Beweinung Christi
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1524-1525
Das traditionell Parmigianino zugeschriebene Blatt wurde von Wickhoff (1891) bezweifelt, der nur eine entfernte Verwandtschaft mit dem Künstler sah. Nachdem es Oberhuber wieder Parmigianino zurückgegeben hatte, nahm es auch Popham (1971) in sein Zeichnungskorpus auf. Popham war sich jedoch unschlüssig, ob diese Zeichnung das Original ist oder eine weitere Version in Rötel mit einer Federskizze auf der Rückseite in den Uffizien (Inv. Nr. 1979 F, 209 x 165 mm), die aber sicher eine Kopie ist.
Oberhuber (AK Albertina 1963, S. 5) hat zu Recht vermutet, dass die Zeichnung am Anfang einer langen Entwicklungsreihe von Entwürfen steht, die mit einer pietàartigen Auffassung beginnt und über Gedanken der Grabtragung und der Grablegung zu der endgültigen Lösung in Form einer "Beweinung" in den beiden Radierungen Parmigianinos von 1524-1525 führte (Bartsch 1803-1821, Bd. 16, S. 8, Nr. 5, Bd. 18, S. 300, Nr. 46). Wie dort liegt der Körper Christi mit überkreuzten Beinen und leblos herabhängendem rechten Arm auf dem mit einem Tuch verdeckten Steinsockel. Davor liegen Dornenkrone und Nägel auf dem Boden wie in der ersten Fassung der Radierung. An dieses Blatt erinnern auch die breit ausladenenden Formen des Oberkörpers von Maria, die ihr schmerzerfülltes Haupt von Christus abwendet, das in der Radierung später allerdings ohnmächtig zurücksinken wird. Popham stellte bei dem Albertina-Blatt einen Einfluss von #Marcantonio Raimondis Stich der "Beweinung Christi" (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 40, Nr. 34) nach #Raphael fest. Zu erwähnen ist zudem #Michelangelos "Pietà" im Petersdom, die auch einer Zeichnung Parmigianinos in der New Yorker Pierpont Morgan Library (Popham, 1971, Nr. 311, Taf. 213) als Vorbild diente, die sicherlich zu derselben Zeit entstand. Auch im Stil lässt sich das Rötelblatt gut den Entwürfen Parmigianinos für die beiden Radierungen anschließen. Ähnliche fließende, biegsame Formen wie die Magdalenas mit ihrem stark ausgeprägten Hinterkopf, den kerbartig angedeuteten Augen finden sich etwa auf einer Federstudie in London (Popham 1971, Nr. 178, Taf. 166) für die Frauengruppe im Hintergrund der Radierung. Dort überziehen langgezogene parallele Federlinien netzartig die Frauen, und mit derselben Technik zeichnet Parmigianino auch mit dem Rötelstift. In der Beweinung Christi setzt Parmigianino den Körper Christi und den Kopf der Maria mit denselben flechtartigen Schraffenbahnen vom Hintergrund ab. Das Blatt ist sicherlich früher zu datieren als die beiden Bilder Parmigianinos in der Sammlung Doria-Pamphilj (Di Giampaolo 1991, S. 62-65, Nr. 18-19), in denen die Figuren durch ein kräftiges Helldunkel und gewagtere Verkürzungen plastischer hervortreten und die in der dynamischen Figurenauffassung an die von #Caraglio im Jahre 1526 gestochene Anbetung der Hirten erinnern (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 68 f., Nr. 4). Parmigianino dürfte das Blatt somit um 1524-1525 gezeichnet haben. Dies bestätigt einmal mehr die Datierung der beiden Radierungen und aller zugehörigen Entwürfe.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 246, S. 337.
