Kopf eines alten, bärtigen Mannes
Federico Barocci
1584-1586
Der lebensgroße Kopf eines alten, bärtigen Mannes ist eine Vorzeichnung für den hl. Zacharias in dem Altargemälde der "Heimsuchung" in der Chiesa Nuova in Rom. Der Heilige neigt dort sein Haupt nach links und blickt mit Verwunderung auf Elisabeth und die Muttergottes herab. Auch in dieser Pastellstudie nehmen die Farben der Kreiden diejenigen des ausgeführten Gemäldes vorweg, und wie so häufig ist auch in dieser Zeichnung der graugrüne Ton des Papiers in diese Wirkung mit einbezogen. So ist der Grund an der Schläfe und in den Augenhöhlen ausgespart, um dort einen Halbschatten anzudeuten, während sich unterhalb die Papierfarbe mit der weißen und gelben Kreide verbindet und den Bart mit einem sfumatesken Schleier umhüllt.
Der lebensnahe Ausdruck des Gesichts, das starke innere Anteilnahme widerspiegelt, setzt wohl das Studium eines Modells voraus. #Giovanni Pietro Bellori, Baroccis Biograf, berichtet, der Künstler habe auf der Straße und auf Plätzen menschliche Charaktere genau beobachtet und Leute mit besonders einprägsamen Gesichtszügen als Modelle zu sich nach Hause eingeladen (vgl. Turner 2000, S. 189). Die Funktion des Wiener Blattes entsprach möglicherweise der von Hilfskartons, wie sie u. a. Raphael oder Perugino verwendet haben. Vom Karton übertrug man wichtige Einzelheiten wie Köpfe oder Hände auf andere Blätter, die Hilfskartons, um sich die Charakterzüge, die Haltung und die Lichtführung kurz vor dem Malbeginn nochmals zu vergegenwärtigen. Allerdings fehlen auf Baroccis Blatt Spuren einer Übertragung, die mittels Durchgriffelung oder Durchstechen der Umrisslinien erfolgte. Die Zeichnung entstand daher vermutlich weitgehend frei, ohne unmittelbare Vorlage eines Kartons.
Die außergewöhnlich große Zahl an erhaltenen Vorzeichnungen für die "Heimsuchung" dokumentiert, mit welcher Sorgfalt Barocci das Gemälde vorbereitet hat. Er malte es im Auftrag der Oratorianer der Chiesa Nuova für die Cappella della Visitazione. Gemäß einem zeitgenössischen Bericht löste es große Bewunderung, ja tiefste religiöse Ergriffenheit bei dem Gründer des Oratorianerordens, #Filippo Neri, aus, der es zu seinen liebsten Bildern zählte.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 61.
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