Die Grablegung Christi (nach rechts)
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
ca. 1524-1526
Parmigianino schuf zwei Radierungen mit der Grablegung Christi. Die beiden Blätter, die zu seinen größten und ambitioniertesten Radierungen zählen, sind einander kompositorisch – trotz gegengleicher Ausrichtung – äußerst ähnlich. Ihre grafische Ausarbeitung unterscheidet sich indes deutlich. Das nach links orientierte Blatt zeichnet sich durch eine leichte, spontane Linienführung und durch den weitgehenden Verzicht auf klare Konturen aus; die Figuren sind lediglich durch dichte Schraffuren modelliert.
Vermutlich die Zerstörung dieser Druckplatte führte Parmigianino zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Motiv. In der zweiten Version orientierte er die Grablegungsgruppe nach rechts und nahm leichte Veränderungen etwa an der Armhaltung der männlichen Figur am linken Bildrand und am Vordergrund vor. Außerdem wurden die Linien breiter und gleichmäßiger gedruckt, wodurch sich ein wesentlich stabilerer Gesamteindruck ergibt.
Der oft spontane Duktus des Strichbildes einer Radierung steht der Anmutung einer Zeichnung näher als andere Hoch- und Tiefdruckverfahren, was ihre zunehmende Beliebtheit erklärt, bis sie im 18. Jahrhundert alle übrigen druckgrafischen Techniken dominierte.
Wie viele bahnbrechende Erfindungen bietet die Radierung Vor-, aber auch Nachteile: Sie ist, da die Radiernadel wie ein Stift geführt werden kann, wesentlich schneller und Kräfte sparender auszuführen als der mit unterschiedlichen Sticheln vorzubereitende Kupferstich. Der Nachteil sind die durchwegs gleichartigen und bei genauem Hinsehen stumpf ausgefransten Linien, die, wenn sie allzu dicht beieinanderliegen, jede noch so gelungene Komposition verunklären können. Bei Eisenradierungen besteht außerdem die Gefahr der allmählichen Plattenkorrosion, aus der im Druckbild wolkige graue Flecken resultieren.
Der erste, der eine nach diesem Verfahren geätzte Platte auf Papier abdruckte, war nach heutigem Kenntnisstand Daniel Hopfer (Kaufbeuren 1471–1536 Augsburg). Sein "Christus als Schmerzensmann" ist die älteste in der Albertina verwahrte Eisenradierung und überhaupt eines der frühesten Beispiele für diese Technik.
Diese zweite, gegensinnige Fassung der "Grablegung Christi" ist Parmigianinos Hauptwerk auf dem Gebiet der Radierung und wurde lediglich von P. Zani (Enciclopedia metodica critico-ragionata delle belle arti, II, Bd. 8, Parma, 1821, S. 245 ff.) und ihm nachfolgend Copertini (1932) als veränderte Kopie von #Jacopo Bertoja nach der ersten Fassung angesehen. Die Sensibilität der Linienführung, die Unmittelbarkeit im Ausdruck und die wundervolle Belebung der Komposition durch ein pulsierendes Helldunkel sind engstens mit Parmigianinos Zeichnungen verwandt und lassen jeden Zweifel an der Originalität verstummen. Man hat vermutet, dass der Künstler das Thema ein zweites Mal in veränderter Form und in reiner Radiertechnik dargestellt hat, weil er von der Kaltnadeltechnik nicht befriedigt war und da die Platte im ersten Zustand möglicherweise beim Vorgang des Ätzens beschädigt wurde. Offensichtlich war er auch mit der Figurenbildung unzufrieden und gab in der zweiten Fassung den Gliedmaßen größere Festigkeit und Schwere, ließ die Umrisse stärker hervortreten und akzentuierte den Helldunkelkontrast, wozu er eine breitere Radiernadel als im ersten Blatt verwendete. Die Komposition wirkt nun auch klarer und geschlossener durch die Vereinfachung des Vordergrundes, die Darstellung des Steinsockels als flächenparalleles Gliederungselement, die übersichtlichere Staffelung der trauernden Gestalten im Hintergrund und den weitgehenden Verzicht auf schräg vom Grabhügel abstehende Baumstämme. Entscheidend ist die Änderung der Armbewegung des Nikodemus (?), der die Dornenkrone in der erhobenen Linken wie einen Siegeskranz über dem Haupte Christi hält, wobei die Bewegung durch die gebogenen Steinschichten des Hügels kraftvoll weitergeführt wird. Durch die straffere Durchgestaltung ging etwas von der Leichtigkeit und Eleganz und von der Spontanität im Ausdruck der Trauernden verloren, die Parmigianino in den schmerzerfüllten Gesichtern und den schwingenden Körperbewegungen so wundervoll erfasst hat. Ungewöhnlich ist die Gestaltung des Themas, die Gedanken einer Grablegung Christi mit einer Beweinung Christi verbindet. Bei der Darstellung des auf einen Steinsockel lagernden Christuskörpers, dessen rechter Arm leblos herunterhängt, mögen Bilder wie die "Beweinung Christi" von #Perugino und #Fra Bartolomeo im Palazzo Pitti Pate gestanden haben (Camesasca 1969, Nr. 41; Fischer 1990, Abb. 174; AK Providence 1973, S. 87). Nach Oberhuber (1966, S. 181, Anm. 46) könnte die krönende Geste des Nikodemus (?) von der Figur in #Perino del Vagas Fresko in Santo Stefano del Cacco angeregt sein, der die Dornenkrone und die Nägel Christi ähnlich eindrücklich zur Schau stellt (vgl. Inv. 537). Parmigianino hat ebenso antike Vorbilder verarbeitet. Der Kopf des Jugendlichen rechts, den Parmigianino auch auf einem Blatt in den Uffizien festgehalten hat (Freedberg 1950, S. 66, Fig. 43; Popham 1971, Nr. 71, Taf. 212), entstand nach einem der Söhne Laokoons, während in der Pose des Nikodemus (?) die Statue des "Apoll vom Belvedere" entfernt nachklingt. Die zweite Version entstand sicherlich kurz nach der ersten und ist somit ebenfalls um 1524-1525 zu datieren. Beide wurden häufig kopiert und blieben von größter Wirkung.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 248, S. 340.
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