Raffaello Santi, Die Hochzeit von Alexander und Roxane, Inv. Nr.: 17634
Die Hochzeit von Alexander und Roxane
Raffaello Santi, Die Hochzeit von Alexander und Roxane, Inv. Nr.: 17634
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Hochzeit von Alexander und Roxane

Raffaello Santi

um 1517




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1517
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel über Metallgriffelvorzeichnung; rechts oben ein Stück eingesetzt
Dimensions22,8 x 31,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number17634
Markingskein Mariette-Sammlerzeichen; r.u. Prinz Charles de Ligne (Lugt 592, beschädigt); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Laut einer Anmerkung in #Ludovico Dolces "Dialogo" in der Ausgabe von 1735 befand sich diese Rötelstudie zusammen mit einer heute verlorenen Zeichnung Raphaels, dem Modello zur "Hochzeit von Alexander und Roxane", im Besitz von #Peter Paul Rubens. Beide Zeichnungen gelangten in die Sammlung Crozat, wo sie von #Ch.-N. Cochin im "Cabinet Crozat" radiert wurden, und später erwarb sie #Pierre-Jean Mariette, der sie zu den bedeutendsten Stücken seiner Sammlung zählte. Bei der Auflösung der Mariette-Sammlung kaufte #Julien de Parme das Rötelblatt, das bis ins 19. Jahrhundert als Meisterwerk Raphaels galt. Morelli (1890) wollte darin jedoch eine Vorstudie #Sodomas für das Fresko in der Farnesina erkennen, und dieser Ansicht schlossen sich u. a. Frizzoni (1891), Graul (1893) und Fischel (1898) kommentarlos an. Förster wiederlegte dies zwar, sah aber 1894 in dem Blatt, das er 1880 noch für ein Original hielt, eine Kopie nach Raphael. Für Wickhoff (1892) entstand die Zeichnung nach dem Fresko in der so genannten Villa Raphaels. Oberhuber ist 1967 mit überzeugenden Argumenten wieder für die Zuschreibung an Raphael eingetreten ist, und diese Ansicht hat sich allgemein durchgesetzt. Joannides (1983) vermutet jedoch wie zuvor Stix und Fröhlich-Bum (Stix 1932) #Giovanni Francesco Penni als Zeichner.
Raphaels "Hochzeit von Alexander und Roxane" entstand in Verbindung mit der Ausmalung des Schlafzimmers von #Agostino Chigi in der Farnesina, mit der man wohl zunächst Raphael betraut hatte. Am 28.8.1519 sollte in der Villa die Vermählung zwischen Agostino Chigi und #Francesca Ordeaschi gefeiert werden, die aus einfachen Verhältnissen stammte. Diese nicht standesgemäße Vermählung findet ihre Parallele in der Hochzeit zwischen Alexander und Roxane. Raphael, der wahrscheinlich noch Entwürfe für weitere Szenen gemacht hat (AK Thessaloniki 1997/98, Bd. 2, S. 226, unter Nr. XVIII. 1), kam vermutlich aus Zeitmangel nicht zur Ausführung der Fresken. Jedenfalls beauftragte Agostino Sodoma mit der Dekoration des Zimmers, der das Bild in Anlehnung an Raphael, aber mit vielen Veränderungen gemalt hat.
