Francesco Primaticcio, Omphale legt Herkules ihre Gewänder an, Inv. Nr.: 1977
Omphale legt Herkules ihre Gewänder an
Francesco Primaticcio, Omphale legt Herkules ihre Gewänder an, Inv. Nr.: 1977
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Omphale legt Herkules ihre Gewänder an

Francesco Primaticcio

um 1535 ?




Künstler:in (Bologna 1504 - 1570 Paris)
Dateum 1535 ?
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun, braun laviert, schwarze Kreide, Weißhöhung
Dimensions27,5 x 43,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number1977
Inscribedr.u. "N 6" (in schwarzem Stift)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Die Zeichnung ist ein modelloartig ausgeführter Entwurf für eines der beiden 1835 gänzlich erneuerten Fresken im Portikus der Porte Dorée in Fontaineblau, die einst der im Süden gelegene Haupteingang des Schlosses war. Dieses sowie das gegenüberliegende Wandbild auf der rechten Seite im Portikus, zu dem sich die Vorzeichnung in Chatsworth (Jaffé 1994, Nr. 602) erhalten hat, stellen zwei Momente einer von #Ovid (Fasti, Buch 2, 302-358) geschilderten vergnüglichen Episode dar, wie R. Lebegue (1960) nachgewiesen hat: Herkules und Omphale hatten eine Grotte betreten und sich ein Mahl von den Dienern vorbereiten lassen. Omphale legte währenddessen dem Geliebten ihre dünnen Kleider, Schuhe und den Gürtel an, zog selber das Löwenfell über und nahm die Keule. Abweichend von Ovid schabt sie ihm bei Primaticcio zudem die Achselbehaarung ab. Die nachfolgenden Ereignisse sind im zweiten Bild gezeigt: Nachdem sich das Paar zum Schlafen niedergelegt hatte, schlüpfte ein Faun in die Höhle, näherte sich lüstern dem weiblichen Gewande und wurde daraufhin von Herkules erbost zurückgestoßen.
Das Albertina-Blatt entspricht nahezu dem endgültigen Aussehen der Szene, deren ursprünglicher Zustand durch eine gegensinnige Radierung des #Meisters L. D. und eine gleichseitige von #Antonio Fantuzzi überliefert ist (Zerner 1969, L.D. 10, A.F. 17), die allerdings in den Details nicht vollkommen übereinstimmen. Primaticcio hat lediglich den Putto am Vorhang auf der linken Seite des Blattes weggelassen, auf den die beiden liegenden Frauen schauen und diesen durch die Vase ersetzt, die in dünnen Linien bereits angedeutet ist.
Der Zeichenstil mit der großzügigen transparenten Lavierung und den feinen Weißhöhungen, die den Körpern Rundung und plastische Fülle verleihen, lassen den Einfluss von #Giulio Romano verspüren, unter dessen Leitung Primaticcio im Palazzo Te gearbeitet hatte, bis er sich als erfahrener Stuckateur und Maler im Frühjahr 1531 auf Einladung #König Franz´ I. nach Frankreich begab. Neben giuliesken Elementen, wie sie besonders bei der weiblichen Rückenfigur mit ihrem wie nass anliegenden antikischen Gewand und den vielleicht von einem Blatt aus der Serie mit Liebesstellungen ("i Modi") inspirierten Hermen (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 186, Nr. 231) deutlich werden, ist bei den männlichen Gestalten auf der rechten Seite auch eine Anregung von #Rosso spürbar, der gemeinsam mit dem Künstler in Fontaineblau tätig war. Häufig greift der Künstler in seinen Blättern auch Motive #Michelangelos auf, die er u. a. durch Zeichnungen kannte, die #Antonio Mini zu Beginn der dreißiger Jahre nach Frankreich gebracht hatte (Joannides 1994, S. 17). Während seiner verschiedenen Romaufenthalte verfolgte Primaticcio zudem aufmerksam das Schaffen des Florentiners und traf mit diesem 1546 anlässlich der vom König gewünschten Herstellung von Gipsabgüssen nach dem "Christus" in Santa Maria sopra Minerva und der "Pietà" im Petersdom persönlich zusammen (vgl. Romani 1997, S. 40 ff.). Wie plausibel gemacht werden konnte (vgl. Cox-Rearick 1995, S. 311 f.), hat der Künstler bei der Wiedergabe der monumentalen Gestalt des Herkules auf Michelangelos heute verlorenen überlebensgroßen "Marmorherkules" um 1492-1494 zurückgegriffen. #Giovanni Battista della Palla hatte diesen um 1529-1530 dem König nach Frankreich geschickt, der ihn zu einem unbekannten Zeitpunkt in Fontainebleau aufstellen ließ (Tolnay 1964). Primaticcio setzte die Statue höchstwahrscheinlich selbst auf den von ihm 1541-1543 geschaffenen Brunnen im Cour de la Fontaine. In dem Albertina-Blatt übernahm er in allen Einzelheiten die Körperhaltung des Herkules, dessen Aussehen u. a. durch eine Kopie von #Rubens und Michelangelos Modell in der Casa Buonarroti überliefert zu sein scheint (vgl. dagegen M. Hirst, in: AK Rom/ Paris 1998, Nr. 12). Er veränderte nur die Stellung des erhobenen Armes, den er in schwarzer Kreide am oberen linken Rand nochmals als Skelett studierte.
Eine Zeichnung #Parmigianinos in Parma (Galleria Nazionale; Popham 1971, Nr. 548, Taf. 408) steht der Aktfigur am rechten Rand so nahe, dass man sie irrtümlich Primaticcio zuzuschreiben versucht hat. Vermutlich traf der Künstler gegen Ende der zwanziger Jahre in Bologna mit Parmigianino zusammen, was den schon früh erkennbaren starken Einfluss auf ihn erklären dürfte (vgl. K. Oberhuber, in: AK Mantua 1989, S. 154).
Laut der von L. Dimier (1900, S. 306 ff.) publizierten Zahlungsdokumente erfolgte die Dekoration der Porte Dorée in zwei Phasen: 1535 wurde #Henri Tison für Malereien im Portikus bezahlt, zu denen wohl unsere beiden Fresken gehören, wohingegen man erst zwischen 1541und 1544 an der Ausgestaltung des dahinter anschließenden Vestibüls arbeitete. Auch stilistisch unterscheidet sich "Herkules und Omphale" durch den strenge Aufbau und die ernste antikische Auffassung der Posen von den freieren und schwungvolleren Entwürfen für die Vestibülgewölbe mit ihren für die vierziger und fünfziger Jahre charakteristischen eleganten Figuren, die sich mit graziöser Selbstgefälligkeit bewegen (vgl. Romani 1997, Abb. 9-10, 31).
Eine Kopie nach der Zeichnung befindet sich in Windsor Castle (Royal Library; Popham/Wilde 1949, Nr. 761).

