Allegorie auf Gotthold Ephraim Lessing
Johann Eleazar Schenau
1781
"Germanien, eine schöne, majestätisch gewachsene und bekleidete Frau, um ihr Haupt mit dem Diadem geschmückt, und um den linken Arm den Eichenkranz, das Bild ihrer ersten Zierde, hängt Lessings Portrait an den Tempel der Unsterblichkeit auf. Darüber steht Shakespears, daneben Sophokles und Moliere's Bild. Der Adler Germaniens hält das Wappen der Oberlausitz, und über solchem die sächsischen Churschwerter. Die Tragödie, eine edle Figur in Stola und Cothurn, nebst den übrigen Insignien ihrer Kunst, lehnt sich weinend auf die Urne ihres Lieblings, die sie zu umkränzen bereit ist: ihr Blick ist auf sein Bildnis gerichtet; und auf der Urne ist ein Basrelief, der Genius des Todes mit umgekehrter Fackel gebildet, zur Anspielung auf das, was Lessing davon geschrieben hat. Am Piedestal, im vortheilhaftesten Lichte, sitzt die Muse des Lustspiels, mit der Larve, und in ihrem Anzuge alles das Reizende, das sie sonst zu charakterisieren pflegt: doch jetzt will sie ihr Angesicht verhüllen, und die Feder entsinkt ihrer Hand. Im Vordergrunde sitzt der Genius der Antike, gestützt auf einer liegenden Ephesischen Diane, dem Bilde der schaffenden Natur. Klotzens Buch über die Münzen hat er verächtlich hinter sich geworfen: vor ihm steht ein kleiner Laokoon, und er vergleicht Lessings Schrift über diese Statue mit dieser kleinen Kopie des Originals. Ihm zur Seite enthüllt die Fabel ihren Schleyer: auf demselben sind einige von Lessings Fabeln gewebt, als die vom Stier und Kalbe, (auf Lessing selbst so passend,) vom Strauße, von Kameel und Pferde, von Schaf und Jupiter, vom Löwen u.s.w. Die Biene auf diesem Schleier ist wahrscheinlich auch eine Anspielung auf den Charakter des Dichters. Der Verfolgungsgeist kommt die Stufen des Tempels herangekrochen: in einer Hand eine Rolle, die berüchtigten Wolfenbütteler Fragmente, in der andern eine zwiefache Fackel, mit welcher er Lessings Bilde droht: auf dem Rücken ein Rauchfaß. Germaniens rechte Hand stößt ihn zurück. Ueber dem Eingange des Tempels umarmt der Genius der Alten den Genius der Neuern. Jener, ein schön ausgewachsener Jüngling, mit großen Flügeln, um das Haupt den Lorbeer; über ihm die Flamme der Unsterblichkeit; auf der Brust das Bild der Wahrheit: sein forschender Blick prüft noch mitten in der Umarmung seinen jüngern Bruder, ob er auch seiner werth sey. Die getroste Miene des Zweyten beweist dieß: noch zwar ist sein Haar nur mit Blumen bekränzt, seine Fittiche sind kleiner, und er selbst noch nicht ausgewachsen; aber auch über ihm schwebt die unsterbliche Flamme: in seiner Linken trägt er noch die Opferschale und die Palme, die ihm zu Theil geworden ist. Der Tempel ist von dorischer Ordnung, zum Theil mit Wolken umgeben." ("Neue Bibliothek", a.a.O.). Das Blatt wurde ferner von einem Dresdner Korrespondenten "R" in seinen Auszügen aus Briefen vom Dezember 1781 (Nr. III), im "Deutschen Museum", a.a.O., besprochen. Bei übereinstimmender Beschreibung enthält der Bericht die zusätzliche Information, daß es sich um "eine Zeichnung des Hrn. Prof. Schenaus" handelt, "die er für seinen Freund [= Lessing] und ihren beiderseitigen Landsmann, Hr. Meißnern, verfertigt hat [...]. Die Höhe des Bildes ist etwas über 3 Fuß und seine Breite nahe 2 Fuß. [...] Sobald man jene obenangeführte Auslegung, die aus Schenaus eigenem Munde kömt, annimt, scheint es mir unmöglich, auf eine bescheidenere Art der Arbeiten Lessings in seinen lezten Jahren zu gedenken."
zitiert aus: Konrad Oberhuber (Hg.), Maren Gröning, Marie Luise Sternath (Bearb.), Die deutschen und Schweizer Zeichnungen des späten 18. Jahrhunderts, Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina, Bd. IX, Wien u.a. 1997, S. 223, Nr. 744.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/18717/allegorie-auf-gotthold-ephraim-lessingImage Request