Der Darstellung liegt bekanntlich ein Text des antiken Autors# Lucian zugrunde, der ein Bild des Malers #Aetion mit der Hochzeit von Alexander und Roxane in Italien beschrieben hatte. In Haarlem existiert eine frühe Entwurfsskizze Raphaels zu dieser Darstellung, in der die wesentlichen Elemente, vor allem die asymmetrische Anlage bereits festgelegt sind (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 539). Es folgten darauf weitere Studien, von denen eine durch eine Kopie in Cambridge überliefert ist (AK Thessaloniki 1997/98, Bd. 1, S. 569, Abb. 1). Auf dem Wiener Blatt verdeutlicht sich Raphael nun die genauen Bewegungen, die räumliche Anordnung der Gruppe und die Lichtverhältnisse anhand von Aktfiguren. Auf Details verzichtet er, und lediglich dünnen Linien deuten die Fackel des Hephästion, den Helm in Alexanders Linken oder die Tür des Palastes im Hintergrund an. Raphael verleiht den Figuren durch einen feinen Rötelstrich, den er in der Dichte variiert, ganz unterschiedliche Wirkungen. So steht die helle jugendliche Gestalt Alexanders in Beziehung zu dem makellosen Körper von Roxane, der unter dem Licht der Fackel zu glänzen beginnt. Ein unruhiges Helldunkel unterstreicht dagegen die dynamischeren Bewegungen von Hephästion und Hymenäus. Zeichenstil und Figurenauffassung entsprechen dabei den Studien für die "Madonna für Franz I." von ca. 1517-1518 (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 568-570). Raphael gibt seinen Figuren nun ein gänzlich antikes Aussehen, das den Modellcharakter nicht mehr erkennen lässt. Jede Bewegung ist dabei von größter Natürlichkeit dem Handlungsablauf eingefügt. Gegenüber Raphaels "Urteil des Paris" (Inv. DG1970/433) wird deutlich, wie frei sich die Figuren nun in der Welt der Antike bewegen. Die Pose Alexanders ist dabei vom "Apoll von Belvedere" und die Stellung der Beine möglicherweise von der Antinous-Statue in Neapel (Bober/Rubinstein 1987, Nr. 128) abzuleiten. Ähnlich erscheint einer der drei Engel vor Abraham im Fresko des vierten Jochs in den Loggien Raphaels (Dacos 1986, Tav. XXa).
Eine Kopie in Florenz (Hayum 1972, Abb. 32), die nur die linke Hälfte der Darstellung wiedergibt, spiegelt einen etwas späteren Entwurfsschritt wieder, in dem Hephästion bärtig ist und eine Rüstung trägt wie in Raphaels endgültigem Entwurf, dem bereits oben erwähnten Modello. Diese bildmäßig ausgearbeitete Zeichnung befand sich einst im Besitz von Ludovico Dolce, und wird von #Pietro Aretino in Dolces "Dialogo" (1557) detailliert beschrieben. Sie gelangte gemeinsam mit dem Wiener Rötelblatt im Besitz von Rubens und später in den Sammlungen Crozat (Verkauf 1741, Nr. 125) und Mariette (Verkauf 1775, Nr. 697). Bei dem Modello handelte es sich um eine lavierte Federzeichnung mit Weißhöhung, die außer den Faksimiles von Ch.-N. Cochin, #Caylus und #Le Sueur durch verschiedene Kopien bekannt ist. Die Zeichnung kam im 19. Jahrhundert nach England und ist seitdem verschollen.
Nur wenig von diesem Modello abweichend ist eine Rötelzeichnung in Paris, die möglicherweise ein von Rubens überarbeitetes Original Raphaels ist (AK Thessaloniki 1997/98, S. 590-592, Nr. XVIII. 7, Bd. 2, S. 234 f.). Sie diente vielleicht als direkte Vorlage für den spiegelbildlichen Stich von #Gian Giacomo Caraglio (Bartsch 1803-1821, 15, S. 95, Nr. 62), der später vom #Meister B mit dem Würfel kopiert wurde (Bartsch 1803-1821, 15, S. 96, Nr. 62).

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 43, S. 124.

