Tommaso di Andrea Vincidor, Fruchtgehänge mit Eroten, Inv. Nr.: 371
Fruchtgehänge mit Eroten
Tommaso di Andrea Vincidor, Fruchtgehänge mit Eroten, Inv. Nr.: 371
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Fruchtgehänge mit Eroten

Tommaso di Andrea Vincidor

1521




Künstler:in (erste Erwähnung 1517 - 1536 (Breda?))
Date1521
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun, braun laviert, weiß gehöht, auf braunem Papier
Dimensions21,2 x 30,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number371
SignedM.r. "TFB" (als Ligatur) / 1521"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text
In der Abfolge der von Raphael ausgemalten Räume im Vatikan war der Konstantinssaal das letzte und zugleich monumentalste Dekorationsprojekt.  Der Meister vermochte aber nur noch einen Teil der Entwürfe für die Fresken zu schaffen, die schließlich seine Schüler Giulio Romano und Gian Francesco Penni nach seinem Tod 1520 ausgeführt haben. Auf den Wandbildern der einst für Festbankette und Audienzen genutzten Sala sind Szenen aus dem Leben Konstantins dargestellt, die wie fingierte Teppiche zwischen gemalte thronende Päpste, umgeben von allegorischen Figuren gespannt sind. Zur Ausschmückung gehörte ferner eine aus zwanzig Teppichen bestehende Serie mit den sogenannten Giuochi di Putti (Puttenspielen), die im Auftrag Leos X. in der Werkstatt des Pieter van Aelst in Brüssel gewebt wurde und die man bei festlichen Anlässen wohl am Sockel der Sala di Costantino aufgehängt hat. Im Gegensatz zu der Strenge der historischen Wandfresken bildete der heitere Charakter dieser Darstellungen einen vergnüglichen Rahmen für die Festessen in der Sala. Zwischen üppigen Fruchtgehängen sind die Putten in spielerischen Handlungen gezeigt, die zumeist von Philostrats Bildbeschreibung der Liebesgötter (Eikones I,6) angeregt sind. Daneben sind Motive wie das Joch, der Diamantring, der Löwe, die palla medicea oder der Petrus – Schlüssel eingefügt, die dem päpstlichen Auftraggeber huldigen (Quednau, 1981, S. 351ff.). Die originale, in Seide und Gold gewebte Serie ist zwar nicht mehr erhalten, doch lassen sich die Szenen anhand der erhalten Modelli, Nachzeichnungen, Stiche und späteren Kopien von einigen der Teppiche rekonstruieren (Cordellier und Py, 1992, S. 606 - 611). Die Vorzeichnung der Albertina ist 1521 datiert, wobei man die ligierten Buchstaben TFB als Monogramm von Tommaso Vincidor  (Tommaso Fecit Bologna) aufgelöst hat (vgl. Nesselrath, 1989, S. 284). Die Zuschreibung der Modelli an diesen Künstler ist gewiß zutreffend, zeigt sie doch in der Verwendung des bräunlichen Papiers, der sorgfältigen Herausarbeitung aller Details sowie dem behutsamen Einsatz von Weißhöhung, die einen silbrigen Glanz auf den schaumig weichen Puttenkörpern entfaltet, den charakteristischen Stil Tommasos. Er hielt sich seit Sommer 1520 zur Überwachung der päpstlichen Teppichaufträge in Brüssel auf, von wo er am 20. 7. 1521 an Leo X. schrieb, daß er alle zwanzig Kartons mit spielenden Putten fertiggestellt, diese so reich wie möglich mit Impresen des Papstes ausgestattet und noch einige kompositionelle Änderungen vorgenommen habe (Förster, 1904, S. 25). Vasari (Ausgabe Milanesi, Bd. S. 555) gibt allerdings an, Giovanni da Udine habe die Kartons für die Puttenspiele geschaffen. Für dessen Beteiligung spricht, daß ein Giovanni da Udine zugeschriebener Fries in der Villa Madama (Levefre, 1973, Tav. 13) einzelne Motive aus der Serie