Giulio Romano, Kopf der Venus in den Händen des Adonis (Kartonfragment für die Villa Palatina, …
Kopf der Venus in den Händen des Adonis (Kartonfragment für die Villa Palatina, die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bibbiena wiederholend)
Giulio Romano, Kopf der Venus in den Händen des Adonis (Kartonfragment für die Villa Palatina, die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bibbiena wiederholend), Inv. Nr.: 17633
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Kopf der Venus in den Händen des Adonis (Kartonfragment für die Villa Palatina, die Fresken im Badezimmer des Kardinals Bibbiena wiederholend)

Giulio Romano

1516 - 1517




Künstler:in (Rom 1499 - 1546 Mantua)
Date1516 - 1517
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, Durchgriffelung; an den Rändern mehrfach gestückelt und ergänzt
Dimensions38 x 28,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number17633
Inscribedl.u. "RAFFAELLE" (in Feder)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Das Kartonfragment mit dem "Kopf der Venus in den Händen des Adonis", das traditionell als #Raphael galt, wird seit Passavant (1860) allgemein Giulio Romano zugeschrieben. Bereits Passavant hatte erkannt, dass einige der mythologischen Szenen in der Stufetta des #Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena in vergrößerter Form in der mit Fresken ausgemalten Loggia der Villa Stati auf dem Palatin wiederholt wurden. Die Errichtung der Loggia geht laut Frommel (1967/68, S. 97-99, Nr. 56) wohl auf #Cristoforo Stati zurück, der sich zudem zu Beginn der zwanziger Jahre von Giulio gegenüber der Kirche Sant' Eustacchio einen stattlichen Palast errichten ließ. Von den Fresken der Loggia, die u. a. Passavant (1860, Bd. 2, S. 233) ausführlich beschrieben hat, befinden sich nur die Grotesken am ursprünglichen Ort. Der Auftraggeber hatte dabei zwei verschiedene Künstler für die Dekoration beauftragt. #Baldassare Peruzzi und seine Werkstatt bemalten das Gewölbe mit den Stichkappen und den Gewölbezwickeln, während die Wandfresken mit den Wiederholungen der Kompositionen der Stufetta von der Raphaelwerkstatt ausgeführt wurden. Nach einer Restaurierung der Fresken im Jahre 1826 durch Camuccini, ließ der Marchese Campana die figürlichen Fresken abnehmen, auf Leinwand übertragen und verkaufte sie später. Die Figurenfelder der Gewölbedekoration gelangten in das Metropolitan Museum von New York (Baetjer 1995, S. 128 f.), die Wandfresken in die Ermitage zu Leningrad (Kustodieva 1994, S. 372-381). An der rechten Seitenwand der Loggia befand sich das Fresko mit "Venus und Adonis" (Forcellino 1984, Fig. 4), mit dem das Kartonfragment in den Maßen übereinstimmt (Ferino Pagden 1989, S. 249). Die Zeichnung beschränkt sich auf wenige langgezogene Schraffuren und einen kräftigen Kontur, der die Formen gleichmäßig umschließt. Da auf eine Binnenmodellierung weitgehend verzichtet wird, wirkt das Gesicht der Venus daher äußerst flächig und bekommt durch die stark gerundeten Lippen, die dünne Nase und das weit geöffnete, starr blickende Auge etwas Maskenhaftes. Die langen, biegsamen Finger sind kraftlos und ohne inneres Leben. Der Karton wird daher wohl kaum von Raphael gezeichnet sein, wie es die Beschriftung will, sondern tatsächlich vom jungen Giulio Romano. Ähnlich ausdrucksleere Gesichtszüge hat Giulio dem Porträt eines Jugendlichen im Profil auf einer Rötelzeichnung in Oxford (Ferino Pagden 1989, Abb. S. 86) gegeben. Frommel (1967/68, S. 98 f.) hat dargelegt, dass Peruzzis Malereien im Gewölbe der Loggia aus der Zeit um 1519/20 stammen. Ferino Pagden nahm für das Kartonfragment jedoch eine Datierung um 1516/18 an (siehe auch Kustodieva 1994, S. 372), da der Zeichenstil gegenüber Giulios Kartons für die "Steinigung des hl. Stephanus" und die "Konstantinsschlacht" noch stärker an Raphael orientiert sei. In der Tat ist der Zeichenstil und die Auffassung des Venuskopfes mit dem auf Giulios Entwurf in der Albertina für das Fresko "Venus und Adonis" in der Stufetta (Inv. 17632) engstens verwandt.
Von welchem Künstler die Wandfresken gemalt wurden, ist aufgrund der späteren Übermalungen schwer festzustellen. Laut Bellori (1664) stammen sie sogar von Raphael selbst: "...si ammira una loggia terrena con vari scherzi di Veneri, figure, & ornamenti a fresco di Raffaelle da Urbino ..." Aufgrund des extrem plastischen Figurenstils scheint mir die zuerst von Passavant und Waagen vertretene Zuschreibung der Malereien an Giulio am wahrscheinlichsten (zu anderen Zuschreibungen siehe: Forcellino 1987, S. 181).

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 42, S. 103.

