Hans Baldung gen. Grien, Kopf eines bärtigen alten Mannes ("Saturn"), Inv. Nr.: 17549
Kopf eines bärtigen alten Mannes ("Saturn")
Hans Baldung gen. Grien, Kopf eines bärtigen alten Mannes ("Saturn"), Inv. Nr.: 17549
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Kopf eines bärtigen alten Mannes ("Saturn")

Hans Baldung gen. Grien

1516




Mit Baldungs Saturn besitzt die Albertina eines der rätselhaftesten Blätter der altdeutschen Zeichenkunst überhaupt. Vom Übergang zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit kennen wir einzelne Bildnisse, die nicht mehr ein Individuum, sondern einen geistigen Zustand festhalten. Solche Charakterbilder veranschaulichen das Wesen des Menschen mit den Mitteln des Künstlers. Saturn repräsentiert den Melancholiker, zu dessen Merkmalen nach Auffassung der Zeit die graue, trockene Haut, tiefliegende Augen und krauses Haar- und Bartwuchs gehören. Gedacht waren solche Werke für die Kunstkammern der Humanisten und gebildeter Sammler.

 



Künstler:in (Schwäbisch Gmünd 1484/85 - 1545 Straßburg)
Date1516
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide
Dimensions33,3 x 25,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number17549
InscribedM.o. "SATVRNO. L." (von fremder Hand); r.u. "Jean Baldung Gruen." (moderne Aufschrift in Rot, teilweise getilgt)
Signedl.u. "[1]516"; r.u. ".HGB" (G in H ligiert)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174); Prinz Charles de Ligne (Lugt 592)
Text

Finstere Miene und schrundige Runzelhaut, unfrisiertes Strubbelhaar und schütterer Bart, die von Schlägen geplättete Nase und missmutig zusammengebissene Lippen, ein lauernd nach rechts gerichteter Blick und schließlich als Warnzeichen die an der Stirne schwellende Zornesader: Mit dem Mann ist nicht gut Kirschen essen! „Saturn“, so hat Hans Baldung Grien, Mitarbeiter in Albrecht Dürers Werkstatt und unter dessen Epigonen wohl der talentierteste, das 1516 gezeichnete Blatt mit dem Finsterling betitelt und zeigt uns also die düsteren Züge des Sohnes des Himmelsgottes Caelus und der Erdgöttin Tellus. Er selbst ist dem Ackerbau verpflichtet, doch ist im gebildeten Schrifttum der Zeit sonst nichts Gutes von ihm zu lesen. Schwarz ist seine Farbe, das Saure sein Geschmack und giftig, kalt und trocken ist sein Planet. Wäre er der Erde am nächsten, es herrschte ewiger Winter. Und wehe dem, der in seinem Zeichen geboren wird. Nur stinkende Arbeit ist dessen Metier, als Gerber etwa, oder (das aber mit gewisser Begabung) als Bauer. Auch das Äußere der so unglücklich Geborenen könnte unschöner nicht sein: Bleich und mager, der Rücken krumm, der Gang langsam, unlieblichen Angesichts, der Bartwuchs spärlich, das Haar hart und schwarz, der ganze Körper unsauber und stinkend, und besonders hüte man sich vor dem Blick aus tiefliegenden, mörderischen Augen.(1) Ersichtlicherweise liefert uns Baldung also mit dem Phantombild des Saturn ein Abbild des saturnischen Menschen schlechthin: des Bauern. Ein Schwenk auf Dürer bestätigt unsere auf den ersten Blick vielleicht allzu gewagte Behauptung. Sein Bauer mit Peitsche zeigt, sieht man vom Fehlen des Bartes ab, engste Gemeinsamkeiten (2), und mehr noch: derselbe Kopftypus, besonders was Haarwuchs und die hohlwangigen Züge betrifft, begegnet uns in wieder in Dürers Bauernpaar, das seit etwa 1497 auch als Kupferstich vorlag, bei einem Männerkopf im Profil von 1505, und schließlich auch in einer der 1515 entworfenen Randzeichnung zum Gebetbuch Kaiser Maximilians.(3) Gemeinsam ist allen zudem (soweit die ganze Gestalt zur Darstellung kommt) der mäßige Wuchs ihrer gedrungenen Körper. Ein Paar von solcher Statur eröffnet Dürers Bücher von menschlicher Proportion, und es erübrigt sich fast darauf zu verweisen, dass nach Ansicht des Autors derartig ‚starke und dicke‘ Figuren ‚bäurisch‘ sind.(4)