der Giuochi di Putti wiederholt, wie Pouncey und Gere (1962, S. 88) bemerkt haben. Der Großteil der eigentlichen Erfindungen geht dabei auf Raphael zurück. Vier der Szenen hat der Meister B mit dem Würfel mit der Inschrift RAPHA.UR.IN. gestochen (B. XV, S. 208f., Nr. 32 – 35). Ferner wurden aus der Darstellung eines Erotenfests, die durch Kopien, einen Nachstich und einen Clair-obscur-Holzschnitt des Meisters NDB (B. XI, S. 108, Nr. 4) bekannt ist, verschiedene Gruppen der spielenden Kinder seitenverkehrt wiederverwendet. Hierzu gehört auch der Putto auf dem Baum rechts in der Zeichnung der Albertina. Daß die Komposition des Erotenfests von Raphael stammt, legt eine zweite Fassung nahe, die ein 1544 datierter Clair-obscur-Holzschnitt des Meisters NDB (B. XII, S. 109, Nr. 5) überliefert, dessen Inschrift Raphael als Erfinder der Komposition nennt. Laut Pouncey und Gere (1962) kehren sechs Motive aus dieser Fassung in der Teppichserie wieder. Ebenfalls von diesem Holzschnitt ist der Äpfel pflückende Putto links auf dem Blatt der Albertina seitenverkehrt übernommen. Quednau (1981, S. 350) hat gezeigt, daß die Darstellung fast wörtlich Philostrats Beschreibung der Liebesgötter folgt: ”Und erst die Körbchen, worin sie die Äpfel sammeln! Und echte Perlen! Ihre Ordnung und Fassung muß als Werk des Hephaistos gelten. Leitern für die Bäume brauchen sie nicht von ihm, denn sie fliegen hoch bis zu den Äpfeln selbst hinauf (Eikones, I,6; zit. nach Marek, 1985, S. 109).“ Selbst die nutzlose Leiter ist in Tommasos Zeichnung eingefügt. Das Erotenpaar mit einer Obstschale in der Mitte ist ferner wörtlich von der Federzeichnung im Louvre Venus, Amor, Vulkan und fünf Putten im Louvre entnommen, die wohl von der Hand Raphaels stammt (vgl. Mantua und Wien, Nr. 137). Die sorfältige Durchgestaltung der Gliedmaßen und Artikulation der Gelenkstellen, die selbst unter den dicklich und verquollen wirkenden Körpern der Putti Tommasos deutlich erkennbar bleibt, verrät ebenfalls die Handschrift Raphaels. Es bleibt allerdings zu klären, ob der Meister selbst detaillierte Entwürfe zu den Giuochi di Putti gemacht hat. Vermutlich waren Giovanni und Tommaso wesentlich an der Ausarbeitung beteiligt, wofür die kopienhafte Wiederverwendung der Motive spricht.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 443
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Wickhoff 1892, Nr. 443 (Nicolas Beatrizet)
  • Pouncey/Gere, 1962, S. 87-90
  • München 1977, S. 165
  • Dacos 1977, S. 95, Anm. 279
  • Dacos 1980, S. 65f (Tommaso Vincidor?)
  • AK Chicago 1980, Kommentar zu Nr. 63
  • Quednau 1981, S. 349ff.
  • AK Paris 1983/84, S. 72, Kommentar zu Nr. 80
  • Città del Vaticano 1984/85, S. 357-363 (R. Quednau)
  • Massari et al 1985, S. 138, Kommentar zu II.4
  • Dacos 1986, S. 95, Anm. 279
  • Nesselrath, 1989, S. 286-288, Fig. 41
  • Ferino Pagden, 1989/90, S. 58, Abb. II/18
  • AK Rom 1992, S. 326, Anm. 2
  • Cordellier/Py 1992, S. 611, Nr. XIX
  • Birke/Kertész 1992, Bd. 1, S. 208f.
  • Oberhuber 1998, Abb. 24
  • AK Mantua/Wien 1999, Nr. 165 ( A. Gnann)
  • Oberhuber 1999, S. 233, Abb. 208
  • Haarlem 2012/13, Kat. 62 (A. Gnann)
  • Historical Attributions
  • Beatrizet, Nicolaus gen. Maitre du dè (traditionell)
  • Udine, Giovanni da nach (Wickhoff)
  • Rubens, Peter Paul überarbeitet von (Jaffé)
  • Zuschreibung von Oberhuber
  • Vincidor, Tommaso ? (Dacos).
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited10.05.2024