Ugo da Carpi, Das Venusfest, Inv. Nr.: DG2002/307
Das Venusfest
Ugo da Carpi, Das Venusfest, Inv. Nr.: DG2002/307
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Das Venusfest

Ugo da Carpi

um 1520-1522




Künstler:in (Carpi bei Ferrara um 1480 - 1532 Rom)
Nach (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1520-1522
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in vier Platten (grün, braun)
DimensionsBlatt: 26,9 x 40,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/307
SignedM.u. "PER UGO / DA CARPO"
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/1/25 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Die Darstellung auf Ugo da Carpis querovalem Clair-obscur-Holzschnitt folgt der Bildbeschreibung des Venusfestes des griechischen Philosophen Philostrat in dessen Eikones (I,6). Als direkte Vorlage für den Druck diente eine gleichseitige, maßgleiche, lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung, die sich in einer Privatsammlung befindet (Wien 2013, Abb. 28). Es handelt sich dabei um einen quadrierten Entwurf für ein Fresko in der Gartenloggia der Villa Madama, dem letzten großen Bauwerk des Architekten Raphael. Das von Papst Leo X. begonnene und später von seinem Cousin Kardinal Giulio de’ Medici geleitete Projekt der Neuschaffung einer antiken Villa suburbana am Nordosthang des Monte Mario wurde nie vollendet. Die Dekoration der Villa Madama erfolgte erst nach Raphaels Tod zwischen 1520 und 1525 unter der Leitung von Giulio Romano und Giovanni da Udine sowie unter Beteiligung anderer Künstler. Am prachtvollsten wurde die Gartenloggia mit Malerei und Stuckdekor ausgestattet. Für die Gewölbeszenen haben sich Entwurfszeichnungen erhalten, die teilweise Penni und teilweise Peruzzi zuzuschreiben sind, während andere noch von der Hand Raphaels stammen könnten (vgl. Mantua und Wien 1999, Kat. 193–198). Den Entwurf für das Venusfest im südwestlichen Gewölbe hält K. Oberhuber ebenfalls für ein Werk Raphaels (Brief vom 3. Juli 2001 an den Besitzer), was angesichts der raumhaften Anlage der Figurenmotive und der Gelöstheit sowie gleichzeitig hohen Artikulation der Bewegungen zutreffen dürfte. Die Komposition ist von abwechslungsreicher Vielfalt und zugleich von größter Klarheit und Einheitlichkeit. Sie erhält zudem ihr reiches Leben durch die Fülle der Motive. Stilistisch vergleichbar scheint etwa Raphaels Projekt von 1519 für das Grabmal des Markgrafen Francesco Gonzaga im Louvre zu sein (Mantua und Wien 1999, Nr. 146). Eine Zuschreibung an Raphael wird auch durch die Tatsache bestärkt, dass in dem 1544 datierten Venusfest des Meisters NDB (Albertina, Inv. DG2002/310) der Bogenschütze auf der linken Seite und in spiegelbildlicher Pose der Putto, der einen Apfel aufzufangen sucht, wiederkehren. Eine Inschrift auf diesem Clair-obscur-Holzschnitt nennt Raphael als Erfinder der Komposition. Auf der Zeichnung dürften jedoch die Lavierungen und Weißhöhungen im Bodenbereich bewusste Hinzufügungen des Formschneiders im Hinblick auf die Umsetzung des Blattes in den hier besprochenen Clair-obscur-Holzschnitt sein. J. Johnson bezweifelt das Blatt als ein Werk Ugos, weil nur eine oberflächliche Ähnlichkeit mit den Werken wie Aeneas und Anchises und Diogenes bestehe und die Technik nicht Ugos Qualität entspreche. Es gibt jedoch keinen Grund, an der Richtigkeit der Inschrift »PER UGO DA CARPO« auf dem Clair-osbcur zu zweifeln, zumal bereits Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 421) diesen als eine Arbeit Ugos erwähnt. Wir sehen darin eine stilistische Weiterentwicklung gegenüber früheren Holzschnitten. Im Vergleich zu David erschlägt Goliath (Albertina, Inv. DG2002/272) wirken die Figuren weicher und graziler und die Bewegungen sind gelöster. Die dunkle Strichplatte hat keine deskriptive Funktion mehr, sondern setzt nur mehr wenige Akzente, die gewährleisten, dass die plastische Substanz der Körper nicht verloren geht. Die Formgebung der dunkleren Tonplatten ist nun wesentlich vereinfacht und erzeugt die Wirkung von flüssig am Körper entlanggleitenden Lavierungen, als seien diese mit Pinselstrichen aufgetragen. Die Grundlagen für Ugos spätere, eminent malerische Clair-obscurs sind hier gelegt. Die hellste Tonplatte dient als gemeinsamer Grundton für Landschaft, Himmelsbereich und Figuren, die nun vollkommen in die Atmosphäre eingebettet erscheinen. Die Reduzierung der Konturen auf dünne, immer wieder aussetzende Linien und die Gestaltung der Lichthöhungen sind eng verwandt mit Ugos Kreuzabnahme, weswegen das Venusfest in diese Zeit, um 1520 bis 1522, zu datieren ist. Von dem Blatt existieren Exemplare, bei denen die dunkelste Tonplatte und die Linienplatte gemeinsam in schwarzer Farbe gedruckt sind (Mantua und Wien 1999, Nr. 195), wodurch der lineare Aspekt stärker hervortritt, sich die einzelnen Motive klarer voneinander absetzen und die Komposition insgesamt an Übersichtlichkeit gewinnt.
Zwei weitere Exemplare jeweils in grün befinden sich in der Albertina in HB10.7 Supplement, p. 76 (b.N. 2225 und b.N. 2226).

 AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 43, S. 118.

Literatur: Zanetti 1837, S. 10f., Nr. 8; Förster 1904, S. 35f.; Kristeller 1912, S. 49; Trotter 1974, S. 12ff., 87ff.; Servolini 1977, Kat. 13, Tav. XXIV; Johnson 1982, S. 85ff. (nicht von Ugo da Carpi); Karpinski 1983, S. 173; Mantua und Wien 1999, Kat. 195; Tokio 2005, Kat. 14; Sassi 2009, S. 76; Carpi 2009, Kat. 24 (Text v. T. Previdi)

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.107.3
  • Le Blanc I.596.22
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Nr. 43
  • Provenance
  • Mariette
  • Albertina

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/135534/das-venusfestImage Request
    Last edited02.07.2021

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