Dürer und Baldung führen uns in eine Epoche, die den Menschen wie zu keiner Zeit zuvor ins Zentrum des künstlerischen Interesses rückte. Nicht nur die Bildniskunst gelangte am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit zu hoch bedeutenden Leistungen; denn noch bahnbrechenden ist doch die damals aufkeimende Idee, zu der uns Baldungs „Saturn“ ein mehr als erstaunliches Beispiel liefert: nämlich den Menschen ohne jegliches individuelles Merkmal in ein Abbild von gemeingültiger Sinnbildhaftigkeit zu konzentrieren. Der ideengeschichtliche Hintergrund ist dazu folgender: Gemäß der von den Hippokratikern entwickelten Auffassung entschied das Mischungsverhältnis der vier Körpersäfte Blut (sanguis), Schleim (phlegma), gelbe Galle (chole) und schwarze Galle (melaina) über die körperliche und geistige Befindlichkeit – nach zeitgenössischer Sprachregelung die „Complexion“ oder den „Humor” – des Menschen.(5) Das daraus abgeleitete Viererschema der menschlichen Temperamente diente den antiken Naturwissenschaftlern als Konzept zur Erklärung allgemeiner Körpervorgänge und wurde im europäischen Mittelalter durch die Zuordnung der vier Elemente, der vier Jahreszeiten, der vier Winde, von Planeten, speziellen Tieren oder der Handlinien allmählich zu einem komplizierten System teils bis heute gängiger Vorurteile ausgebaut. Denn umgekehrt, so meinte man, konnte aus der Gesamtheit physischer Merkmale natürlich auch auf psychische Auffälligkeiten geschlossen werden. Die physiologischen Komponenten wurden schon eingangs umrissen. Was sich daraus für angeborene Verhaltensmuster ableiten lassen, auch darüber doziert die zeitgenössische Lehre. Für einen saturnisch respektive bäuerisch Veranlagten sind diese folgende: sein Temperament ist das melancholische, das von allen „humores“ am ungünstigsten bewertet wird; er ist von diebischer Natur, neidig und gehässig, seine Gebärden sind unsittlich, die Gedanken niedrig, unkeusch, boshaft und grob, sein Sinn steht nach Saufen und Fressen, das ganze Sein – es zielt auf Beschiss und Betrug.(6) Das Dumpfe, Grobe, Maßlose, Ungeschlachte: das sind also die mit dem „bäuerischen“ assoziierten Vorstellungen. Bereits der „Vocabularius teutonicus“ von 1482, das früheste Wörterbuch der deutschen Alltagssprache, listet das Wort „bauer“ nicht allein als Entsprechung des „rusticus“, sondern gibt als zweite Bedeutung die hier erstmals belegte Wortschöpfung „grobianus“ an.(7) Im klassischen Latein wird man sie vergeblich suchen, und mit der satirischen Literatur des deutschen Humanismus avanciert der Grobian zum Schutzpatron ungehobelten, „bäuerlichen“ Packs.(8) Als etwa 1551 in Worms Friedrich Dedekinds „Grobianus“ erschien, versprach der Untertitel weitgehenden Aufschluss „von groben Sitten vnd vnhöflichen Geberden“, die in der Frankfurter Ausgabe von 1567 in „bäwrisch“ korrigiert wurden.(9) Dass ein solcher Standpunkt auch in Dürers Bewusstsein verankert war, zeigt ein Blick in seinen „Ästhetischen Exkurs“, wo eine „bewrische gestalt“ (nun schon wie selbstverständlich) als „grob“ etikettiert wird.(10) Kurzum: Das Bauerntum ist nach derartiger Einstellung keine Daseinsform, es ist Diagnose.

 

(1) Dazu etwa Johannes ab Indagine, Die Kunst der Chiromatzey, Straßburg 1523, fol. 21r und v („Von den Saturnischen menschen“), oder Peter Creutzer, Planeten Büchlein, Wie man eines jeden Menschen Art, Natur und Complexion, nach dem er under eim Planeten und Zeichen geboren, erkennen soll, Straßburg um 1555, Bl. D2r – D3v („Vom Planeten Saturno“).

(2) Albrecht Dürer, Ein Bauer mit Peitsche, 1519, Feder in Schwarz, 23,4 x 16,1 cm. Hamburg, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv. 1975–39 (Strauss Suppl. 1, Nr. 1504/56); siehe auch Petra Roettig, in: Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Bd. 1: Deutsche Zeichnungen 1450–1800, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 150–152, Nr. 294.

(3) (Nach?) Albrecht Dürer, Bauernpaar, um 1496, Feder in Braun, 19 x 22,3 cm, Berlin, Kupferstichkabinett, KdZ 4270 (Strauss 1496/16); A. Dürer, Bauernpaar (Der junge Bauer und seine Frau), um 1497, Kupferstich, 10,8 x 7,9 cm (Meder 86); Männerkopf im Profil, 1505, Feder in Braun, 20,8 x 14,8 cm, London, British Museum, Inv. 5218–31 (Strauss 1505/23); A. Dürer, Tanzende Bauern, Randzeichnung zum Gebetbuch Kaiser Maximilians, 1515, Feder in Grün, München, Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 2 L. impr. membr. 64, fol. 56v (Strauss 1515/45).

