Venusfest
Ugo da Carpi
um 1520-1522
Die Darstellung auf Ugo da Carpis querovalem Clair-obscur-Holzschnitt folgt der Bildbeschreibung des Venusfestes des griechischen Philosophen Philostrat in dessen Eikones (I,6). Als direkte Vorlage für den Druck diente eine gleichseitige, maßgleiche, lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung, die sich in einer Privatsammlung befindet (Wien 2013, Abb. 28). Es handelt sich dabei um einen quadrierten Entwurf für ein Fresko in der Gartenloggia der Villa Madama, dem letzten großen Bauwerk des Architekten Raphael. Das von Papst Leo X. begonnene und später von seinem Cousin Kardinal Giulio de’ Medici geleitete Projekt der Neuschaffung einer antiken Villa suburbana am Nordosthang des Monte Mario wurde nie vollendet. Die Dekoration der Villa Madama erfolgte erst nach Raphaels Tod zwischen 1520 und 1525 unter der Leitung von Giulio Romano und Giovanni da Udine sowie unter Beteiligung anderer Künstler. Am prachtvollsten wurde die Gartenloggia mit Malerei und Stuckdekor ausgestattet. Für die Gewölbeszenen haben sich Entwurfszeichnungen erhalten, die teilweise Penni und teilweise Peruzzi zuzuschreiben sind, während andere noch von der Hand Raphaels stammen könnten (vgl. Mantua und Wien 1999, Kat. 193–198). Den Entwurf für das Venusfest im südwestlichen Gewölbe hält K. Oberhuber ebenfalls für ein Werk Raphaels (Brief vom 3. Juli 2001 an den Besitzer), was angesichts der raumhaften Anlage der Figurenmotive und der Gelöstheit sowie gleichzeitig hohen Artikulation der Bewegungen zutreffen dürfte. Die Komposition ist von abwechslungsreicher Vielfalt und zugleich von größter Klarheit und Einheitlichkeit. Sie erhält zudem ihr reiches Leben durch die Fülle der Motive. Stilistisch vergleichbar scheint etwa Raphaels Projekt von 1519 für das Grabmal des Markgrafen Francesco Gonzaga im Louvre zu sein (Mantua und Wien 1999, Nr. 146). Eine Zuschreibung an Raphael wird auch durch die Tatsache bestärkt, dass in dem 1544 datierten Venusfest des Meisters NDB (Albertina, Inv. DG2002/310) der Bogenschütze auf der linken Seite und in spiegelbildlicher Pose der Putto, der einen Apfel aufzufangen sucht, wiederkehren. Eine Inschrift auf diesem Clair-obscur-Holzschnitt nennt Raphael als Erfinder der Komposition. Auf der Zeichnung dürften jedoch die Lavierungen und Weißhöhungen im Bodenbereich bewusste Hinzufügungen des Formschneiders im Hinblick auf die Umsetzung des Blattes in den hier besprochenen Clair-obscur-Holzschnitt sein. J. Johnson bezweifelt das Blatt als ein Werk Ugos, weil nur eine oberflächliche Ähnlichkeit mit den Werken wie Aeneas und Anchises und Diogenes bestehe und die Technik nicht Ugos Qualität entspreche. Es gibt jedoch keinen Grund, an der Richtigkeit der Inschrift »PER UGO DA CARPO« auf dem Clair-osbcur zu zweifeln, zumal bereits Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 421) diesen als eine Arbeit Ugos erwähnt. Wir sehen darin eine stilistische Weiterentwicklung gegenüber früheren Holzschnitten. Im Vergleich zu David erschlägt Goliath (Albertina, Inv. DG2002/272) wirken die Figuren weicher und graziler und die Bewegungen sind gelöster. Die dunkle Strichplatte hat keine deskriptive Funktion mehr, sondern setzt nur mehr wenige Akzente, die gewährleisten, dass die plastische Substanz der Körper nicht verloren geht. Die Formgebung der dunkleren Tonplatten ist nun wesentlich vereinfacht und erzeugt die Wirkung von flüssig am Körper entlanggleitenden Lavierungen, als seien diese mit Pinselstrichen aufgetragen. Die Grundlagen für Ugos spätere, eminent malerische Clair-obscurs sind hier gelegt. Die hellste Tonplatte dient als gemeinsamer Grundton für Landschaft, Himmelsbereich und Figuren, die nun vollkommen in die Atmosphäre eingebettet erscheinen. Die Reduzierung der Konturen auf dünne, immer wieder aussetzende Linien und die Gestaltung der Lichthöhungen sind eng verwandt mit Ugos Kreuzabnahme, weswegen das Venusfest in diese Zeit, um 1520 bis 1522, zu datieren ist. In dem hier besprochenen Blatt wurde die dunkelste Tonplatte und die Linienplatte gemeinsam in schwarzer Farbe gedruckt, wodurch der lineare Aspekt stärker hervortritt, sich die einzelnen Motive klarer voneinander absetzen und die Komposition insgesamt an Übersichtlichkeit gewinnt.
