Raffaello Santi, Heiliger Josef nach rechts schreitend (Studie für die "Madonna del Divino Amor…
Heiliger Josef nach rechts schreitend (Studie für die "Madonna del Divino Amore")
Raffaello Santi, Heiliger Josef nach rechts schreitend (Studie für die "Madonna del Divino Amore"), Inv. Nr.: 235
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Heiliger Josef nach rechts schreitend (Studie für die "Madonna del Divino Amore")

Raffaello Santi

um 1515




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1515
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel
Dimensions23,6 x 13,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number235
InscribedM.u. "Raphael" (in späterer Federschrift, abgeschnitten)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Vorzeichnung für den heiligen Josef im Tafelbild der so genannten "Madonna del Divino Amore" in Neapel (Museo di Capodimonte), das #Vasari unter den Werken Raphaels ausführlich beschreibt und dessen wunderbares Kolorit und einzigartige Schönheit er hervorhebt (Bd. IV, S. 348 f.). Der Entwurf des Bildes wird in der heutigen Forschung allgemein Raphael zugeschrieben, die Ausführung der Werkstatt bzw. #Giovanni Francesco Penni (Leone des Castris 1995, S. 126 f.). Wir glauben jedoch, dass es sich um ein eigenhändiges Gemälde Raphaels handelt.
Die Rötelstudie zum "Heiligen Josef" galt für Passavant noch als Raphael, wird aber in der heutigen Forschung üblicherweise G. F. Penni oder #Giulio Romano gegeben. Dabei scheint zu wenig die Frage des Entstehungsdatums berücksichtigt worden zu sein. Die Andeutung der Figur in knappen Umrisslinien, die Beschränkung auf wenige Schraffuren, die den Körper ausfüllen und  Falten als helle Streifen aussparen, lässt sich noch mit Raphaels Studien für die Frauengruppe im "Borgobrand" (Inv. 4878) oder der Karyatide für den Sockel in der Stanza di Eliodoro vergleichen. Die Form des Mantels mit seinen steifen Falten, der schwer auf dem Körper liegt und diesen mehr von vorne bedeckt als umhüllt, findet sich ähnlich auf der Studie zum Karton mit "Paulus predigt den Athenern" (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 493, 519) von ca. 1514-1515. Raphael stellt die Figuren hier gegenüber dem wohl früheren Karton "Tod des Ananias" bereits in strengeren und würdevolleren Haltungen dar. Die große Einfachheit und zugleich Geschlossenheit der Haltung Josefs, den "großen Gewandstil über derber volkstümlicher Gestalt", hat bereits Fischel (1941) mit Raphaels Figurenideal zur Zeit der Teppichkartons verglichen und mehr Aufmerksamkeit für dieses zu wenig beachtete Blatt gefordert. Die Figur wirkt zwar zunächst flächig, ist aber bei näherer Betrachtung von großer innerer Organik. Die Erregung im Gesicht findet ihre Entsprechung in den schweren stockenden Schritten und dem unruhigen Raffen des Mantels. Die Arme sind überzeugend verkürzt, die knappe Andeutung der Beine unter dem Gewand genügt. Man sollte nicht vergessen, dass die Figur für den dunklen Hintergrund des Bildes bestimmt ist. Das markante Gesicht Josefs mit stark ausgeprägter Wange und Braue und dichten, stark gekräuselten Haaren findet nahezu sein Ebenbild im Kopf des Paulus im Karton der "Heilung des Lahmen", der zu den reiferen Kompositionen von ca. 1515 gehört. In dieser Zeit wird auch die Zeichnung entstanden sein. Weder Giulio Romanos Zeichnung "Venus und Adonis" von 1516 (Inv. 17632) noch die spätere Studie des Werfenden für die "Steinigung des heiligen Stephanus" in Paris (Louvre; Cordellier/Py 1992, S. 594, Nr. 595) können mit der ungezwungenen Natürlichkeit des "Heiligen Josef" und mit der Qualität dieser Zeichnung verglichen werden. Von Penni sind Zeichnungen in dieser Technik nicht bekannt. Die gänzlich unartikulierten Figürchen in den drei Kompositionen mit historischen Szenen in Wien (Inv. 230, Inv. 231 und Inv. 232) schließen ihn ebenfalls als Künstler aus. Alles spricht für Raphael als Zeichner. Das Bild könnte bereits um 1516 vollendet gewesen sein und nicht erst im Jahre 1518, wie immer wieder zu lesen ist. Raphaels "Heilige Familie" für #Franz I. in Paris, zu der Raphael um 1517-1518 Entwürfe gemacht hat, zeigt jedenfalls eine monumentalere und dynamischere Figurenauffassung und unterscheidet sich in der ungleich größeren Klassizität grundlegend von der "Madonna del Divino Amore".
In London befindet sich ein Kartonfragment, das laut Pouncey und Gere (1962, S. 41) in Verbindung mit einer der zahlreichen Kopien nach dem Bild entstanden ist. Dies dürfte auch bei einem Karton in Neapel (Museo di Capodimonte) der Fall sein, der nicht überzeugend G. F. Penni zugeschrieben wird (Muzii 1994, S. 308 f.). Beide Kartons sind mir im Original nicht bekannt.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999,Abb. 84, S. 144.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 285
  • Stix 1932, 117
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Braun 179 - Passavant 1860, Bd. 2, S. 447j
  • Morelli 1891/92, S. 574, Nr. 179
  • Dollmayr 1895, S. 359, Taf. XXXIX
  • Fischel 1898, S. 135, Nr. 329
  • Fischel 1913-1941, Bd. 8, S. 388, Nr. 378c, Abb. 303
  • O. Fischel, Raphael, London 1948, 2. Bde., I, p. 367 oben
  • Pouncey/Gere 1962, S. 41
  • AK Albertina 1983, S. 204 f., Nr. 75
  • Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, S. 142, Abb. 146
  • Joannides 1983, S. 265
  • Pedretti 1987, Bd. 1, S. 589 ff., Bd. 2, Abb. 287
  • AK Wien 1989/90, Nr. II/40
  • Muzii 1994, S. 309, La Collezione Farnese 1995, Bd. 2, S. 127 (P. Leone de Castris)
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 84 (A. Gnann)
  • AK Raphaël. Les dernières années, Tom Henry und Paul Joannides, Madrid, Museo Nacional del Prado und Paris, Musée du Louvre, 2012 - 2013, S. 190, fig. 89 (Giulio Romano oder Giovanni Francesco Penni).
  • Historical Attributions
  • Raffaello Santi (traditionell)
  • Zuschreibung von Dollmayr, Wickhoff, Stix, Fischel, Mitsch, Oberhuber (1990)
  • Romano, Giulio (Oberhuber in Knab/Mitsch/Oberhuber 1983)
  • Penni, Giovanni Francesco (?) (Joannides).
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    zum verwandten Werk

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    Last edited16.08.2021