(4) Albrecht Dürer, HJerinn sind begriffen vier Bücher von menschlicher Proportion, Nürnberg 1528, Bl. A3v und Tafeln Bl. A6r und v („einen dicken pewrischen man“), Bl. B1r und Tafeln Bl. B2 r und v („ein stark / dick / pewrisch weyb“).

(5) Siehe dazu ausführlich Christof Metzger, „Wie man den Menschen erkennen soll“. Neue Überlegungen zu den Charakterstudien Hans Schäufelins, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien, Band 12, 2010, S. 8–39.

(6) Siehe Indagines Chiromatzey (wie Anm. 1), 1523, fol. 44v und 45r („Vom Saturno in der geburt des vnglückseligen Melancholici“), oder Creutzers Planetenbüchlein (wie Anm. 1), um 1555, Bl. D3r („Vom Planeten Saturno“).

(7) Vocabularius teutonicus in quo vulgares dictiones ordine alphabetico praeponuntur, Nürnberg 1482, Bl. e5r.

(8) Vgl. in Sebastian Brants deutscher Erstausgabe des Narrenschiffs im Kapitel „Von groben narren“: „Eyn nuwer heylig heisßt Grobian / den will yetz fyren yederman“; siehe Sebastian Brant, Das Narren schyff, Basel 1494, Bl. m4v–m6r.

(9) Friedrich Dedekind, Grobianus. Von groben Sitten vnd vnhöflichen Geberden, Worms 1551, bzw. Grobianus vnd Grobiana. Von vnfletigen groben vnhoeflichen sitten vnd Baewrischen gebaerden, Frankfurt a. M. 1567.

(10) Albrecht Dürer, Der sog. Ästhetische Exkurs, in: HJerinn sind begriffen vier Bücher von menschlicher Proportion, Nürnberg 1528, Bl. T2r („in grober bewrischer gestalt“).

 

nach Bauern, Tänzer, Liebespaare. Das Pralle Leben. Grafik der Dürerzeit, Ausstellungskatalog Galerie Stihl Waiblingen 2014

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 302
  • Térey 245
  • Koch 48
  • Bibliography
  • Gabriel von Térey, Die Handzeichnungen des Hans Baldung gen. Grien, Bd. 3, Strassburg 1894, S. LXXXI f., Nr. 245
  • Koch 1941, S. 28 f., Nr. 48
  • André Chastel, Le Mythe de Saturne dans la Renaissance italienne, in: Phoebus. Zeitschrift für Kunst aller Zeit, 1, 1946, S. 125-134, hier S. 134, mit Abb. 13
  • AK Albertina/Washington/New York 1984-1986, S. 203, Nr. 16
  • AK Freiburg im Breisgau 2001, S. 212, Nr. 50 (B. Söding)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.24
  • AK Mélancholie.Génie et folie en Occident, Grand Palais, Paris, 2005/06, S. 151-152, Nr. 48 (Martina Minning)
  • AK Melancholie, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2006, S. 149, Nr. 48
  • Schröder 2008, Nr. 15 (H. Widauer)
  • Emmanuelle Brugerolles und David Guillet, AK Dürer et son temps. Dessins allemands de l'École des Beaux-Arts, Paris 2012, S. 104, unter Cat. 12
  • Christof Metzger, "Von den beruembten guten meystern." Aus Albrecht Dürers Werkstatt, in: AK Dürer. Kunst - Künstler - Kontext, Städel Museum Frankfurt a. M. 2013, S. 195-201, hier S. 200
  • Christof Metzger, Von groben Gebärden und bäuerischer Art. Der Bauer in der Kunst der Dürerzeit, in: AK Bauern, Tänzer, Liebespaare. Das Pralle Leben. Grafik der Dürerzeit, Galerie Stihl Waiblinge 2014, S. 14-19, hier S. 15
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 80-81
  • Eva Michel (Hg.), Pieter Bruegel. Das Zeichnen der Welt (Kat. Ausst. Albertina, Wien, 2017), München 2017, S. 210
  • Die Reise der Bilder. Hitlers Kulturpolitik, Kunsthandel und Einlagerungen in der NS-Zeit im Salzkammergut (Kat. Ausst., Lentos Kunstmuseum, Linz 2024), München 2024 (Abb. S. 181)
  • Provenance
  • Charles Antoine Prince de Ligne (1759–1792), Brüssel (Auktion bei Aloys Blumauer, Wien, ab 4. November 1794, S. 151, Baldung Nr. 1
  • Lugt Rep. 5245)
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited13.10.2025