Weibliche Figur mit Gefäß
Polidoro Caldara da Caravaggio
um 1524-1525
Die Zeichnung, die in er Albertina traditionell als #Raphael galt, bestimmte Wickhoff (1892) als oberitalienisch aus dem 16. Jahrhundert. Stix und Fröhlich-Bum (Stix 1932) brachten das Blatt vorsichtig mit #Giovanni Francesco Penni in Verbindung, das Pouncey später in einer Notiz auf dem Passepartout zweifellos richtig Polidoro zugeschrieben hat. Das antikisch gekleidete Mädchen ist in klassischem Kontrapost in eine Nische eingefügt, was an dem mit der Feder nachgezeichneten oberen runden Abschluss zu erkennen ist. Ihr Körper zeichnet sich unter dem durchsichtigen Gewand ab, das in dicht aneinander liegenden vertikalen Linien gezeichnet ist, die der Oberfläche eine lebendig schillernde Wirkung geben. Bezeichnend für die auf das Optische gerichtete Sehweise Polidoros ist, dass er den Blick nicht auf die Plastizität der Formen und das Raumhafte der Gesten, sondern auf den breit über den Körper gelegten Stoff mit all seinen Fältelungen richtet. Dabei lässt die Strichtechnik, die aus einem dichten System langgezogener Linien und kurzer gebogener Schrägschraffen gebildet wird, bereits den deutlichen Einfluss #Parmigianinos spüren, der ab 1524 nach Rom gekommen ist. Eng verwandt sind etwa Parmigianinos Federstudie zur "Grablegung Christi" im Louvre (Popham 1971, Nr. 466, Taf. 161) oder die Zeichnung mit mehreren Figuren in der Albertina (Inv. 2700), die beide um 1524-1525 entstanden sein dürften. Polidoros Blatt könnte aus derselben Zeit stammen, zumal sie in der Auffassung der "Heiligen Maria Magdalena" an der Rückwand der Kapelle des Fra' Mariano del Piombo in San Silvestro al Quirinale erinnert. Die Nischenfigur wendet zwar den Blick in die andere Richtung, lässt aber wie dort ihre geflochtenen Haare durch die Hand des erhobenen Armes gleiten. Auch die kräftigen Proportionen, die weichen und fülligen Glieder und die schwungvoll elastische Haltung kommen sich äußerst nahe. Die Gewandung ist freilich noch antikischer, und das Salbgefäß ist in Form einer Vase dargestellt. Da die "Heilige Maria Magdalena" ebenfalls in eine Nische eingefügt ist und die Ausmalung der Kapelle wohl um 1525 vollendet gewesen sein dürfte, könnte die Zeichnung der Albertina eine frühe Entwurfsskizze für die Heilige sein.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 252, S. 344.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/22984/weibliche-figur-mit-gefaImage Request