Mit der Hochzeit von Alexander und Roxane hat Raphael eine gänzlich neuartige Darstellung geschaffen, die für alle späteren künstlerischen Fassungen dieses Themas zum verbindlichen Vorbild werden sollte. Bekanntlich hat er als erster Künstler den Text des antiken Autors Lucian verbildlicht, der ein Bild des Malers Aetion in Italien beschrieben hat. Lucian spricht darin von Roxane, die auf dem Brautbett sitzt und ein Erot ihr den Brautschleier vom Kopf zieht, während ein zweiter ihr die Sandalen von den Füßen löst. Ein dritter Liebesgott erfaßt Alexander am Gewand und zieht ihn zu Roxane hin. Die Zeichnung entstand im Anschluß an die erste Ideenskizze in Haarlem, die sich noch exakter an die Beschreibung Lucians hält und in der bereits alle wesentlichen Elemente der  asymmetrischen Komposition festgelegt sind. In dem Wiener Blatt studiert Raphael die genauen Bewegungen der Figuren und verdeutlicht sich mit Hilfe der Licht und Schatten-Verhältnisse deren genaue Anordnung im Raum. Details wie die Gewänder oder die Krone in der Hand Alexanders läßt er weg oder zeichnet sie nur mit dünnen Linien wie die Fackel in der Hand des Hephästion oder die Tür des Brautgemachs rechts im Hintergrund. Gegenüber der Haarlemer Skizze fließen die Handlungen stärker ineinander und bilden eine reliefartig geschlossene, sich von rechts nach links entwickelnde Abfolge. Alexander und Roxane sind hierin eingeflochten und zugleich setzen sie sich von den anderen Figuren durch ihre Größe, ihre ruhige Stellung und die makellose Schönheit ihrer Körper ab. Die Braut erscheint in unmittelbarer Anlehnung an den Text mit gesenktem Haupt und einer Handgeste, die Demut, Keuschheit und Treue zum Ausdruck bringt. Ihr seht der stolze jugendliche König gegenüber, der ihr in der ausgestreckten rechten Hand die Krone reichen wird. Den feierlichen Ernst der Situation bereichert der Zug der Eroten durch einen heiteren Farbton. Sie treiben ihr Spiel mit den Waffen des Helden, die in diesem Moment ruhen, in dem die Liebe triumphiert. Die Posen der Figuren folgen antiken Vorbildern, denn die Haltung Alexanders ist vom Apoll vom Belverdere und die Beinstellung von der Antinous-Statue in Neapel abzuleiten (Bober und Rubinstein, 1987, Nr. 28, 128). Raphael schuf somit eine archäologische Rekonstruktion des antiken Gemäldes, in der er nicht nur der Textquelle getreu folgt, sondern ihr auch eine antike Form zu geben bestrebt ist. K.Oberhuber hat die überzeugende Vermutung geäußert, Raphael habe die Komposition ursprünglich für ein Wandbild im Schlafzimmer Agostino Chigi in der Farbesina geschaffen, das mit Szenen aus dem Leben Alexanders der Großen ausgemalt ist. Der Künstler kam wohl aus Zeitmangel nicht selbst zu der Ausführung des Freskos, das Sodoma mit starken Abwandlungen des raphaelischen Entwurfs gemalt hat. Die Dekoration des Schlafzimmers war spätestens am 28. August 1519 vollendet, als in der Villa die Vermählung Agostino Chigis mit Francesca Ordeaschi stattfand, die aus einfachsten Verhältnissen stammte und die Chigi aus Venedig regelrecht entführt hatte. Die Darstellung der Hochzeit Alexanders mit der Barbarentochter und kriegsgefangenen Roxane spielt offensichtlich auf die nicht standesgemäße Verbindung zwischen der Venezianerin und dem reichen Sieneser Bankier an. Laut einer Anmerkung in der Ausgabe von Ludovico Dolces Dialogo  von 1735 befand sich die vorliegende Rötelzeichnung im Besitz von Peter Paul Rubens und gelangte später in die Sammlungen von Pierre Crozat, wo sie von Ch.