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 81, S. 198.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1891, SB 19
  • Stix 1941, 19
  • Birke/Kertész II
  • Bibliography
  • gest. von A Fantuzzi, 1542 (H. Zerner, Ecole de Fontainebleau. Gravures, Wien/München 1969, AF. 17) und von L. Davent (Dimier 1900, p. 486, Nr. 1
  • Zerner 1969, L.D. 10)
  • B.xVI, p. 327, Nr. 55
  • TIB 33, 16, p. 207)
  • rad. von J. T. Prestel als Nr. 23 der "Dessins ... du Cabinet de Monsieur Paul de Praun, Nuremberg", 1780
  • Weigel 4653
  • Braun 440 - L. Dimier, Le Primatice, Paris 1900, p. 452, Nr. 151
  • L. Dimier, Le Primatice, Paris 1928, Taf. VIII
  • P. Barocchi, Precisazioni sul Primaticcio, in: Commentari II, 1951, p. 211, Fig. 254
  • R. Lebegue, Dn theme ovidien traite par le Primatice et par Ronsard, in: Gazette des Beaux-Arts 1960, I, p. 303, Fig. 1
  • S. Beguin, I Disegni dei Maestri. n Cinquecento francese, Mailand 1970, Taf. X
  • AK. L'Ecole de Fontainebleau (bearb. v. S. Beguin et al.), Paris (Grand Palais) 1972, p. 139, Nr. 146
  • Achilles-Syndram 1990, Z143
  • Knab/Widauer 1993, Beilage Nr. VII
  • AK. Das Praunsche Kabinett. Meisterwerke von Dürer bis Carracci (bearb. v. K. Achilles-SyndramJ R. Schoch), Nürnberg (Germanisches Nationalmuseum) 1994, Nr. 85 (mit Lit.)
  • Joannides 1994, S. 27, Anm. 22
  • Cox-Rearick 1995, S. 53, Abb. 76, S. 302 ff., Abb. 345
  • Romani 1997, S. 9, Anm. 23, S. 43, Anm. 75
  • Joannides 2003, S. 292
  • AK Albertina/Venedig/Bilbao 2004/05, Nr. 81 (A. Gnann)
  • Historical Attributions
  • traditionelle Zuschreibung, Dimier, Barocchi, Béguin
  • Primaticcio, Francesco nach (Wickhoff)
  • Primaticcio, Francesco Werkstatt des (Stix).
  • Provenance
  • Paulus II. Praun
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    zum verwandten Werk

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    Last edited05.08.2021