Die Gürtelspende Mariens
Federico Barocci
um 1600-1610
Rahmenaußenmaß 67,8 × 50,4 × 3,8 cm
Das Gemälde, für das diese sorgfältig durchgeführte hochformatige Zeichnung diente, hat sich nicht erhalten. Das Blatt dürfte der Ausführung bereits weitgehend entsprochen haben, da es zur Übertragung auf den Karton oder den Malgrund bereits quadriert ist. Es stellt Maria dar, die ihren Gürtel zum Beweis ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel wahrscheinlich dem ungläubigen Apostel Thomas reicht.
Die Gebäude im Hintergrund der Darstellung lassen vermuten, dass das Bild für eine Kirche in Urbino beauftragt wurde, deren Patron der hl. Thomas ist. Man hat die Zeichnung bisweilen als Entwurf für die zwischen 1589 und 1593 gemalte "Madonna del Rosario" im Palazzo Vescovile in Senigallia angesehen (Emiliani 1985, Bd. 2, Abb. 575), was aber aufgrund nicht sogleich auffallender, aber wesentlicher Unterschiede kaum zutreffen kann. Gegenüber dem Bild in Senigallia sind die Figuren monumentaler, und es dominiert die viel dynamischer aufgefasste Muttergottes das Geschehen. Eine außergewöhnliche Kraft geht von dieser himmlischen Erscheinung aus, die den ungläubigen Apostel ihre physische Präsenz unmittelbar erleben, ihn gebannt innehalten und sogar mit dem Oberkörper zurückweichen lässt.
Barocci hat seine Zeichnungen sorgfältig aufbewahrt und aus dem Repertoire häufig Motive in anderen Zusammenhängen wiederverwendet (vgl. Turner 2000, S. 150, 154). So verwundert es nicht, dass die "Madonna del Rosario" zum Vorbild für die Komposition des Wiener Blattes wurde. Wie Harald Olsen und Konrad Oberhuber bemerkt haben, deutet der Stil des Blattes auf Baroccis Bilder aus dem frühen 17. Jahrhundert, wie die "Himmelfahrt Mariens" in der Galleria Nazionale in Urbino mit ihren vergleichbar kraftvollen und von starkem religiösem Pathos erfüllten Figuren (Olsen 1962, Nr. 66, Tf. 111). Wie die Gürtelspende weisen diese Darstellungen aus der Spätzeit in der Klarheit des Bildaufbaus, dem räumlichen Illusionismus, der tiefen religiösen Ergriffenheit der Figuren und der Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit ihrer Gebärden auf die Malerei des Barock voraus und überwinden den Manierismus.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 62.
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