Giulio Romano, Venus und Adonis (Studie für die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bernardo Do…
Venus und Adonis (Studie für die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena, Vatikan)
Giulio Romano, Venus und Adonis (Studie für die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena, Vatikan), Inv. Nr.: 17632
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Venus und Adonis (Studie für die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena, Vatikan)

Giulio Romano

1516




Künstler:in (Rom 1499 - 1546 Mantua)
Date1516
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel; die unteren Ecken, der halbe rechte Rand und der obere Rand angesetzt
Dimensions22,4 x 18,1 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number17632
Markingsl.u. Pierre-Jean Mariette (Lugt 2097); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Vorzeichnung für die Szene "Venus und Adonis" im Badezimmer (Stufetta) des #Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena. Die Stufetta gehörte neben der ebenfalls mit Fresken ausgemalten Loggetta zu den privaten Räumlichkeiten des Kardinals. Diese liegen auf der Höhe des dritten Loggiengeschosses im Vatikanischen Palast und wurden unter #Raphaels Leitung ausgestattet. Im April 1516 war die Ausmalung im Badezimmer sicher im Gange, wenngleich noch nicht alle Szenen festgelegt waren. Eine antike Venusstatue, die für eine der beiden Nischen vorgesehen war, stellte sich offensichtlich als zu groß heraus. Bereits am 20. Juli 1516 wird von der Vollendung des gesamten Appartements berichtet (Golzio 1936, S. 48). Die Bedeutung der Dekoration liegt in ihrem gänzlich antikischen Charakter. Ornamente, Bildfelder, Grotesken und selbst die Farben und die Maltechnik orientieren sich an antiken Vorbildern (Dollmayr 1890, S. 274 ff.). Raphael hat diese in seinem um 1516 ausgebildeten antiquarischen Stil zu neuem Leben erweckt. Die Ausführung überließ Raphael wohl weitgehend Giulio, #Giovanni Francesco Penni und #Giovanni da Udine (Oberhuber 1972, S. 144; vgl. dagegen Dacos 1986, S. 229 ff.). Die Albertina-Zeichnung ist für eines der Wandbilder (Norden) in der Stufetta, auf denen verschiedene Episoden aus dem Leben der Venus und daneben "Pan und Syrinx" und die "Geburt des Erichthonius beim Kampf von Vulkan und Minerva" dargestellt sind. Neben zwei Kopien und einem Abklatsch, welche die verlorene Entwürfe zu den Bildern dokumentieren, existieren zwei weitere Vorzeichnungen mit den Darstellungen "Pan und Syrinx" (Paris, Louvre) und "Venus und Amor" (Windsor, Royal Library), die nun beide Raphael zugeschrieben werden (Oberhuber 1972, Nr. 454a, Abb. 148 und Nr. 454, Taf. 54 noch als Giulio Romano). Wie auf diesen beiden Entwürfen sind "Venus und Adonis" all´antica aufgefasst. Die Körper sind klassisch proportioniert, die Glieder sind plastisch und überall gerundet, die Oberfläche ist von einer marmorartigen Glätte, und die Bewegungen sind geschmeidig, fast selbstgefällig. Im Gegensatz zu den beiden Zeichnungen Raphaels jedoch, in denen sich die Figuren ganz ungezwungen bewegen, ist Venus hier geradezu an Adonis herangedrückt und wirkt durch die ungeschickt unter dem Stoff verborgenen Beine unorganisch. Hüfte und Schulter zeichnen sich scharfkantig ab, und auch das spitz zulaufende, schlecht verkürzte Gesicht des Adonis ist unkörperlich. Zur der Flächigkeit kommt eine Isolierung, eine Bezugslosigkeit im Raum. Diese qualitativen Mängel haben wohl zu Recht zu einer heute allgemein akzeptierten Zuschreibung an Giulio Romano geführt. Es handelt sich dabei um eine der frühesten erhaltenen Zeichnungen des Künstlers. Da die Figurenauffassung aber von den beiden Zeichnungen Raphaels abhängig ist und in den Blicken von "Venus und Adonis" eine Gefühlstiefe zu erkennen ist, die nicht unbedingt typisch für Giulio ist, dürfte die Zeichnung auf einem Entwurf Raphaels basieren.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 39, S. 100.

