Caritas (Studie für die Predella der "Grablegung Christi")
Raffaello Santi
um 1507
Die "Caritas" ist eine Studie für eine der drei grisaillefarbenen theologischen Tugenden in der Predella des 1507 datierten Altargemäldes der "Grablegung Christi" (Rom, Galleria Borghese). Im Unterschied zu dem zarten, miniaturhaften wirkenden Bild, das sich heute in der Vatikanischen Pinakothek befindet, wirkt die Darstellung auf der etwa doppelt so großen Zeichnung monumentaler und plastischer. Womöglich aus diesem Grund hat man früher bisweilen den Zusammenhang bezweifelt und zu Unrecht an eine Zeichnung aus der Spätzeit oder sogar an eine Kopie gedacht. Da die Skizze im unteren Bereich nicht weitergeführt ist und mit der gekurvten Linie des Beines der Caritas abschließt, rechnete Raphael vermutlich in diesem Stadium bereits mit der Einfügung der Gruppe in eine Rundnische, wie dies bei dem Predellenbild zu sehen ist. Man hat bei dem Blatt schon immer auf den Einfluss #Michelangelos und insbesondere auf das Vorbild des "Tondo Pitti" im Bargello (Florenz, um 1503-1506) hingewiesen. Vergleichbar ist vor allem die stolze und hoheitsvolle, alles dominierende Haltung von Michelangelos Muttergottes, die ebenfalls sitzt und sich leicht vorlehnt. Aber auch die Zeichentechnik ist von Michelangelo angeregt, was an der straffen, die Formen gerüstartig aufbauenden Strichführung deutlich wird. An der verschatteten Gesichtshälfte der Tugendgestalt versteifen sich die Kreuzschraffuren geradezu gitterartig. Stilistisch verwandt sind Blätter wie Michelangelos "Anna Selbdritt" im Louvre oder die Studien mit Putten im British Museum (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 26 und 48 Verso), die mit ihren dicken Backen und den schnabelartigen Mündern einen Einfluss #Leonardo da Vincis aufweisen, den man auch bei den Kindern auf Raphaels Blatt festgestellt hat. Die Entwürfe für die Putten hat Michelangelo in der "Madonna Taddei" (um 1504-1505, London, Royal Academy) verwertet, den Raphael auf einer Zeichnung im Louvre mit Veränderungen wiedergegeben hat. Allein diese Beispiele zeigen, wie intensiv sich Raphael in der florentinischen Zeit mit seinem großen Künstlerkollegen auseinandergesetzt hat.
In der Ausführung des Gemäldes hat er noch wesentliche Veränderungen vorgenommen. Er fügte auf der rechten Seite einen weiteren Knaben hinzu und gab der Gruppe eine straffere Anordnung. Da Caritas vor Fides und Spes die erste der Kardinaltugenden ist, nahm sie ursprünglich die Mitte der später in drei Einzelteile getrennten Predella ein. Demzufolge gibt ihr Raphael im Bild eine aufrechtere, heroischere Haltung, dreht den Kopf in die Vorderansicht und lässt sie mit durchdringendem Blick in die Tiefe schauen. Er verzichtet auf die komplizierten Greifmotive der Kinder und ordnet sie in Schrägen um die Mutter, die sie nährt und schützend umfasst. Der Glaube an Gott verleiht ihr größte Kraft für ihre Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, das höchste christliche Gebot. Da Maria die Mutterliebe als theologische Tugend verkörpert (Locher 1994, S. 78 ff.) verwundert es nicht, dass sich Raphael an den beiden Tondi Michelangelos orientierte und an die eigenen Madonnenbilder anknüpfte, die wie die "Heilige Familie Canigiani" (München, Alte Pinakothek) einen pyramidalen Aufbau aufweisen.
Die Altartafel der "Grablegung Christi" hatte #Atalanta Baglione im Gedenken an ihren Sohn Griffone in Auftrag gegeben, der in einer Familienfehde Bluttaten begangen hatte und daraufhin aus Rache ermordet worden war. Die Mutter hatte ihm vor seinem Tod verziehen und ihn gebeten, seinen Mördern zu vergeben. So wie in der "Grablegung" die ohnmächtig niedersinkende Maria den Schmerz Atalantas veranschaulicht, mag die "Caritas" Atalantas Liebe zu ihrem Kind zum Ausdruck bringen, über dessen Schandtaten sie großmütig hinwegsieht.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 13, S. 58.
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