Pietà
Peter Candid gen. Peter de Witte
um 1595
Peter de Witte (latinisiert: Peter Candid) ließ sich nach längerem Italienaufenthalt 1586 in München nieder. Dort arbeitete er als Hofmaler für die Wittelsbacher. Diese prachtvolle Zeichnung wurde erst spät seinem OEuvre hinzugefügt: Noch 1992 setzte man sie in den Umkreis des Giuseppe Nicola Nasini (1657 –1736), auch wenn Veronika Birke die Hand eines »Nordländers« aus dem 16. Jahrhundert in Betracht gezogen hatte. Candids Autorschaft wurde erstmals von Joachim Jacoby vorgeschlagen und von Brigitte Volk-Knüttel akzeptiert. Ganz ähnlich ist eine Beweinung Christi gearbeitet, die der Künstler noch in Italien gezeichnet hatte (siehe Volk-Knüttel 2010, Nr. Z 3). Unser Blatt entstand etwa zehn Jahre später und wurde von Johann Sadeler I. (1550 –1600) in seitengleicher Ausrichtung gestochen (Bartsch 215). Dabei war Candid selbst gar nicht der Inventor des Motivs: Die Zeichnung geht zurück auf eine verlorene Skulptur des Hubert Gerhard (um 1540 /1550–vor 1621). Sicher kann das dreidimensionale Vorbild die starke Plastizität erklären, wobei sich der Zeichner, mit Blick auf das gestochene Endprodukt, für die Modellierung fast ausschließlich grafischer Mittel bedient. Nur im Bereich der Weißhöhung haben sich die Linien zu fleckigen Lichtinseln verdichtet.
Hubert Gerhards Bronzeskulptur war ihrerseits von einem Gemälde Hans von Aachens (1552 – 1615) angeregt – es befand sich bis zu seiner Zerstörung 1944 in der Herzog-Max-Burg in München (Jacoby 2000, Nr. 18). Dieser wechselseitige Austausch ist charakteristisch für die engen Beziehungen unter den Künstlern am kurfürstlich-bayerischen Hof.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 60, S. 130.
