Die Gürtelspende der Madonna
Bartolomeo della Porta gen. Fra Bartolomeo
um 1516
Etwa zur gleichen Zeit wie die Studie für den heiligen Markus im "Salvator Mundi" (Inv. 24526) schuf Fra Bartolomeo diesen eindrucksvollen Entwurf für die "Himmelfahrt der Madonna mit zwei Heiligen" in Santa Maria in Castello in Prato (heute Neapel, Museo di Capodimonte; Knapp 1903, Abb. 93), von der er sich aber noch in vieler Hinsicht unterscheidet: Auf dem Albertina-Blatt dürften die Figur auf der rechten sowie die nur skizzenhaft angedeuteten Gestalten neben dem Sargdeckel Apostel sein. Diese hatten den Sarkophag der Gottesmutter bei der Öffnung bis auf das duftende Leichentuch leer vorgefunden (vgl. Réau, Bd. 2/II, 1957, S. 618). Nach einer alten Legende spendete die Madonna als Zeugnis ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel ihren Gürtel an den auf der linken Seite knienden Thomas. Anlass zur Wahl des Themas bot eine lokale Tradition der Stadt Prato, derzufolge der Gürtel seit dem 12. Jahrhundert als verehrte Reliquie im Dom aufbewahrt wurde. Auf dem signierten und 1516 datierten Bild schwebt dagegen die Madonna aufwärts blickend und mit erhobenen Händen empor, die Sacra Cintola liegt auf dem Sockel des Sarges, aus dem Lilien und andere Blumen wachsen, und die Apostel sind durch die beiden Heiligen Johannes der Täufer und Katharina von Alexandrien ersetzt.
Neben diesen rein inhaltlichen Veränderungen sind in der Ausführung aber auch die kraftvolle Spannung, die malerische Abstufung der Helldunkelwerte und die leidenschaftliche Bewegtheit der Figuren gewichen, die unsere Zeichnung so beeindruckend macht. In ihr wird die Madonna nahezu aus dem Grab empor geschleudert. Sie wendet sich nur einen Moment lang dem Ungläubigen zu und hinterlässt ihm das Band, um dann begleitet von den hellen Klängen der Fanfaren und Zimbeln hinauf zu schweben in die himmlische Sphäre, in der sich über ihrem Haupt Cherubsköpfe zu einem krönenden Rund verbinden.
In dem Gemälde reduziert der Künstler die von einer früheren Himmelfahrt angeregte musizierende Engelsschar auf ein lauten- und ein geigenspielendes Engelchen und schwächt die dynamische Dreiecksverbindung zwischen der Gottesmutter und den beiden Figuren um den Sarkophag ab, die zu stummen, erstarrten Zeugen des Geschehens werden. Wie schon F. Knapp erkannte, haben sich zu der in den Himmel aufsteigenden Madonna zwei Zeichnungen in den Uffizien erhalten, auf denen sie das eine Mal wohl nach einem Modell in Studiotracht, das andere Mal mit wehendem Gewand und von Engeln umgeben in einer der Ausführung entsprechenden Pose festgehalten ist (AK Florenz 1986, Nr. 87-88, Abb. 110-111).
In München (Graphische Sammlung) befinden sich zwei dem Albertina-Blatt stilistisch eng verwandte und in der gleichen Technik ausgeführte Entwürfe Fra Bartolomeos zu einer Himmelfahrt Mariens, in denen die Apostel vollständig um den Sarg versammelt sind (B. Degenhart, in: Halm/Degenhard/Wegner 1958, Nr. 18; AK Rotterdam u. a. 1990-1992, S. 324, Abb. 215). #Fra Paolino soll sie für seine Darstellung gleichen Themas in Santa Maria del Sasso bei Bibbiena verwendet haben. Laut der unlängst von C. Fischer geäußerten Vermutung könnten sie frühe Ideen für Fra Bartolomeos Gemälde aus Prato widerspiegeln. Diesen Zusammenhang scheint eine Skizze auf einem Blatt mit verschiedenen Studien in Rotterdam zu bestätigen, auf dem die Madonna in einer Haltung wie auf einer der beiden Zeichnungen in München erscheint und rechts neben dem Sarg eine Heiligengestalt mit Krone und Palmzweig steht, bei der es sich bereits um die Heilige Katharina in dem Pratoer Bilde handeln könnte (AK Rotterdam u. a. 1990-1992, Nr. 90 Recto).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 38, S. 114.
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