Die Kreuztragung
Andrea Andreani
1591
Andrea Andreani führte eine Reihe von Clair-obscur-Holzschnitten religiöser Thematik nach Erfindungen seines Freundes Alessandro Casolani aus. Der um 1552 in Mensano bei Casole d’Elsa geborene und 1607 in Siena verstorbene Künstler gehört ebenfalls zu den Protagonisten der spätmanieristischen Malerei Sienas. Nach einer Lehrzeit bei Cristoforo Roncalli, gen. Pomarancio, wird Casolani in Siena stark von den Werken Beccafumis beeinflusst. Bei seiner Übersiedelung nach Rom studiert er Raphael und die Malereien der Gebrüder Zuccari, von Girolamo Muziano, El Greco und Siciolante und kommt in Kontakt mit den Malern, die unter Papst Gregor XIII. die vatikanischen Loggien dekorieren. Nach seiner Rückkehr nach Siena 1581 entfaltet Casolani eine fruchtbare Tätigkeit und arbeitet teilweise für die gleichen Auftraggeber wie Francesco Vanni, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Man hat Andreanis Clair-obscur-Holzschnitt mit der Kreuztragung Christi verschiedentlich mit Casolanis Gemälde gleicher Thematik in Sant’Agostino in Siena in Verbindung gebracht (vgl. Siena 1980, S. 231). Das Bild sollte gemäß einer testamentarischen Bestimmung vom September 1590 in einer neu zu errichtenden Kapelle des Lelio di Matteo Biringucci Aufstellung finden (Ciampolini 2010, Bd. 1, S. 95). Es wurde allerdings erst 1612 von Ventura Salimbeni vollendet. Die Anordnung der beiden heiligen Frauen um die ohnmächtige Muttergottes am unteren Rand und die zentrale Position des unter dem Kreuz niedergebrochenen Heilands kommen dem Gemälde in Sant’Agostino seitenverkehrt sehr nahe. Allerdings hat das Gemälde ein hochrechteckiges Format, und die Szenerie ist durch weitere Figuren und Architekturen im Hintergrund bereichert. Andreani hat somit höchstwahrscheinlich eine frühe, von dem endgültigen Entwurf für die Kreuztragung Christi noch abweichende Studie von Casolani als Vorlage für den Holzschnitt erhalten. In diesem umgibt Andreani alle Figuren mit dünnen, flüssig verlaufenden Umrisslinien, wie in seinen anderen Clair-obscurs. Gegenüber den zuvor in Florenz entstandenen Arbeiten ist die dunkle Tonplatte jedoch nicht mehr allein breitflächig aufgesetzt, sondern bildet nun auch lange Schraffuren aus, die anstelle der Strichplatte im Wechsel mit den Lichthöhungen die Binnenmodellierung übernehmen. Andreani hat das Blatt in der Inschrift am unteren Rand dem Sieneser Adligen Fabio Buonsignori gewidmet, der mehrfach Prior der Bruderschaft von Santa Caterina in Fontebranda war, in die auch Alessandro Casolani 1584 und er selbst 1588 aufgenommen wurden. Aus der Zusammenarbeit zwischen dem Maler und dem Formschneider sind zwischen 1591 und 1593 noch die Clair-obscur-Holzschnitte Die Muttergottes mit Kind und dem Johannesknaben, Die Muttergottes mit Kind und ein Bischof, Der hl. Franziskus (B. XII, S. 57, Nr. 13, S. 63f., Nr. 22, S. 81, Nr. 30), die Frau in Meditation (Albertina, Inv. DG2002/598) und Die Grablegung Christi (Albertina, Inv. DG2002/370) entstanden. Wie Aidan Weston-Lewis dem Autor mitgeteilt hat, schuf Andreani auch den Clair-obscur mit einem Totenkopf (B. XII, S. 156, Nr. 28) nach einer Vorlage von Casolani, denn eine Zeichnung des Künstlers mit einem unmittelbar verwandten Schädel befindet sich in der National Gallery of Scotland (Album aus schottischem Privatbesitz, Dauerleihgabe an das Museum).
Literatur: Kolloff 1872, S. 718, Nr. 12; Seibt 1891, S. 58; Servolini 1932, S. 107; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 48; Siena 1980, Nr. 90 (Text v. N. Fargnoli); Karpinski 1983, S. 48; Ciampolini 2010, Bd. 1, S. 124f.
