Madonna mit Kind, dem Johannesknaben, der hl. Klara und dem hl. Franziskus
Andrea Andreani
1585
Der Clair-obscur-Holzschnitt überliefert den Entwurf für ein Andachtsbild des mit Andreani befreundeten Malers und Miniators Jacopo Ligozzi. Um 1550 in Verona geboren, kam Ligozzi 1577 nach Florenz und stieg dort zum Hofmaler der toskanischen Großherzöge auf (vgl. Poppi 1992, S. 22f.; Conigliello 2005, S. 7). Er verbrachte lange Jahre mit botanischen und zoologischen Studien und war als wissenschaftlicher Zeichner hoch geschätzt. Zeugnis hiervon legen seine zahlreichen Zeichnungen von Tieren, Pflanzen und Früchten ab. Eine besondere Rolle nehmen auch seine detaillierten Zeichnungen mit profanen und religiösen Allegorien ein. Künstlerisch am bedeutendsten war seine Tätigkeit am Hofe Francesco I. de’ Medicis, dessen Kindern er ab 1583 Zeichenunterricht erteilte. Daneben erwarb er sich den Ruf eines herausragenden Malers religiöser Gemälde und Fresken. Ligozzi stirbt 1627 in Florenz. Auf Andreanis Holzschnitt erscheint in einem engen Gemach die sitzende Muttergottes, auf deren Bein das Christuskind mit ausgestreckter Hand steht, mit der es den Vogel entgegennehmen will, den ihm der Johannesknabe reicht. Rechts neben Maria steht der hl. Franziskus von Assisi und ihm gegenüber eine weibliche Heilige mit einem Lilienstengel, zu der sich Christus mit zärtlichem Blick zurückwendet. Sie wird häufig als hl. Katharina von Siena bezeichnet, doch dürfte sie die hl. Klara sein, die erste Jüngerin des Franziskus und Gründerin des Ordens der Klarissen. Sie tritt häufig gemeinsam mit Franziskus und der Gottesmutter auf Devotionsbildern auf, die für ihren Orden gemalt wurden, und somit dürfte die Darstellung ein Gemälde wiedergeben, das Ligozzi für eine der hl. Klara gewidmete Kirche geschaffen hat. Der Holzschnitt, der wie eines der drei Blätter mit dem Raub der Sabinerinnen Niccolò Gaddi gewidmet ist, entstand wohl nach einer Vorzeichnung von Ligozzi, vielleicht dem Karton für das Gemälde. Auffallend sind die großflächig gedruckten Farben, welche sich über den Innenraum und die verdunkelten Partien breiten. Die Linien der Strichplatte verwendet Andreani nur zur Konturierung der Figuren und zur Vertiefung der Schatten, welche durch lange Schraffuren mit eng aneinandergesetzten Linien gebildet sind. Ein helles Licht fällt durch das Fenster und lässt die Gestalten in übernatürlichem, göttlichem Glanz erstrahlen. Erfüllt von religiöser Beseeltheit sind sie ruhig und still, denn ihr Zusammensein bedarf keiner Worte. Der in braunen und ockerfarbenen Tönen gedruckte Clair-obscur kommt in besonderem Maße dem Stil von lavierten Federzeichnungen Ligozzis nahe, wie der Vergleich zu dessen Heiliger Familie mit dem schlafenden Johannesknaben im Louvre offenbart (Wien 2013, Abb. 100). Ligozzis Zeichnungen sind häufig auf bräunlichem Papier mit reichen, teilweise mit Gold aufgesetzten Lichthöhungen ausgeführt. In diesen sind die Figuren in ein kontrastreiches Helldunkel eingebettet und entfalten einen bronze- oder goldfarbenen Glanz, der an den hellsten Stellen aufblitzt und sie wie kostbare Edelmetalle erscheinen lässt. A. Bartsch und E. Kolloff haben die verschiedenen Zustände des Clair-obscurs bereits schlüssig beschrieben, das vorliegende Exemplar repräsentiert demnach den ersten Zustand. In späteren Abzügen erscheint zusätzlich zu der Inschrift mit dem Datum 1585 und der Widmung an Niccolò Gaddi in dem Fenster die Aufschrift »HAINRICH STACKER EXC. MONACHI« (Karpinski 1983, S. 89). Im dritten Zustand ist diese Adresse getilgt und ihre Stelle leergelassen, wodurch sich ein zusätzliches weißes Feld im Fenster ergibt (Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 37).
Ein weiteres Exemplar befindet sich in der Albertina Inv. DG956
Literatur: Kolloff 1872, S. 720, Nr. 24; Seibt 1891, S. 57; Servolini 1932, S. 104; Weimar 1957, Nr. 49; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 52; Goldfarb 1981, S. 325; Poppi 1992, S. 23; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 37 (Text v. D. Graf); Tokio 2005, Nr. 67; Van Gastel 2007, S. 26 100 Jacopo Ligozzi, Heilige Familie mit dem schlafenden Johannesknaben
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/137831/madonna-mit-kind-dem-johannesknaben-der-hl-klara-und-demImage Request