Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino, Die Grablegung Christi (nach rechts), Inv. Nr.: DG2003…
Die Grablegung Christi (nach rechts)
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino, Die Grablegung Christi (nach rechts), Inv. Nr.: DG2003/3029
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Grablegung Christi (nach rechts)

Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino

ca. 1524-1526




Parmigianino schuf zwei Radierungen mit der Grablegung Christi. Die beiden Blätter, die zu seinen größten und ambitioniertesten Radierungen zählen, sind einander kompositorisch – trotz gegengleicher Ausrichtung – äußerst ähnlich. Ihre grafische Ausarbeitung unterscheidet sich indes deutlich. Das nach links orientierte Blatt zeichnet sich durch eine leichte, spontane Linienführung und durch den weitgehenden Verzicht auf klare Konturen aus; die Figuren sind lediglich durch dichte Schraffuren modelliert.

Vermutlich die Zerstörung dieser Druckplatte führte Parmigianino zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Motiv. In der zweiten Version orientierte er die Grablegungsgruppe nach rechts und nahm leichte Veränderungen etwa an der Armhaltung der männlichen Figur am linken Bildrand und am Vordergrund vor. Außerdem wurden die Linien breiter und gleichmäßiger gedruckt, wodurch sich ein wesentlich stabilerer Gesamteindruck ergibt.



Künstler:in (Parma 1503 - 1540 Casalmaggiore)
Dateca. 1524-1526
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesRadierung, Kaltnadel und Kupferstich
Dimensions31,7 × 23,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2003/3029
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/III/1/4 des Klebebandes Italien nach Sektionen III/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 3. Diese Sektion vereint vorwiegend Druckgrafiken, die in der Technik der Radierung ausgeführt wurden. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Mit der Radierung hielten Physik und Chemie Einzug in die Kunsttechnik. Das Verfahren mit dem so eigenartigen Namen – es hat nicht mit Radieren im geläufigen Sinn zu tun – zählt zu den Tiefdruckverfahren, bei denen die zu druckenden Linien in die metallenen Druckformen (Eisen oder Kupfer) eingetieft werden. Bei der Radierung geschieht das mithilfe einer Säure. Das Prinzip der Radierung besteht darin, diejenigen Bereiche, die im Säurebad nicht angegriffen werden sollen, mit einem säureresistenten Ätzgrund zu bedecken. Das sog. Ätzwasser (etwa Essig- oder Salpetersäure) greift offen liegenden Partien an, die vom Ätzgrund abgedeckten Bereiche bleiben intakt. Für die Radierung wird nun der Ätzgrund mittels einer Nadel angeritzt – im Deutschen: radiert (engl. erased) –, so dass entlang dieser Linien die Metalloberfläche wieder freiliegt und an eben diesen Stellen die Säure einwirken kann.
Der oft spontane Duktus des Strichbildes einer Radierung steht der Anmutung einer Zeichnung näher als andere Hoch- und Tiefdruckverfahren, was ihre zunehmende Beliebtheit erklärt, bis sie im 18. Jahrhundert alle übrigen druckgrafischen Techniken dominierte.
Wie viele bahnbrechende Erfindungen bietet die Radierung Vor-, aber auch Nachteile: Sie ist, da die Radiernadel wie ein Stift geführt werden kann, wesentlich schneller und Kräfte sparender auszuführen als der mit unterschiedlichen Sticheln vorzubereitende Kupferstich. Der Nachteil sind die durchwegs gleichartigen und bei genauem Hinsehen stumpf ausgefransten Linien, die, wenn sie allzu dicht beieinanderliegen, jede noch so gelungene Komposition verunklären können. Bei Eisenradierungen besteht außerdem die Gefahr der allmählichen Plattenkorrosion, aus der im Druckbild wolkige graue Flecken resultieren.
Der erste, der eine nach diesem Verfahren geätzte Platte auf Papier abdruckte, war nach heutigem Kenntnisstand Daniel Hopfer (Kaufbeuren 1471–1536 Augsburg). Sein "Christus als Schmerzensmann" ist die älteste in der Albertina verwahrte Eisenradierung und überhaupt eines der frühesten Beispiele für diese Technik.
Text

