Apostel Philippus
Domenico Beccafumi gen. Mecarino
um 1540-1545
Domenico Beccafumi wurde 1486 bei Montaperti geboren, begab sich aber frühzeitig in Begleitung seines Förderers Lorenzo Beccafumi, von dem er den Nachnamen übernahm, nach Siena. Zunächst von Perugino und später von Sodoma beeinflusst, wurde seine Kunst maßgeblich von der Michelangelos und Raphaels geprägt, die er während eines Aufenthaltes in Rom von 1510 bis 1512 studierte. Er muss später erneut dorthin gereist sein, ebenso wie nach Florenz, wo unter anderem die Malereien Fra Bartolommeos auf ihn gewirkt haben. Mit Ausnahme einer Berufung an den Fürstenhof der Doria in Genua (um 1533) und einer Tätigkeit in Pisa zwischen 1536 und 1538, arbeitete Beccafumi in Siena, wo er 1551 verstarb. Er transformierte die Anregungen florentinischer und römischer Kunst der Hochrenaissance in einen höchst individuellen Stil, in dem das Raffinierte und Kapriziöse, aber auch das Kraftvolle und Expressive derart übersteigert werden, dass in Verbindung mit einem flackernden Helldunkel und leuchtenden, changierenden Farben eine phantastische Bildwelt entsteht. Er war ein außerordentlich vielseitiger Künstler, der als Maler, Bildhauer, Formschneider und Stecher tätig war. Die Clair-obscur-Holzschnitte wurden unter anderen noch von A. Bartsch oder A. Reichel als Werke eines anonymen Formschneiders nach Beccafumi erachtet, doch betrachtete bereits P. J. Mariette die Blätter als eigenhändig, was in der heutigen Forschung nicht mehr bezweifelt wird. Schon Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 653) berichtet, der Künstler habe selbst Chiaroscuroschnitte angefertigt, von denen er zwei Blätter mit Aposteln besaß und eines davon in seinem libro de’ disegni aufbewahrte. Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 423) zufolge hat sich der Künstler erst nach dem Tod Parmigianinos 1540 mit dieser Technik befasst, was auch der Auffassung der heutigen Forschung entspricht, der zufolge die Clair-obscurs erst in den 1540er Jahren entstanden sind. Allerdings gibt es unterschiedliche Ansichten bezüglich ihrer Chronologie. Beccafumis Blätter zählen zu den schönsten und eigenwilligsten Farbholzschnitten des 16. Jahrhunderts und zu den großartigsten in dieser Technik überhaupt. Der Apostel Philippus sowie ein weiterer Apostel (Albertina Inv. DG2002/389, Inv. DG2002/390) gehören vermutlich zu einer geplanten Apostelfolge, die der Künstler nicht vollendet hat. Sie kennzeichnen lebhafte, nach außen gerichtete Bewegungen und die Andeutung eines szenischen Ambientes. Der hl. Philippus steht ruhig in einem Gemach, hat seine Lektüre in einer heiligen Schrift einen Moment lang unterbrochen und lässt seinen Blick durch das Fenster in die Ferne schweifen. Das Licht hat auch hier die Bedeutung einer Erleuchtung, da sie dem Apostel göttliche Inspiration verleiht. Während Raphael in seiner von Marco Dente und Marcantonio Raimondi (B. XIV, S. 74ff., Nr. 64–76, S. 80ff., Nr. 79–91) gestochenen Serie ein klassisches Idealbild der Apostel schafft und Parmigianino in seiner Apostelfolge das Raffinierte und Graziöse hervorhebt (B. XII, S. 69ff., Nr. 1-12), erhalten Beccafumis Jünger ihr Leben durch die göttliche Eingebung. Sie sind eingebunden in ein flackerndes Helldunkel, das irreal und zugleich von tiefer Spiritualität erfüllt ist und die starke Ergriffenheit der Apostel spürbar werden lässt. Inspiriert, erleuchtet und überwältigt von der göttlichen Erscheinung, die sie mehr erahnen denn direkt erschauen, sind sie zugleich kraftvolle und entschlossene Gestalten, die ihre Mission auf Erden mit Leib und Seele erfüllen. Wie K. Oberhuber (Wien 1966, S. 132) betont