Zwei Männerakte mit Kopfstudie (Studie für die "Schlacht von Ostia", Stanza dell' Incendio, Vatikan)
Raffaello Santi
1515
Rahmenaußenmaß 62,5 × 50 × 3,4 cm
Die berühmte Aktstudie hat einen einzigartigen historischen Wert, da sie den Austausch von Werken zwischen #Albrecht Dürer und Raphael und die Bewunderung der beiden genialen Künstler füreinander dokumentiert. Die Zeichnung befand sich im Besitz Dürers, der eigenhändig darauf notierte, dass der vom Papst höchst geschätzte Raphael aus Urbino sie ihm nach Nürnberg gesandt hat, um "Im sein hand zw weisen". Er selbst hatte Raphael ein mit Aquarellfarben auf feine Leinwand gemaltes Selbstporträt geschickt. Da Dürer von Raphael in der Vergangenheit spricht, hat er die Aufschrift erst nach dessen Tod im April 1520 angebracht, so wie er auf den Porträts seines Lehrers #Michael Wolgemuth (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) und seiner Mutter Barbara (Kupferstichkabinett, Berlin) deren Todesdatum erst nach ihrem Ableben festgehalten hat.
Die überkritische Forschung im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte allerdings nicht davor zurückgeschreckt, die Zeichnung der Albertina als Arbeit der Werkstatt Raphaels und die Aufschrift als eine Fälschung abzuwerten. Der Zuschreibung an Giulio Romano sind Shearman (1959, S. 458) in seiner Rezension von F. Hartts Giulio-Monografie und später Oberhuber (1962, S. 46 f.) entschieden entgegengetreten. Heute zweifelt niemand mehr daran, dass Zeichnung und Beschriftung eigenhändig sind.
Auf dem Blatt sind Studien nach ein und demselben Modell zu sehen, von denen die rechte Figur mit ausgestrecktem Arm für den Feldhauptmann auf der linken Seite des "Seesieges bei Ostia" in der Stanza dell'Incendio im Vatikan diente. Die beiden anderen Akte wurden in dem großteils von Schülern ausgeführten Fresko nicht direkt übernommen.
Raphael hat zunächst die hintere Figur mit dem Metallstift vorbereitet und nur deren Gesicht mit Rötel angedeutet. Die beiden vorderen Akte zeichnete er anschließend sorgfältig durch. Besonders herausgearbeitet sind die Partien, in denen sich die Kräfte konzentrieren: Beim "Feldmarschall" ist es vor allem die Stelle, an der die Hand seitlich an der Hüfte aufliegt, und bei der linken Figur wird das Stützen auf den Stab an der gespannten Muskulatur des rechten Armes anschaulich. Raphael hat dabei antike Bildwerke wie den "Apoll vom Belvedere" so sehr verinnerlicht, dass bei den Modellen trotz der Naturnähe die Vorbildwirkung des klassischen Figurenideals spürbar wird. Gewiss ließ er dieses Blatt nicht ohne Grund Dürer zukommen, der das Naturstudium liebte und der angeregt von den Theoretikern und Künstlern der italienischen Renaissance, deren "nackten Bildern" er lobte, die ideale Proportionierung der menschlichen Gestalt festzulegen suchte.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 51.
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