Der gekreuzigte Christus
Anonym
2. Drittel 16. Jahrhundert
Die aus der berühmten Sammlung von #Sir Peter Lely stammende Zeichnung wurde unlängst von der Albertina aus privatem Besitz erworben und ist noch unveröffentlicht. Sie zeigt den gekreuzigten Heiland, dessen lebloses Haupt nach links niedergesunken ist und dessen eng aneinanderliegende Beine leicht zur rechten Seite gewendet sind. Dünne Linien einer abweichenden Vorzeichnung im oberen Bereich geben zu erkennen, dass der linke Arm ursprünglich etwas weiter emporgestreckt sein sollte und die Finger stärker angewinkelt waren. Die Studie knüpft unmittelbar an #Michelangelos Christusdarstellungen der 1530er-Jahre an. Die überaus detaillierte, aus feinsten Strichen gebildete Linienführung erzeugt eine zart nuancierte Modellierung, die derjenigen der Präsentationszeichnungen und der für #Tommaso de’ Cavalieri geschaffenen Blätter eng verwandt ist. In der zeichnerischen Durchgestaltung bestehen etwa Bezüge zu der Studie für den auferstandenen Christus in Windsor Castle oder zu dem Blatt mit derselben Thematik im British Museum (Tolnay, Corpus, Bd. 2, Nr. 263), bei dem auch die skizzenhafte Anlage des Kopfes mit breiter gesetzten Schraffuren Verbindungen zu dem Wiener Kruzifixus aufweist. Christus ist zwar als Toter dargestellt, doch ein den
Oberkörper durchziehender Schwung und der sich hebende Brustkorb verleihen ihm einen lebensvollen Zug, worin er an die Zeichnung des Gekreuzigten erinnert, die Michelangelo #Vittoria Colonna geschenkt hat (Tolnay, Corpus, Bd. 3, Nr. 411). Die Gestaltung der Kniegelenke sowie der Typus des Hauptes Christi gemahnen ferner an eine nur durch eine Kopie im Louvre und einen Stich von #Antonio Lafreri überlieferte Zeichnung, die Michelangelo der Vermutung von C. Tolnay (Corpus, Bd. 3, Abb. S. 66, 69) zufolge für ein anderes Projekt für Vittoria Colonna geschaffen hat. Trotz der meisterhaften Ausführung des Wiener Blattes spricht der Mangel an Spontaneität und Lebendigkeit der Linienführung gegen eine Zuschreibung an den Meister. Die Modellierung verleiht allen Einzelheiten eine gleichförmige Wirkung und vermag den Körper nicht von innen heraus mit Dynamik und Leben zu erfüllen. Unter der glatt und seifig anmutenden Oberfläche ist die Muskulatur zwar zu erahnen, sie macht aber die Kraft und Anstrengung nicht wirklich anschaulich. Der Kruzifixus wirkt dadurch leicht und nahezu schwebend, und das Fehlen markanter Umrisslinien und eines kontrastreichen Helldunkels lässt den Leib nicht rundplastisch erscheinen wie auf den Zeichnungen Michelangelos.
Den Federaufschriften zufolge stammt das Blatt von #Biagio Betti, wobei es sich hier wohl nicht um Vermerke des Künstlers selbst, sondern um Hinzufügungen eines späteren Besitzers des Kruzifixus handelt. Der um 1545 im pistoiesischen Cutigliano geborene Künstler Biagio Betti wird bei #Vasari (Vasari, Bd. 7, S. 69) unter den Schülern von #Daniele da Volterra, Michelangelos engem Freund, erwähnt. 1573 trat er als Laienbruder in den Theatinerorden im Konvent von San Silvestro al Quirinale in Rom ein (Baumgart 1934a, S. 31). #Giovanni Baglione (1642, S. 318 f.) hat ihm eine kurze Vita gewidmet, in der er verschiedene von Betti ausgeführte Gemälde sowie ein Holzrelief mit der Darstellung eines gekreuzigten Christus in der Sakristei von San Silvestro erwähnt. Er sei eine gebildete, künstlerisch vielseitige Persönlichkeit gewesen, die auch Miniaturen auf Pergament sowie Modelle aus Wachs und Ton geschaffen habe. Er habe selbst musiziert und sei zudem ein erfahrener Arzt gewesen. Laut Baglione starb Betti am 8. August 1615 im Alter von siebzig Jahren.
Gemälde von Biagio Bettis Hand wie die Darstellung "Christus unter den Schriftgelehrten" im Chor von San Silvestro (Baumgart 1934a, Abb. 1), die eine seitenverkehrte Kopie von #Dürers Holzschnitt aus dem "Marienleben" ist, zeugen von keiner außergewöhnlichen künstlerischen Begabung. Auch die ihm zugeschriebene Zeichnung einer liegenden Figur in der National Gallery of Scotland in Edinburgh lässt keine Vergleichsmöglichkeiten mit dem gekreuzigten Christus zu (Inv. D 4890/46 A; Andrews 1968, Bd. 1, S. 19). So stammt das Blatt vermutlich nicht von Betti, sondern eher von einem Künstler aus dem unmittelbaren Umkreis Michelangelos, auf den der Stil des Blattes so klar hinweist. Hier käme Bettis Lehrer Daniele da Volterra in Betracht, der ähnlich hochvollendete Zeichnungen mit einer vergleichbaren Modellierung geschaffen hat. Daniele könnte das Blatt seinem Schüler überlassen haben, und weil es sich in Bettis Besitz befand, mag man es später als ein Werk von dessen Hand erachtet haben. Allerdings scheint der Kruzifixus nicht ganz die typischen Manierismen Danieles aufzuweisen; in dessen gesicherten Zeichnungen bleiben zudem die Linien innerhalb der Schraffuren zumindest in Teilbereichen einzeln sichtbar. Vielleicht sind die stilistischen Unterschiede aber dadurch zu erklären, dass Daniele getreu einem michelangelesken Vorbild zu folgen suchte. Wir können das Problem an dieser Stelle nicht lösen und müssen die Frage der Autorschaft des Blattes zunächst offen lassen.
Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 109.
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