hat, kommt bei Beccafumis eigenwilliger Technik das Holz wie bei keinem anderen Formschneider zur Sprache. Dies liegt daran, dass die Farbflächen und Lichter unregelmäßig gestaltet sind und wie geschnitzt anmuten. Die dünnen Linien der Strichplatte ähneln Splittern und die Schraffuren der Maserung von Holz. In den Schattenbereichen kann man direkt die Spuren verfolgen, die das Messer im Holz hinterlassen hat. Die Linien verlaufen schroff, nirgends geschwungen, und die Lichthöhungen wirken wie zerrissene oder ausgedünnte Stoffgewebe. Die gesamte Figur scheint aus fetzenartigen lichten und farbigen Feldern gebildet zu sein, was den Darstellungen eine extrem malerische Wirkung verleiht. Die Ausführung ist aber keinesfalls grob oder unbeholfen, denn neben breiten, unregelmäßigen Flächen liegen Partien, die mit größter Feinheit und Präzision geschnitten sind und somit die große technische Variationsbreite des Künstlers offenbaren. Deutlich wird, wie Beccafumi bei diesen Blättern seinen Ausgang von den Holzschnitten Ugo da Carpis nach Parmigianino wie dem kleinem Druck mit den Aposteln Petrus und Johannes nimmt (Albertina Inv. DG2002/456), in dem die Figuren aus ähnlich irregulär geschnittenen Farb- und Lichtfeldern gestaltet sind. Die hier besprochene »kleine Apostelfolge« schließt noch an die Bilder der vier Evangelisten im Dom von Pisa an, die Beccafumi 1537/38 gemalt hat. Die Pose des Apostels mit erhobenem Arm erinnert mit seinem schwungvollen, überdehnten Kontrapost an die Gestalt des Moses mit den Gesetzestafeln in dem 1536/37 gemalten Bild, das sich ebenfalls dort befindet (Sanminiatelli 1967, Kat. 55, 57). Dies scheint für eine Datierung der hier besprochenen Clair-obscurs in die erste Hälfte der 1540er Jahre zu sprechen. Es verwundert nicht, dass sich Beccafumi mit der Technik des Clairobscur- Holzschnittes auseinandergesetzt hat, da er sich während seiner ganzen künstlerischen Laufbahn mit Helldunkeleffekten, mit der malerischen Gegenüberstellung von breiten Farbflächen und aufflackernden Lichthöhungen bei gleichzeitiger Verwendung einer gedämpften bzw. monochromen Farbgebung befasst hat. Zu nennen sind hier seine monochromen Fassadendekorationen all’antica, seine braun- und gelbtonigen Ölskizzen zur Vorbereitung der Gemälde sowie die aus weißem, bräunlichem und andersfarbigem Marmor zusammengefügten großformatigen Darstellungen im Fußboden des Doms von Siena (vgl. Siena 1990, Kat. 117, 118, 126, 129, 130). Bei der hier besprochenen kleinformatigen Apostelfolge ist der experimentelle Charakter der Drucke hervorzuheben, von denen jeweils verschiedene Zustände existieren. Vom Apostel Philippus existiert ein Exemplar des zweiten Zustands in Amsterdam (Rijksprentenkabinet, Abb. 62), in dem die Glanzlichter am Oberkörper, am Kreuz und im Fensterausblick reichhaltiger gestaltet sind. Da die im ersten Zustand sichtbaren schräg ansteigenden Linien am Fenstergewände vollkommen fehlen, hat Beccafumi für diese zweite Fassung wahrscheinlich eine neue Tonplatte geschnitten, wie bereits E. Hinterding (Tokio 2005) erkannt hat. In der feineren detaillierteren Wiedergabe der Lichthöhungen strebt Beccafumi in dieser Fassung nach einer stärker linearen Manier, die auch für seine reifen Werke, die meditierende Frau und die Sibylle in rundem Feld (Albertina Inv. DG2002/545, Inv. DG2002/546), charakteristisch sind.
Literatur: Heinecken 1778–1790, Bd. 2, 1788, S. 300; Seidlitz 1885, S. 258, Nr. 14 (nach Beccafumi); Wien 1966, Nr. 203; Sanminiatelli 1967, S. 134, Nr. 7; Karpinski 1983, S. 113; Siena 1990, Kat. 164–165 (Text v. A. De Marchi); Landau und Parshall 1994, S. 281; Lincoln 2000, S. 52ff.; Tokio 2005, Kat. 37