Diese zweite, gegensinnige Fassung der "Grablegung Christi" ist Parmigianinos Hauptwerk auf dem Gebiet der Radierung und wurde lediglich von P. Zani (Enciclopedia metodica critico-ragionata delle belle arti, II, Bd. 8, Parma, 1821, S. 245 ff.) und ihm nachfolgend Copertini (1932) als veränderte Kopie von #Jacopo Bertoja nach der ersten Fassung angesehen. Die Sensibilität der Linienführung, die Unmittelbarkeit im Ausdruck und die wundervolle Belebung der Komposition durch ein pulsierendes Helldunkel sind engstens mit Parmigianinos Zeichnungen verwandt und lassen jeden Zweifel an der Originalität verstummen. Man hat vermutet, dass der Künstler das Thema ein zweites Mal in veränderter Form und in reiner Radiertechnik dargestellt hat, weil er von der Kaltnadeltechnik nicht befriedigt war und da die Platte im ersten Zustand möglicherweise beim Vorgang des Ätzens beschädigt wurde. Offensichtlich war er auch mit der Figurenbildung unzufrieden und gab in der zweiten Fassung den Gliedmaßen größere Festigkeit und Schwere, ließ die Umrisse stärker hervortreten und akzentuierte den Helldunkelkontrast, wozu er eine breitere Radiernadel als im ersten Blatt verwendete. Die Komposition wirkt nun auch klarer und geschlossener durch die Vereinfachung des Vordergrundes, die Darstellung des Steinsockels als flächenparalleles Gliederungselement, die übersichtlichere Staffelung der trauernden Gestalten im Hintergrund und den weitgehenden Verzicht auf schräg vom Grabhügel abstehende Baumstämme. Entscheidend ist die Änderung der Armbewegung des Nikodemus (?), der die Dornenkrone in der erhobenen Linken wie einen Siegeskranz über dem Haupte Christi hält, wobei die Bewegung durch die gebogenen Steinschichten des Hügels kraftvoll weitergeführt wird. Durch die straffere Durchgestaltung ging etwas von der Leichtigkeit und Eleganz und von der Spontanität im Ausdruck der Trauernden verloren, die Parmigianino in den schmerzerfüllten Gesichtern und den schwingenden Körperbewegungen so wundervoll erfasst hat. Ungewöhnlich ist die Gestaltung des Themas, die Gedanken einer Grablegung Christi mit einer Beweinung Christi verbindet. Bei der Darstellung des auf einen Steinsockel lagernden Christuskörpers, dessen rechter Arm leblos herunterhängt, mögen Bilder wie die "Beweinung Christi" von #Perugino und #Fra Bartolomeo im Palazzo Pitti Pate gestanden haben (Camesasca 1969, Nr. 41; Fischer 1990, Abb. 174; AK Providence 1973, S. 87). Nach Oberhuber (1966, S. 181, Anm. 46) könnte die krönende Geste des Nikodemus (?) von der Figur in #Perino del Vagas Fresko in Santo Stefano del Cacco angeregt sein, der die Dornenkrone und die Nägel Christi ähnlich eindrücklich zur Schau stellt (vgl. Inv. 537). Parmigianino hat ebenso antike Vorbilder verarbeitet. Der Kopf des Jugendlichen rechts, den Parmigianino auch auf einem Blatt in den Uffizien festgehalten hat (Freedberg 1950, S. 66, Fig. 43; Popham 1971, Nr. 71, Taf. 212), entstand nach einem der Söhne Laokoons, während in der Pose des Nikodemus (?) die Statue des "Apoll vom Belvedere" entfernt nachklingt. Die zweite Version entstand sicherlich kurz nach der ersten und ist somit ebenfalls um 1524-1525 zu datieren. Beide wurden häufig kopiert und blieben von größter Wirkung.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 248, S. 340.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 16, S. 8, 5
  • Le Blanc, 2, S. 630, 6
  • TIB 32.11, 5-I (8)
  • Bibliography
  • Vasari, Bd. V, S. 423
  • Fröhlich-Bum 1915, S. 4 F., Abb. 7
  • Fröhlich-Bum 1921, Abb. 64
  • Pittaluga 1930, S. 268
  • Copertini 1932, Bd. 2, S. 151, Taf. CXVII a (Kopie von Bertoja)
  • Quintavalle 1948, S. 201
  • AK Albertina 1963, S. 20-22, Nr. 43
  • Oberhuber 1963, S. 36, Abb. 7
  • Hirst 1966, S. 401
  • AK Albertina 1966, S. 144 f., Nr. 232
  • Fagiolo dell'Arco 1970, S. 201, Anm. 20, S. 281, Nr. 5, Abb. 215
  • Popham 1971, S. 14, Abb. 28
  • AK Providence 1973, S. 86 f., Nr. 93 (S. E. Strauber)
  • Sopher 1978, S. 40 f., Nr. 51
  • AK London 1987, S. 15, Nr. 37
  • AK Los Angeles 1988/89, S. 104 f., Nr. 34
  • AK Boston 1989, S. 13-16, Nr. 9 (S. W. Reed)
  • Landau/Parshall 1994, S. 269, Abb. 279
  • Gould 1995, S. 197, D2
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 248 (A. Gnann)
  • AK The Renaissance of Etching - Frühe Radierung, Metropolitan Museum of Art, New York und Albertina, Wien 2019/20, S. 147 ff., Kat. 66 (C. Jenkins
  • anderes Exemplar)
  • Online resources
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