Die beiden Liebenden
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526-1527
Das Liebespaar demonstriert Parmigianinos Beherrschung der Radiertechnik auf eindrückliche Weise. Durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schraffuren, Punkte und Striche, die Ergänzungen mit Kaltnadel und den vorsichtigen Auftrag des Plattentons erzielt er subtile Lichteffekte und beschreibt die unterschiedlichen Texturen von Haut, Haar und vegetabilen Motiven. Zugleich imitiert er den weichen Effekt der vorbereitenden Kreidezeichnung. Um wen es sich bei den beiden Liebenden handelt, konnte bislang nicht geklärt werden. Für die Darstellung der männlichen Figur orientierte sich Parmigianino an den in verrenkten Posen präsentierten Ignudi Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle.
Bereits im alten Cahier wurde das Thema des kleinen Blattes als Venus und Adonis angegeben, wenngleich sich dies nicht mit letzter Sicherheit bestimmen lässt. Es diente als Vorlage für Parmigianinos etwas größere gegenseitige Radierung (B. XVI, S. 14, Nr. 14). Die raffinierte Verschränkung der beiden Figuren ist unverkennbar von Gian Giacomo Caraglios Serie der Götterlieben beeinflusst, für die Rosso Fiorentino und Perino del Vaga 1527 die Entwürfe schufen (vgl. Mantua und Wien, 1999 Nr. 305-309). Ähnliche landschaftliche Details kehren in der Neapler Heiligen Familie mit dem Johannesknaben oder Antonio da Trentos Clair-obscur-Holzschnitt mit dem sitzenden Rückenakt (B. XII, S. 148, Nr. 13) wieder, die vermutlich aus der frühen Bologneser Zeit stammen. Auf der Vorzeichnung für den clair-obscur-Holzschnitt in Amsterdam taucht sogar am linken unteren Rand ein Kopf auf, der dem des Adonis auf der Radierung äußerst ähnlich sieht. Da die Durchgestaltung der Körper etwa den Studien für den Diogenes ähnelt, könnte das Blatt noch gegen 1527 in Rom entstanden sein.
Parmigianino und sein Kreis - Druckgraphik aus der Sammlung Baselitz, Staatliche Graphische Sammlung München, Alte Pinakothek, München 2007, S. 90f.