Zwei weitere Exemplare jeweils in grün befinden sich in der Albertina in HB10.7 Supplement, p. 76 (b.N. 2225 und b.N. 2226).
Literatur: Zanetti 1837, S. 10f., Nr. 8; Förster 1904, S. 35f.; Kristeller 1912, S. 49; Trotter 1974, S. 12ff., 87ff.; Servolini 1977, Kat. 13, Tav. XXIV; Johnson 1982, S. 85ff. (nicht von Ugo da Carpi); Karpinski 1983, S. 173; Mantua und Wien 1999, Kat. 195; Tokio 2005, Kat. 14; Sassi 2009, S. 76; Carpi 2009, Kat. 24 (Text v. T. Previdi)
Ugo da Carpis ovaler Clair-obscur-Holzschnitt "Venusfest" nach der Bildbeschreibung Philostrats (Eikones, I, 6) gibt gleichseitig und maßgleich eine lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung wieder, die sich in der Sammlung R. Schindler befindet (Dacos/Furlan 1987, S. 247, Tav. 13). Es handelt sich dabei um den Entwurf für ein Fresko im südwestlichen Gewölbe der Gartenloggia der Villa Madama, das erst nach dem Tode Raphaels unter der Leitung #Giovanni da Udines dekoriert wurde. Die Vorzeichnung ist im Stil identisch mit den anderen Entwurfszeichnungen für das Gewölbe, die sich in den Uffizien (Frommel 1967/68, Nr. 58a 1, Taf. XLIX a) und im Louvre (Cordellier/Py 1992, S. 578 f., Nr. 977, 978) befinden und "Dädalus baut die Kuh der Pasiphae", "Eroten beim Schlagballspiel" und die "Sümpfe" darstellen. Sie stammen möglicherweise alle von der Hand #Giovanni Francesco Pennis.
Der von Ugo signierte Holzschnitt wird bereits von Vasari (Bd. V, S. 421) erwähnt: "[...] e dopo molte altre cose di chiaroscuro, fece nel medesimo modo una Venere con molti altri Amori che scherzano." Johnson (1982) hat neuerdings das Werk angezweifelt, da nur eine oberflächliche Ähnlichkeit mit den Werken wie "Aeneas und Anchises" (Inv. DG2002/ 304) und "Diogenes" (Bartsch 1803-1821, 12, S. 100, Nr. 10) bestehe und die Technik nicht Ugos Qualität entspreche. Wir sehen darin jedoch eine stilistische Weiterentwicklung gegenüber früheren Holzschnitten. Im Gegensatz zu "David und Goliath" (Inv. DG2002/272), der durch das nahtlose Ineinandergreifen der Farbplatten eine extrem malerische Wirkung erzielt, sind die Bewegungen der Eroten bereits wesentlich raumhafter. Mit größter Leichtigkeit und Elastizität drehen sich die Körper nun in jede Richtung, wobei der dünne schwarze Umriss den Körpern Plastizität und den Gliedern Rundung gibt. Das durchblitzende Weiß des Blattgrundes bringt besonders schön den feinen Glanz der Weißhöhung in der Vorzeichnung zum Ausdruck. Und die Farbplatte erzeugt nun den Eindruck einer wässrigen Lavierung, die an den Körpern entlang gleitet. Dabei ist die Technik wesentlich ökonomischer als bei den früheren Werken, in denen die Farbplatten komplizierter übereinander gedruckt sind. Das "Venusfest" könnte daher kurz vor der "Kreuzabnahme" (Inv. DG2002/287) entstanden sein, vermutlich um 1520/22.
Aus den Briefen des #Kardinal Giulio de´Medici an #Mario Maffei (Venturi, 1889 a, S. 157 f.) geht hervor, dass die genaue Auswahl der Themen für die figürlichen Szenen in den drei Gewölben der Gartenloggia im Juni 1520 noch nicht feststand. Dennoch könnten Entwürfe hierzu noch auf Raphael zurückgehen, die dann von der Schule ausgearbeitet wurden. Die Gelöstheit und Raumhaftigkeit der Bewegungen und die liebevolle Schilderung der einzelnen Gruppen, die sich alle zu einer Komposition von größter Klarheit und Einheitlichkeit zusammenfügen, lassen dies vermuten. Schließlich kehrt der Bogenschütze auf der linken Seite und der Putto im Hintergrund rechts, der einen Apfel aufzufangen sucht, auf einer anderen Fassung des "Venusfests" wieder, die durch den 1544 datierte Clair-obscur -Holzschnitt des Meisters NDB (Bartsch 1803-1821, 12, S. 109, Nr. 5) überliefert ist. Der Holzschnitt nennt in der Inschrift Raphael als Erfinder dieser Komposition.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 195, S. 277.
