Kain und Abel
Giovanni Gallo
1570er Jahre
Die genauen Lebensumstände des Formschneiders Giovanni Gallo sind bislang weitestgehend unbekannt. In der früheren Literatur wurde er aufgrund seines Namens als Franzose angesehen, der aber immer in Italien gelebt habe, wohingegen andere Autoren eine Herkunft aus der Lombardei annahmen (vgl. Pittaluga 1930, S. 329,Anm. 42; Servolini 1932, S. 92). Gut möglich ist die von A. Zezza (2003, S. 255, Anm. 48) kürzlich geäußerte Ansicht, Gallo sei mit einem gewissen »Joannes Gallo pittore da Anversa« identisch, der 1595 in einem Dokument als Zeuge bei einer Hochzeit in Neapel dokumentiert ist. Von Gallo ist eine Anzahl von Clair-obscur-Holzschnitten nach Erfindungen von Marco Pino bekannt. Marco ist einer der herausragenden Künstler der jüngeren Generation der Manieristen, der mit den bedeutendsten in Siena, Rom und Neapel tätigen Malern in Kontakt getreten ist. 1521 in Siena geboren, war er seit 1536 in der Werkstatt von Beccafumi tätig, dessen Einfluss Zeit seines Lebens wirksam blieb. Bei seinem Aufenthalt in Rom von 1544 bis 1552 arbeitete er mit Perino del Vaga und später mit Daniele da Volterra zusammen und lernte wahrscheinlich auch Michelangelo persönlich kennen (Zezza 2003, S. 76ff.). Ab 1552 entfaltete er eine rege Tätigkeit in Neapel, wo ihn unter anderen die Werke von Polidoro da Caravaggio beeinflussten. Nach einem erneuten Aufenthalt in Rom (1568–1570) kehrte Marco nach Neapel zurück, wo er 1583 starb. Er nimmt in seinen Gemälden die vielfältigen Einflüsse der Künstlerkollegen auf, entwickelt diese aber weiter, transformiert sie in einen individuellen Stil, den ein Reichtum heller, brillanter Farben, ein lebendiges Helldunkel und ein Hang zu narrativer Vielfalt kennzeichnet, die seine Sieneser Herkunft verraten. Der heutigen Ansicht zufolge sind Gallos Clair-obscurs zu der Zeit von Marcos später Schaffensphase in Neapel entstanden (Zezza 2003, S. 255, Anm. 48). In dieser Zeit scheint sich Marco mit der Wiedergabe seiner Erfindungen in Farbholzschnitten befasst zu haben. So war Mitte der 1570er Jahre der Kalabreser Maler und Druckgraphiker Antonio Spano in seiner Werkstatt tätig, der in einem Dokument angibt, auf eine neuartige, gewinnbringende Drucktechnik gestoßen zu sein und ein Blatt nach einer Zeichnung des Perseus von Marco angefertigt zu haben. A. Zezza (2003, Kat. D.1) zufolge handelt es sich möglicherweise um einen Clair-osbcur-Holzschnitt (Albertina Inv. DG2002/589), der bislang als Kopie nach Gallos Perseus mit dem Haupt der Medusa angesehen wurde, was m. E. aus weiter unten darzulegenden Gründen unwahrscheinlich ist. Zwischen dem Kalabresen und Marco kam es allerdings zu Unstimmigkeiten über die Höhe des Anteils, der Ersterem für die Drucke zukommen sollte (Zezza 2003, S. 196ff.). Eine Entstehung der Holzschnitte Gallos in Neapel in den 1570er Jahren ist auch deswegen wahrscheinlich, weil sie nahezu alle Erfindungen Marcos aus dieser Zeit wiedergeben. In diesen Jahren hat der Maler nur noch wenige Fresken und vor allem großformatige Tafelbilder geschaffen. Ferner existiert im British Museum (Inv. Nr. 1870,1008.1984) ein reiner Linienholzschnitt mit der Darstellung der mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien, die von Gallo signiert und 1578 datiert ist. Es ist das einzige mit einem Datum versehene Blatt, das einen wichtigen Anhaltspunkt für die Entstehungszeit seiner Drucke liefert.
Das Blatt Kain und Abel, das A. Bartsch unbekannt war, illustriert das in Genesis 4,1–16 geschilderte Ereignis, dem zufolge der Ackerbauer Kain Gott ein Opfer von Früchten des Feldes darbrachte, wohingegen der Schafhirte Abel die Erstlinge seiner Herde opferte. Als Gott nur Abel beachtete, nicht aber Kain, erschlug dieser seinen Bruder. Kompositionell folgt die Szene einer Tradition, bei der Kain mit der Keule den bereits am Boden liegenden Abel erschlägt, wie dies etwa Lucas van Leyden in Kupferstichen sowie Jan Gossaert (Leiden 2011, Kat. 5.34 und 102.a 5; Ainsworth, Alsteens, Orenstein 2010, Nr. 117) und Hans Schäufelein (Albertina Inv. DG1937/225) in Holzschnitten zeigen. Marco Pino wählt dem Stil der Zeit gemäß gedehnte, raffiniert ausgreifende Bewegungen, wie sie ähnlich in dessen Auferstehung Christi im Oratorio del Gonfalone in Rom vorgebildet sind (Zezza 2003, Kat. A. 76). In der Dynamik der Pose Kains und seiner bildbestimmenden Anordnung nähert sich die Darstellung jedoch noch unmittelbarer Marcos 1573 entstandenem Erzengel Michael in Sant’Angelo a Nilo in Neapel (Zezza 2003, Kat. A. 33), dem Hauptwerk des Künstlers in dieser Zeit. Auffällig an dem Clair-obscur ist die sparsame Verwendung der Strichplatte, die Gallo nur noch in den Schattenzonen, zur Modellierung der Körper und Andeutung der Formen verwendet. Die dunkle Tonplatte hat nun ebenfalls teilweise beschreibende Funktion. In der Reduzierung der Strichplatte auf die Hauptfiguren und die sie umgebenden Partien nimmt das Blatt Stilelemente der Clair-obscurs von Goltzius vorweg, der sich in seiner Serie der Götterpaare (Wien 2013, Kat. 162–167) möglicherweise von Arbeiten Gallos inspirieren ließ. In der Sammlung Baselitz existiert ein seltener Abzug von Kain und Abel, in dem lediglich die zweithellste Tonplatte verwendet und diese mit schwarzer Farbe gedruckt wurde (Wien 2013, Abb. 93).
AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 187, S. 376-382.
Literatur: Weimar 1957, Nr. 40; Wien 1966, Nr. 214, Abb. 30; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 31 (Text v. D. Graf); Zezza 2003, D. 9
