Kopf der Venus in den Händen des Adonis (Kartonfragment für die Villa Palatina, die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bibbiena wiederholend)
Giulio Romano
1516 - 1517
Das Kartonfragment mit dem "Kopf der Venus in den Händen des Adonis", das traditionell als #Raphael galt, wird seit Passavant (1860) allgemein Giulio Romano zugeschrieben. Bereits Passavant hatte erkannt, dass einige der mythologischen Szenen in der Stufetta des #Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena in vergrößerter Form in der mit Fresken ausgemalten Loggia der Villa Stati auf dem Palatin wiederholt wurden. Die Errichtung der Loggia geht laut Frommel (1967/68, S. 97-99, Nr. 56) wohl auf #Cristoforo Stati zurück, der sich zudem zu Beginn der zwanziger Jahre von Giulio gegenüber der Kirche Sant' Eustacchio einen stattlichen Palast errichten ließ. Von den Fresken der Loggia, die u. a. Passavant (1860, Bd. 2, S. 233) ausführlich beschrieben hat, befinden sich nur die Grotesken am ursprünglichen Ort. Der Auftraggeber hatte dabei zwei verschiedene Künstler für die Dekoration beauftragt. #Baldassare Peruzzi und seine Werkstatt bemalten das Gewölbe mit den Stichkappen und den Gewölbezwickeln, während die Wandfresken mit den Wiederholungen der Kompositionen der Stufetta von der Raphaelwerkstatt ausgeführt wurden. Nach einer Restaurierung der Fresken im Jahre 1826 durch Camuccini, ließ der Marchese Campana die figürlichen Fresken abnehmen, auf Leinwand übertragen und verkaufte sie später. Die Figurenfelder der Gewölbedekoration gelangten in das Metropolitan Museum von New York (Baetjer 1995, S. 128 f.), die Wandfresken in die Ermitage zu Leningrad (Kustodieva 1994, S. 372-381). An der rechten Seitenwand der Loggia befand sich das Fresko mit "Venus und Adonis" (Forcellino 1984, Fig. 4), mit dem das Kartonfragment in den Maßen übereinstimmt (Ferino Pagden 1989, S. 249). Die Zeichnung beschränkt sich auf wenige langgezogene Schraffuren und einen kräftigen Kontur, der die Formen gleichmäßig umschließt. Da auf eine Binnenmodellierung weitgehend verzichtet wird, wirkt das Gesicht der Venus daher äußerst flächig und bekommt durch die stark gerundeten Lippen, die dünne Nase und das weit geöffnete, starr blickende Auge etwas Maskenhaftes. Die langen, biegsamen Finger sind kraftlos und ohne inneres Leben. Der Karton wird daher wohl kaum von Raphael gezeichnet sein, wie es die Beschriftung will, sondern tatsächlich vom jungen Giulio Romano. Ähnlich ausdrucksleere Gesichtszüge hat Giulio dem Porträt eines Jugendlichen im Profil auf einer Rötelzeichnung in Oxford (Ferino Pagden 1989, Abb. S. 86) gegeben. Frommel (1967/68, S. 98 f.) hat dargelegt, dass Peruzzis Malereien im Gewölbe der Loggia aus der Zeit um 1519/20 stammen. Ferino Pagden nahm für das Kartonfragment jedoch eine Datierung um 1516/18 an (siehe auch Kustodieva 1994, S. 372), da der Zeichenstil gegenüber Giulios Kartons für die "Steinigung des hl. Stephanus" und die "Konstantinsschlacht" noch stärker an Raphael orientiert sei. In der Tat ist der Zeichenstil und die Auffassung des Venuskopfes mit dem auf Giulios Entwurf in der Albertina für das Fresko "Venus und Adonis" in der Stufetta (Inv. 17632) engstens verwandt.
Von welchem Künstler die Wandfresken gemalt wurden, ist aufgrund der späteren Übermalungen schwer festzustellen. Laut Bellori (1664) stammen sie sogar von Raphael selbst: "...si ammira una loggia terrena con vari scherzi di Veneri, figure, & ornamenti a fresco di Raffaelle da Urbino ..." Aufgrund des extrem plastischen Figurenstils scheint mir die zuerst von Passavant und Waagen vertretene Zuschreibung der Malereien an Giulio am wahrscheinlichsten (zu anderen Zuschreibungen siehe: Forcellino 1987, S. 181).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 42, S. 103.
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