Der Kopf der Venus in den Händen des Adonis ist das Fragment eines größeren Kartons, der aus mehreren Blättern zusammengesetzt war, wie die Anstückung weiterer Papiere am oberen und am rechten Rand zu erkennen geben. Das herausgeschnittene Teil galt traditionell als ein Werk Raphaels, doch Passavants Zuschreibung an Giulio Romano wurde in der Forschung nicht mehr bezweifelt. Bereits Passavant hatte erkannt, daß Fresken in der Loggia der Villa Stati auf dem Palatin in vergrößerter Form die mythologischen Hauptszenen in der Stufetta des Kardinal Bibbiena wiederholen. Die Errichtung der Loggia geht laut Frommel (1967- 1968, Kat. Nr. 56) wohl auf Cristoforo Stati zurück, der sich von Giulio zudem zu Beginn der zwanziger Jahre einen stattlichen Palast gegenüber der Kirche S. Eustacchio errichten ließ. Von den Loggienfresken befinden sich nur die Grotesken am ursprünglichen Ort. Die figürlichen Darstellungen wurden imf frühen 19. Jahrhundert abgelöst auf Leinwand übertragen und verkauft. Die Darstellungen des Gewölbes gelangten in das Metropolitan Museum (Baetjer, 1995, S. 128-129), die Wandfresken in die Ermitage (Kustodieva, 1994, S. 372-381). Die Gewölbeszenen zeigen dabei eindeutig den Stil von Baldasare Peruzzi und wurden von ihm oder unter seiner Leitung von der Werkstatt ausgeführt. Die Wandfresken mit den Wiederholungen der Stufetta-Kompositionen, die laut Bellori (1664) sogar von Raphael selbst stammen, sind aufgrund späterer Übermalungen schwer zu beurteilen. Mit Peruzzi haben sie jedenfalls nichts gemein, und Raphales Hand ist an keiner Stelle zu erkennen, an den der Auftrag aber ursprünglich ergangen sein mag. Da Giulios Kartonfragment offensichtlich das ürsprünglich an der rechten Seitenwand der Loggia erscheinende Fresko Venus und Adonis vorbereitet und auch in den Maßen mit diesem übereinstimmt (Forcellino, 1984, Fig. 4; Ferino Pagden 1989, S. 249), dürfte der Künstler bzw. andere Mitglieder der Raphaelswerkstatt für die Ausführung dieser Malereien verantwortlich gewesen sein. Der Auftraggeber hatte sich demnach an zwei verschiedene Werkstätten gewandt, zwischen denen augenscheinlich keine Konkurrenz bestand und die auch bei der Dekoration der Gartenloggia der Villa Madama fruchtbar zusammenarbeiteten. Auf dem Kartonfragment legte Giulio die Figuren zunächst mit dünnen, sich teilweise korrigierenden Strichen an. Nachdem die Form feststand, fuhr er die Konturen mit kräftigen Linien nach. Kopf und Hände wirken dadurch sehr flächig, was neben dem Mangel an innerem Leben und Besseltheit im Gesichtsausdruck und der fehlenden Artikuliertheit der Handewegungen ein typisches Merkmal für Giulio ist. Laut Frommel stammen Peruzzis Malereien aus der Zeit um 1519/20, doch Ferino nahm für Giulios Zeichnung eine Entstehungszeit um 1516/17 an, da der Stil gegenüber Giulios Kartons für die Stephanussteinigung und die Konstantinsschlacht noch stärker an Raphael orientiert sei. Die relativ kursorische Ausführung der vorliegenden Zeichnung, die sich auf lange, in breitem Abstand gesetzte Schraffuren bei der Binnemodllierung beschränkt, erinnert an Giulios Studie im British Museum für einen Soldatenkopf in der Adlocutio im Konstantinssal von ca. 1520/21 (Mantua und Wien, 1989, Nr. 156). Dieser ist jedoch wesentlich plastischer aufgefaßt, wohingegen der Kopf der Venus deswegen flach wirkt, weil die Umrißlinien isoliert bleiben, begleitende Binnenschraffuren fehlen, die den Formen Rundung geben. Da Zeichenstil und Detailgestaltung zudem eng an Giulios Rötelentwurf von 1516 für das Fresko in der Stufetta des Kardinal Bibbiena anschließen (Inv. 17632), könnte die frühere Datierung zutreffen. Dann wäre jedoch nicht Cristoforo Stati Auftraggeber der Villa auf dem Palatin, sondern dessen Vater, der 1519 verstorbenen Paolo Stati.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 299
  • Stix 1932, 81
  • Birke/Kertész IV, 17633
  • Bibliography
  • Bartsch, 1794, S. 6, Nr. 17 (Raphael)
  • Passavant, 1860, Bd. 2, S. 233, S. 440 unter Nr. 213
  • Waagen, 1867, Bd. 2, S. 147, unter Nr. 222
  • Ruland, 1876, S. 277, VI, Nr. 4
  • Crowe und Cavalcaselle, 1885, Bd. 2, S. 270
  • Dollmayr, 1890, S. 280
  • Wickhoff, 1892, S. XXIX, Nr. 299
  • Fischel, 1898, S. 120, Nr. 291
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 14, Nr. 81
  • Wien, 1983, S. 184, Nr. 66
  • Mantua, 1989, S. 249
  • Ferino Pagden, 1989 - 1990, Abb. II/8
  • Birke und Kertész, 1997, Bd. 4, S. 2176
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 42 (Text v. A. Gnann)
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 39 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Prinz Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited16.08.2021