Antonio Campi, Heilige Familie, Inv. Nr.: DG2002/559
Heilige Familie
Antonio Campi, Heilige Familie, Inv. Nr.: DG2002/559
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Heilige Familie

Antonio Campi

1550




Künstler:in (Cremona 1523 - 1587 Cremona)
Date1550
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von drei Platten
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/559
Signedl.o. "1550"; u. ANTONIUS CREMONENSIS.I.V."
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/2/69 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/2. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 2. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text
Antonio Campi (1523–1587) wurde als Sohn des Galeazzo sowie Bruder von Giulio und Vincenzo Campi in eine bedeutende Cremoneser Künstlerfamilie hineingeboren. Er erhielt seine Ausbildung wohl von Giulio, mit dem er verschiedene Arbeiten wie die Fresken in S. Sigismondo in Cremona ausführte. Zu Beginn der 1570er Jahre war er gemeinsam mit Vincenzo Campi in S. Maria di Campagna in Piacenza tätig. Daneben trat Antonio auch als Bildhauer hervor, und in der Funktion als Architekt ist er unter anderem für den Dom von Cremona dokumentiert. Auch auf dem Gebiet des Holzschnitts hat der Künstler Bedeutendes hervorgebracht. In der früheren Forschungsliteratur ging man häufig davon aus, dass die mit dem Namen »Antonius Cremonensis« signierten Clair-obscur-Holzschnitte von einem Künstler namens Antonio da Cremona stammten, der nicht mit Antonio Campi identisch sei. A. Bartsch hielt die Blätter dagegen für Werke eines anonymen Formschneiders nach Entwürfen von Antonio Campi. K. Oberhuber (Wien 1966) stellte jedoch fest, dass die Clair-obscurs dem Stil Antonios vollkommen entsprechen, der Künstler sie demnach wohl eigenhändig ausgeführt habe. Diese Auffassung wird in der heutigen Literatur nicht mehr bezweifelt. Sein heute bekanntes OEuvre umfasst sieben Einblattholzschnitte, fünf davon sind reine Clair-obscurs. Sie wurden in einem relativ kurzen Zeitraum von sieben Jahren (1547–1553) geschaffen, als der junge Künstler mit seinen ersten Gemälden hervortrat und stilistisch stark von Parmigianino und Camillo Boccaccino beeinflusst war. Ein reiner Linienschnitt von Antonio Campi, Mucius Scaevola (Cremona 1985, Nr. 3.8), entstand sogar nach einer nicht erhaltenen Zeichnung von Parmigianino, die später auch A. M. Zanetti als Clairobscur- Holzschnitt wiedergegeben hat (B. XII, S. 183, Nr. 57). Von wem Antonio die Technik des Holzschnitts erlernt hat, ist noch nicht geklärt. Vielleicht war es sein Bruder Giulio, der sich mit dem Holzschnitt für den Buchdruck in Cremona befasst hat und 1550 die Bezahlung für den Entwurf sowie die Ausführung eines derartigen Blattes erhielt (Barbisotti 1985, S. 333), also genau in der Zeit, aus der auch der hier besprochene Chiaroscuroschnitt stammt.
In dem hier besprochenen, 1550 datierten Heiligen Familie  sind die Farben gegenüber Campis Ruhe auf der Flucht nach Ägypten (Albertina, Inv. DG2002/560) breiter und flüssiger gestaltet, was den Bewegungen einen weicheren und fließenderen Charakter verleiht. Die Farbtöne und Lichthöhungen erscheinen wie mit breiten Pinselstrichen aufgesetzt, wobei sich die Flächen überlagern oder ineinanderfließen. Lineare Begrenzungen der Formen sind nun völlig vermieden. Antonios Technik entwickelt sich somit in seinen reiferen Werken zu einer freien, malerischen Auffassung. Er orientiert sich hierbei wiederum an Werken von Niccolò Vicentino, vor allem an dessen Blättern nach Vorlagen von Parmigianino. Im Gegensatz zu Niccolò verzichtet Antonio nun aber vollkommen auf die schwarze Farbe der Strichplatte. Die Komposition steht der Auffassung von Parmigianino außerordentlich nahe. Er orientiert sich an dessen sitzender Muttergottes mit dem Kind auf dem Schoß, das den Kopf seiner Mutter liebevoll mit der Hand berührt. Diese vermutlich für ein Gemälde bestimmte Darstellung Parmigianinos ist durch eine Zeichnung in Edinburgh (National Gallery of Scotland) überliefert (Gnann 2007, Kat. 477 Recto). Eine anonyme Radierung (Wien 2013, Abb. 67) gibt sie seitenverkehrt wieder und damit in der Richtung von Antonios Clair-obscur-Holzschnitt. Antonio hat Parmigianinos Komposition jedoch abgewandelt, indem er etwa die Muttergottes mit übereinandergeschlagenen Beinen zeigt, inspiriert von der Sitzhaltung von Michelangelos Erithräischer Sibylle in der Sixtinischen Kapelle.

Literatur: Nagler 1858–1879, Bd. 1, 1858, Nr. 1068, 2; Kristeller 1907, S. 585; Reichel 1926, S. 35, Taf. 40 unten; Pittaluga 1930, S. 329, Anm. 44; Servolini 1932, S. 78; Wien 1963, Nr. 189; Wien 1966, Nr. 209; Bora 1971, Nr. 14a; Bora 1977, S. 55f.; Karpinski 1983, S. 75; Cremona 1985, S. 320ff., Nr. 3.4 (Text v. F. Buonincontri)

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.58.14
  • AK Albertina 1966, Nr. 209
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 258-265

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    Last edited20.01.2015