Madonna mit Kind
Andrea Andreani
um 1591-1593
Während seines achtjährigen Aufenthaltes in Siena kam Andreani mit den bedeutendsten Malern in Kontakt, die dort im ausgehenden 16. Jahrhundert tätig waren, darunter Francesco Vanni (1564–1610), der ihm unter anderem die Vorlage für den Clair-obscur-Holzschnitt Die Geschichten Moses’ auf dem Berg Sinai nach Beccafumis Marmorintarsie im Dompaviment lieferte. Ausgebildet von dem Maler Arcangelo Salimbeni, den seine Mutter in zweiter Ehe geheiratet hatte, und beeinflusst von Beccafumi und Barocci, kennzeichnen Vannis Bilder die für Siena charakteristische flackernde Lichtführung, eine helle changierende Farbigkeit und eine zutiefst empfundene Spiritualität, die seine religiösen Bilder zu den reizvollsten Werken dieser Zeit machen. Die als Halbfigur erscheinende Muttergottes, die das schlafende Christuskind anbetet, gibt mit einigen Abweichungen ein kleines Leinwandgemälde wieder (Wien 2013, Abb. 106), das Vanni zusammen mit vier anderen Bildern 1591 im Auftrag der Bruderschaft von Santa Caterina in Fontebranda für die Prozessionsbahre der hl. Katharina von Siena gemalt hat (heute im Sanktuarium). Vanni hat die Darstellung 1595 auch in einer eigenhändigen Radierung gegenseitig festgehalten (Siena 1980, Nr. 93), in der das Christuskind wie im Holzschnitt an das Leintuch greift und nicht Blumen in der Hand hält wie im Bild. Die Muttergottes ist in der Radierung jedoch von einem sternförmigen Nimbus und einem Kranz von Sternen umgeben, und der Vorhang ist weggelassen. Der Clair-obscur steht dagegen dem Bild näher, er gibt ebenfalls einen Innenraum wieder, in den seitlich von oben Licht auf die beiden Figuren fällt und in feinen, wie zuckenden Bahnen auf der Oberfläche der Stoffe aufblitzt. Clair-obscur und Radierung sind somit gewiss unabhängig voneinander entstanden. Verschiedene Autoren haben sich der Ansicht von A. Bartsch angeschlossen, der das Blatt für das Werk eines anonymen Meisters hält, doch ist die von E. Kolloff und K. Oberhuber vertretene Zuschreibung an Andreani gewiss zutreffend. Der Clairobscur schließt in der detaillierten Beschreibung der Figuren durch die Strichplatte engstens an die meditierende Frau oder die Kreuztragung Christi nach Casolani an (Albertina, Inv. DG2002/598 und Albertina, Inv. DG2002/595). Die Strichplatte kommt zwar in größerem Maße zum Einsatz, was aber an der Verwendung von nur einer Tonplatte liegt. Das dichte Liniengefüge, das zwischen parallelen Lagen, Kreuzschraffuren sowie konvexen und konkaven Schwüngen für sich vor- oder sich zurückwölbende Stoffpartien wechselt, ist mit Andreanis Holzschnitt Die Begegnung des kreuztragenden Christus mit Maria (Kolloff 1872, S. 718, Nr. 13; Ciampolini 2010, Bd. 3, Abb. S. 968) eng verwandt. In dieser wohl zwischen 1591 und 1593 entstandenen Madonna mit Kind setzt Andreani den linearen Stil von Antonio da Trento fort, wie er etwa in dem Clair-obscur der Hl. Cäcilie (Albertina, Inv. DG1130) zum Ausdruck kommt. Während in Antonios Blättern jedoch eine größere Distanz zwischen dem Betrachter und dem Sujet besteht, ist die Madonna in Andreanis Clair-obscur nahe an den vorderen Bildrand gerückt und ermöglicht dem Gläubigen, wie bei einem Andachtsbild, den direkten Kontakt mit den heiligen Personen und eine unmittelbare Vertiefung in den Bildgegenstand. Die Darstellung auf Vannis Radierung gibt gleichseitig einen Stich von Cornelis Galle wieder, der in der Inschrift mit einer Widmung von Matteo Florimi an den Sieneser Adligen Giovanbattista Falconetti versehen ist. Ferner hat Johannes Sadeler I den Gegenstand gegensinnig gestochen (De Hoop Scheffer 1980, Nr. 297). Wie in der Radierung erscheint Maria auf den Stichen von Galle und Sadeler mit dem sternförmigen Nimbus und ohne den Vorhang im Hintergrund.
Literatur: Kolloff 1872, S. 718, Nr. 9; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 43 (anonym); Wien 1966, Nr. 224; Karpinski 1983, S. 72; Matile 2003, S. 167, Kat. 71 (anonym, sienesisch?); Tokio 2005, Nr. 70 (anonym); Ciampolini 2010, Bd. 3, S. 971, Tav. 508 (Andrea Andreani?)
