Die Gefährten des Odysseus beschließen den Raub der Sonnenrinder
Francesco Primaticcio
um 1550-1555
In der "Ulyssesgalerie" von Fontainebleau folgte auf das Fresko "Odysseus schützt sich vor den Sirenen" (Inv. 1980) die Darstellung auf diesem Blatt, die das südliche Wandkompartiment im 14. Joch rechts neben dem 14. Fenster schmückte (vgl. J. Guillaume, in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, Abb. 38). In der Stichserie des Rubensschülers #Theodor van Thulden kommt sie als Nr. 27 vor. M. Jaffé (1964, S. 392) und K. Oberhuber (Passepartoutnotiz) haben festgestellt, dass die mit dem Pinsel aufgetragenen roten und cremefarbenen Retuschen, die vor allem im vorderen Bereich sichtbar sind, von einer Überarbeitung durch #Rubens herrühren, der diese Zeichnung besessen hat. Der Künstler war ein Bewunderer dieses Zyklus´ und hat sich von einzelnen Kompositionen zu Farbstudien anregen lassen, die u. a. in Paris, Amsterdam und Weimar aufbewahrt werden (vgl. J. Foucart, in: AK Paris 1972/73, S. 191 ff.). Wie in der vorangehenden Zeichnung (Inv. 1980) staffelt Primaticcio die Erzählmomente der Episode, die dem Text #Homers (Gesang XII, Vers 266-340) folgen, entlang einer raumführenden, diesmal jedoch von rechts nach links verlaufenden Schräge in die Tiefe. Trotz der Warnung Kirkes, die Insel Thrinakia zu meiden, ließ sich Odysseus von Eurylochos überreden, dort zu landen. Seine Kameraden mussten jedoch schwören, die Herden der fetten Rinder und Schafe des Helios zu schonen. Als aber die Vorräte im Schiff aufgebraucht waren und sich Odysseus zum Schlaf niedergelegt hatte, überredete der inmitten des Schiffes stehende Eurylochos seine Freunde, die besten der Sonnenrinder zu schlachten. Während die Tiere im Mittelgrund noch ruhig auf einer sonnenbestrahlten Aue weiden, halten zwei der Kameraden vorne bereits den Kopf eines getöteten Rindes in den Händen. Die Nymphe Lampetia meldet die Freveltat ihrem Vater Helios, der auf seinem Gespann zornentbrannt den Himmel hinauffährt. Kompositionell ließ sich der Künstler von einzelnen biblischen Szenen #Raphaels in den Loggien und von dessen für die Sixtinische Kapelle geschaffene Teppichserie sowie von Figuren #Michelangelos wie den "Ignudi" (vgl. die Bewegung des Helios mit dem Entwurf für einen "Ignudo" im British Museum; Dussler 1959, Nr. 164, Abb. 153) anregen. Die einzelnen Vorbildern lassen sich jedoch kaum mehr exakt bestimmen, da sie Primaticcio vollkommen seinem individuellen Stil anpasst, den eine raffinierte Lichtbehandlung, abstrakte Eleganz und Grazie in den Bewegungen und malerische Aufgelöstheit der Formen auszeichnet.
Die Beliebtheit der Szene dokumentieren eine Wiederholung in einem Ölbild in Dijon (Musée Magnin) und eine Reihe gezeichneter Kopien, die S. Béguin aufgelistet hat (in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, S. 258, Abb. 247-251).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 83, S. 202.
Vorzeichnung für die Galerie d'Ulysse (1541-1547) in Fontainebleau. Nach Jaffé ist es möglich, daß Rubens alle Vorzeichnungen Primaticcios für die Galerie d'Ulysse besaß. Die Vorzeichnung van Thuldens für den Kupferstich in der Albertina (lnv. 8951; Beguin 1985, Fig. 247), Kopien im Louvre (Album J. Belly; Beguin 1985, Fig. 248), im British Museum (Album Palange lnv. 1890-10-13-31, p. 1-58; Beguin 1985, Fig. 249), in Dresden (lnv. Nr. C 437; Beguin 1985, Fig. 250), in Weimar (lnv. Nr. KK 4928) und im Rijksmuseum Amsterdam (lnv. Nr. 4819 als Rubens); eine gemalte Kopie im Musee Magnin in Dijon (Beguin 1985, Fig. 251).
zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, II, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 1041, Nr. 1981.
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