Unter Raphaels Leitung erfolgte die Ausstattung zweier Räume in den privaten Gemächern des Kardinals Bibbiena, die sich auf der Höhe des dritten Loggiengeschosses im Vatikanischen Palast befinden. Das kleine Badezimmer (Stufetta) und die Loggetta wurden nach dem Vorbild des antiken Dekorationsstils der Domus Aurea und der Thermen des Titus mit Grotesken ausgemalt, phantastischen Verflechtungen von Tieren, Menschen, ornamentalen Details und zierlichen architektonischen Motiven. Wie nie zuvor in der Malerei gelang Raphael in diesen beiden Räumen die Nachahmung und Weiterentwicklung dieser antiken Grotesken, wobei er auch deren Farbigkeit und Maltechnik imitierte. Die Ausführung überließ er aber weitgehend den Werkstattgehilfen, Giulio Romano, Giovanni Francesco Penni und Giovanni da Udine. Im April 1516 war die Ausmalung der Stufetta im Gange, wengleich der Kardinal noch nicht alle Szenen festgelegt hatte, und am 20. Juni 1516 wird bereits von der Vollendung des gesamten Appartments berichtet (Shearman, 2003, Bd. 1, S. 252). Aus dem antikischen Dekorationssystem des Badezimers treten in der mittleren Zone eine Reihe von bildartig gerahmten Hauptszenen vor rotem Grund hervor. Es sind erotische Darstellungen, die sich auf die Liebe und die Göttin Venus beziehen. Anregung zu der Themenauswahl gab wohl eine Venusstatue, die in einer Nische Aufstellung finden sollte, sich dann aber als zu groß herausstellte. Die Rötelzeichnung bezieht sich auf das Bild an der Nordwand des Raumes, das zeigt, wie sich Venus und Adonis nach der Jagd Ruhe gönnten und sich im Schatten einer Pappel niederließen. Ganz gemäß der Schilderung Ovids (Met. 555-558) streckte sich Venus hin ins Gras und schmiegte ihre Nacken an die Brust des Geliebten. Für zwei andere Hauptszenen, Pan und Syrinx und Venus und Amor, existieren Vorzeichnungen in Paris (Louvre) und Windsor Castle (Royal Library), und weitere, heute verlorene Entwürfe sind durch Kopien und einen Abklatsch überliefert sind (vgl. Oberhuber, 1972, Nr. 453-454). Während diese Zeichnungen den Stil Raphaels zu erkennen geben, galt das Wiener Blatt schon in der Sammlung Mariettes als ein Werk Giulios, eine Zuschreibung, die sich bis in die heutige Zeit durchgesetzt hat. Früher hatten zwar einzelne Forscher auf eine Kopie nach dem Fresko oder nach dem Kupferstich von Marcanton geschlossen, was aber angesichts abweichender Details wie der Haltung der linken Hand der Liebesgöttin bzw. der  lebendigen Linienführung und der Korrekturen im Bereich der Hüfte des Adonis auszuschließen ist. Gegenüber den wohl von Raphael stammenden Vorzeichnungen in Paris und Windsor lassen sich wesentliche stilistische Unterschiede feststellen. So sind die Körper von Venus und Adonis ineinander geschoben und in die Fläche gedrückt. Sie wirken unorganisch, zumal die Gliedmaßen mangelhaft verkürzt oder wie die Beine der Venus ungeschickt unter dem Stoff versteckt sind. Die Binnenmodellierung ist sehr sparsam und vermag den Körpern keine vollrunde Plastizität zu geben, und die Konturen setzen die Formen hart vom Grund ab, wodurch sich die Bewegungen nicht frei im Raum zu entfalten vermögen. Während in Raphaels Entwürfen das Licht über die Figuren streift, die die Gliedmaßen umrundet und ihre Verkürzungen anschaulich macht, trifft im vorliegenden Blatt das Licht hart auf der Oberfläche auf, sammelt sich in geschlossenen Flächen und unterstreicht damit den Eindruck des Reliefhaften. In dieser frühesten erhaltenen Zeichnung Giulios ist somit ein wesentliches Merkmal seines Stils bereits voll ausgeprägt. Da die Gestaltung der Körper mit ihren gedrungenen Poportionen und den fülligen, wie geschwollenen Gliedern den Vorzeichnungen Raphaels für die Stufetta stark ähnelt, ist nicht ausgeschlossen, daß die Darstellung auf eine Idee des Meisters zurückgeht. Marcantonio Raimondi und Agostino Veneziano haben die Zeichnung unabhängig voneinander unter Hinzufügung eines Landschafshintergrundes in Kupferstichen wiedergegeben. Auch andere Hauptszenen der Stufetta wurden 1516 in Stichen reproduziert. Diese nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Bilderfindungen Raphaels erlangten auf diese Weise große Bekanntheit. In diesem Jahr waren Marco Dente da Ravenna und Agostin Veneziano zu der Druckgraphik-Werkstatt Marcantonio Raimondis gestoßen. Raphaels gab ihnen die Möglichkeit, durch die Reproduktion der Stufetta-Szenen ihr Talent unter Beweis stellen ebenso wie er von nun an den Schülern eine größere Rolle bei der Ausführung seinen Malereien zukommen ließ.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 395
  • Stix 1932, R 80
  • Birke/Kertész IV, 17632
  • Bibliography
  • gest. von M. Raimondi (B.XIV, p. 359, Nr. 484) bzw. Marco Dente da Ravenna (Massari 1993, p. 38) und von A. Veneziano (B.XIV, p. 360, Nr. 485
  • Massari 1993, Nr. 33)
  • rad. von F. Ruscheweyh
  • lith. von J. Pilizotti in Mansfeld, Lithographirte Copien I.
  • Weigel 2883, 2884
  • Braun 133 — Basan 1775, Nr. 594
  • Bartsch 1794, p. 14, Nr. 16
  • Hartt 1958, p. 31 und p. 287, Nr. 13, Fig. 50
  • Oberhuber 1972, p. 147, Nr. 454b, Fig. 151
  • A.K. Wien 1983, Nr. 65
  • K.M.O. 1983, p. 141, Abb. 142
  • A.K. Paris 1983/84, p. 36, Kommentar zu Nr. 33
  • D. Redig de Campos, La Stufetta del Cardinal Bibbiena in Vaticano e il suo restauro, in: Römisches Jahrbuch XX, 1983, p. 239, Anm. 19
  • S. Massari et al., Raphael invenit, Rom 1985, p. 15, Anm. 41
  • A.K. Mantua 1989, p. 283, Abb.
  • A.K. Giulio Romano Wien 1990, II, Nr. 9
  • Cordellier/Py 1992, p. 327, Kommentar zu Nr. 479
  • Massari 1993, p. 37, Kommentar zu Nr. 33, Fig. 27
  • Oberhuber, 1998, S. 263 - 264, Abb. 14
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 39 (Text v. A. Gnann)
  • Monbeig-Goguel, 1999, S. 496
  • London u.a.a.O., 1999 – 2001, S. 118, unter Nr. 30
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 38 (A. Gnann)
  • Provenance
  • François Boucher
  • Pierre-Jean Mariette
  • Julien de Parme
  • Prinz Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited01.03.2024