Boreas entführt Oreithyia
François Verdier
Die Zusammenstellung der vierzehn Blätter Inv. 11840 – Inv. 11853 ergab sich aufgrund der gemeinsamen Technik, des beinahe gleich großen Formats und der der Mythologie angehörenden Thematik. Kaposy (1980, p. 85) vermutete in diesem Zyklus die Vorzeichnungen für eine größere Stichfolge oder sogar Entwürfe zu Supraporten einer uns heute unbekannten Schloßausstattung. Unbestritten ist, daß vermutlich die Ausstattung Verdiers im Trianon de Marbre in Versailles das Vorbild dieser Zeichnungen in der Albertina abgegeben hat; Kaposy (1980, p. 85, Abb. 15 und 16) hat bereits zwei Blätter dieser Serie eindeutig mit Gemälden der Ausstattung in Versailles in Zusammenhang gebracht. Gegen unsere erste Annahme, es könnte sich auch um die Vorzeichnungen zu Buchillustrationen handeln, spricht, daß die einzelnen Darstellungen keiner bestimmten inhaltlichen Logik folgen. Die Mehrzahl der Blätter illustriert zwar Begebenheiten aus Ovids Metamorphosen, in einigen wenigen Fällen gelang uns aber auch der Nachweis anderer literarischer Grundlagen, wie z. B. Ovids Ars amat. (Inv. 11849) oder Vergils Aeneis (Inv. 11841) Auffallend sind die auf fast allen Blättern dieser Serie angebrachten Ergänzungen v. a. an den seitlichen Rändern. Es scheint, als hätte der Zeichner die Blätter erst nachträglich einem größeren Format angepaßt und entsprechend ergänzt. Verdiers ungeheure Produktivität als Zeichner macht es zum heutigen Kenntnisstand seines Œuvres schwierig, eine Datierung dieser Serie vorzunehmen. Wir glauben aber, daß sie als Spätwerk des Künstlers anzusehen ist: Die Darstellungen sind weitgehend frei von direkten motivischen Entlehnungen bei seinem ehemaligen Lehrer Charles Le Brun und lassen auch jene lineare, akademische Strenge der 90er Jahre vermissen, in denen z. B. der Samson-Zyklus entstanden ist. Im Gegensatz zu früheren Zeichnungen sind sie in ihrer vergleichsweise malerischeren Auffassung vielleicht ein begrenztes Zugeständnis Verdiers an den herrschenden Zeitgeist des beginnenden 18. Jahrhunderts.
Die Erzählung um die Entführung Oreithyias durch den Windgott Boreas wird in Ovids Metamorphosen VI, 706-710 erzählt. Die nicht zuletzt von Nicolas Poussins Gemälde "Die Zeit entführt die Wahrheit" (Louvre, Inv.Nr.7301) angeregte Hauptgruppe mit Boreas und Oreithyia sowie die beiden
Begleiterinnen der Oreithyia links darunter kehren im übrigen ident auf einem 1689 ausgeführten Gemälde Verdiers desselben Themas im Trianon de Marbre in Versailles wieder. Kaposy (1980, p. 85, Abb. 13) sieht in der Zeichnung der Albertina eine gegenüber der Lösung in Versailles in der Komposition verbesserte Reprise. Auf die Schwächen des Gemäldes in Versailles hat schon Schnapper (1964[1], p. 221) hingewiesen.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 169, Nr. 893.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/22356/boreas-entfuhrt-oreithyiaImage Request