Der Apostel Philippus
Domenico Beccafumi gen. Mecarino
um 1544-1547
Darstellungen von Aposteln waren ein Thema, mit dem sich Beccafumi vor allem in seiner späten Schaffenszeit intensiv befasst hat. Allein in der Druckgraphik hat der Künstler drei verschiedene Folgen geschaffen, die wahrscheinlich alle in den 1540er Jahren entstanden sind. Der hier besprochene Apostel gehört zu einer nicht weitergeführten Clair-obscur-Holzschnittserie, zu der sich noch zwei weitere Apostel in der Albertina befinden (Albertina Inv. DG2002/383, Inv. DG2013/18, Inv. DG2002/384, Inv. DG2013/17, Inv. DG2002/387 und Inv. DG2013/19). Ferner existiert ein viertes Exemplar mit einem Apostel, der in der linken Hand ein Buch hält und mit der rechten an seine Schulter an den Mantel greift (Lincoln 2000, Fig. 36). A. Bartsch war dieses vierte Blatt nicht bekannt. Er hielt die Drucke für Werke eines anonymen Formschneiders nach Beccafumi, doch bereits K. H. Heinecken sah sie als eigenhändig an, was in der heutigen Forschung nicht mehr bezweifelt wird. Die Apostel erscheinen in den vorliegenden Holzschnitten in geschlossener Pose, ruhig, angespannt nachdenkend, in sich hinein hörend. Es sind monumentale michelangeleske Gestalten mit urtümlich wirkendem Äußeren, voller Willenskraft, Würde und Erhabenheit. Sie stehen mit den Füßen an der vorderen Kante eines Sockels vor einem dunklen neutralen Hintergrund. Der Blick des Betrachters gleitet somit nicht über die Figuren hinweg in die Tiefe. Der sie umgebende Raum ist keine unabhängige Größe, vielmehr sind die Apostel in ihn eingebettet. Sie gehen aus ihm hervor, nehmen erst durch ihn Gestalt an. Ein flackerndes Helldunkel umgibt sie, hüllt große Partien ins Dunkel, während andere Bereiche scheinbar einen Moment lang im Licht aufblitzen. Es ist ein irreales Licht, das wie zerrissen anmutende Felder entstehen lässt, als würde sich elektrische Spannung auf der Oberfläche der Stoffe entladen. Diese vibrierenden Lichtreflexe bringen die innere Energie, Anspannung und Erregtheit zum Ausdruck, welche die Apostel trotz ihrer äußerlichen Ruhe so lebendig und beseelt erscheinen lassen. Der gesamte Raum ist erfüllt von der Spiritualität der Jünger Christi. Die Linien der Strichplatte und die Felder der Tonplatten haben keine plastisch modellierende Funktion. Sie umschreiben weder die Detailformen noch machen sie die Rundungen der Gliedmaßen nachvollziehbar. Nur durch das Wechselspiel unregelmäßig geschnittener, abstrakter Felder der Farbe und des Lichts nehmen die Körper Gestalt an. Alle Aufmerksamkeit ist auf das Optische gerichtet, wodurch die Figuren eine reiche malerische Wirkung entfalten. Ihre Einbeziehung in die spannungsreiche Atmosphäre des Raumes wird noch dadurch verstärkt, dass Beccafumi keine einzeln hervorstechenden Farben verwendet, sondern einen Farbton, der sich zum Lichten hin aufhellt und zum Schatten hin verdunkelt. Vor allem beim Apostel Philippus ist an den hervortretenden Adern der Hand oder an dem vollen runden Glanzlicht auf der Stirn zu erkennen, dass sich Beccafumi intensiv mit Ugo da Carpis Diogenes auseinandergesetzt hat (Wien 2013, Kat. 53–55). Die kraftvoll-expressive Wirkung des Apostels steht der des Philosophen auf Ugos Blatt nicht nach. Die machtvollen Apostelgestalten auf diesen Clair-obscur-Holzschnitten hat Beccafumi wohl erst gegen Ende seines Lebens geschaffen. Sie ähneln den imposanten Apostelfiguren in dem Apsisfresko des Sieneser Doms, für das Beccafumi 1544 bezahlt wurde (Sanminiatelli 1967, Fig. 65–65a). Noch näher steht den Aposteln die kraftvoll-michelangeleske Figur des Abraham in Beccafumis Darstellung des Isaaksopfers im Marmorfußboden des Doms von Siena (Sanminiatelli 1967, Fig. 76), für deren Entwurf der Künstler 1547 bezahlt wurde (siehe M. Fossi, in: Florenz 1957, S. 7f.). In seiner spätesten Schaffensphase befasste sich der Künstler mit dem Projekt, die Säulen des Altarraumes des Doms mit Statuen der Apostel zu versehen, und vielleicht spiegeln die Clair-obscur-Holzschnitte Überlegungen Beccafumis für diese monumentale Skulpturengruppe wider. Vom Philippus kommen auch Abzüge in rein schwarzer Farbe vor (Albertina Inv. DG2002/386). Bisweilen ist zu lesen, es handele sich dabei um Abdrucke von der Strichplatte allein, doch hat bereits A. Bartsch festgestellt, dass bei dieser Version die dunkle Tonplatte und die Strichplatte gemeinsam in Schwarz gedruckt wurden. Im British Museum (Reg. No. 1860,0414.97) existiert ein Exemplar, bei dem der Schatten auf dem Sockel nicht mehr bis zum linken Rand reicht, sondern verkürzt wurde. Der Schatten, den das Kreuz wirft, ist unterbrochen, und das Kreuz ist am unteren Ende so weit verkürzt, dass es auf dem Sockel zu stehen kommt. Es handelt sich hierbei offensichtlich um einen späteren Zustand des Philippus.
Literatur: Heinecken 1778–1790, Bd. 2, 1788, S. 300; Seidlitz 1885, S. 258, Nr. 13 (nach Beccafumi); Pittaluga 1930, S. 250f.; Servolini 1932, S. 77; Florenz 1956, Kat. 39–42; Wien 1966, Nr. 203; Sanminiatelli 1967, S. 134, Nr. 9; Karpinski 1983, S. 103; Siena 1990, Kat. 165–167 (Text v. A. De Marchi); Lincoln 2000, S. 52ff., 106ff.
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