunden (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 50, 52), die nach Vorzeichnungen des von 1524 bis 1527 in Rom weilenden Künstlers Parmigianino entstanden sind. Alle diese Blätter tragen keine Signatur, entwickeln aber den gleichen malerischen und zugleich plastisch-klaren Stil weiter, der mit Ugos Kreuzabnahme und Venusfest (Albertina, Inv. DG2002/287, Inv. DG2002/307) einsetzt und seinen Höhepunkt mit dem Diogenes erlebt. Wie die Holzschnitte nach Zeichnungen Parmigianinos dürfte Ugo die Auferstehung Christi um 1524 bis 1527 geschaffen haben.
Literatur: Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 75–76; Karpinski 1971, Nr. 45.26; Oberhuber 1972, S. 180, unter Nr. 473; Trotter 1974, S. 17ff., 109ff.; Servolini 1977, Kat. 20, Tav. XXXI; Mantua und Wien 1999, Nr. 113; Sassi 2009, S. 76; Carpi 2009, Kat. 32 (Text v. M. Rossi)
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