-N. Cochin radiert wurde. Später erwarb sie P.-J. Mariette, der sie zu den bedeutendsten Stücken seiner Sammlung zählte. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert galt sie als Meisterwerk Raphaels, wurde später aber als ein Werk der Schule, von G. F Penni, von Sodoma oder als eine Kopie bezweifelt. K. Oberhuber ist wieder entschieden für die Zuschreibung an Raphael eingetreten. Die überzeugt vollkommen angesichts der subtilen Linienführung, die mit feinen, in Aufdruck und Dichte variierten Rötelstrichen den Körpern plastische Klarheit und ein Höchstmaß an Differnzierung zu geben vermag. Zeichenstil und Figurenauffassung entsprechen den Entwürfen für die Madonna für Franz I. von ca. 1517/18 (Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 568-570), und enge Bezüge ergeben sich auch zu den Figurenstudien in Haarlem, die vermutlich mit den Fresken in der Psycheloggia in Verbindung stehen. Nicht überzeugend ist eine unlängst vertretene Zuschreibung an den jungen Giulio Romano (vgl. Joannides, 2000, S. 24f.). Ein Vergleich mit der etwa aus der gleichen Zeit stammenden Rötelzeichnung Venus und Adonis (Inv. 17632) erhellt, daß Giulio die Figuren stärker ins Relief preßt, die Körper weniger organisch gestaltet und den Bewegungen nicht die Geschmeidigkeit, Gelöstheit und Raumhaftigkeit gibt, wie es dagegen für die das hier besprochene Blatt charakteristisch ist. Raphael hat noch weitere Studien für die Hochzeit von Alexander und Roxane geschaffen. Den vermutlich endgültigen bildmäßig ausgearbeiteten Entwurf hat Pietro Aretino in Dolces Dialogo 1557 detailliert beschrieben. Es handelte sich um eine lavierte Federzeichnung mit Weißhöhung, die sich ebenfalls im Besitz von Rubens befunden hatte und deren Aussehen durch verschiedene Kopien und faksimileartige Reproduktionen bekann ist. Sie gelangte im 19. Jahrhundert nach England und ist seitdem verschollen.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 266
  • Stix 1932, 118
  • Birke/Kertész IV, 17634
  • Bibliography
  • u. a. gest. von Ch.-N. Cochin im Cabinet Crozat: Mariette 1741, p. 131, Nr. 36 (Albertina HB X, Suppl. VII, Vol. I, p. 9, Nr. 37)
  • B.XV, p. 95, Nr. 62
  • lith. von J. Pilizotti in Mansfeld, Lithographirte Copien XVII.
  • Weigel 7067, 7055, 7058, 7059
  • Braun 171 - Dolce, 1735, Anm. S. 248
  • Mariette 1741, p. 12, Nr. 125
  • Basan 1775, Nr. 698
  • J. D. Passavant, Raphael d‘Urbin et son pere Giovanni Santi, 2 Bde., Paris 1860, II, p. 441, Nr. 219
  • G. Morelli/Lermolieff/E. Habich, Handzeichnungen italienischer Meister in photographischen Aufnahmen von Braun & Co. in Dornach, in: Kunstchronik 1891/92, p. 573, Nr. 171 (als Sodoma)
  • R. Förster, Die Hochzeit des Alexander und der Roxane in der Renaissance, in: Jahrbuch der Kgl. Preußischen Kunstsammlungen XV, 1894, p. 189ff
  • A.K. London 1948, Nr. 33
  • Popham/Wilde 1949, p. 316, Kommentar zu Nr. 809, (1)
  • Pigler 1956, II, p. 346
  • P. Deila Pergola, Galleria Borghese. I Dipinti, 2 Bde., Rom 1959, II, p. 129, Kommentar zu Nr. 180
  • Oberhuber 1964, Anm. 19
  • A.K. Paris 1967, p. 21, 22, Nr. 123 (mit Lit.)
  • A.K. Wien 1968/69, p. 189, Kommentar zu Nr. 596
  • Hayum 1972, p. 87, Fig. 33 (Detail)
  • Oberhuber 1972, p. 18, Anm. 29
  • Hayum 1976, p. 173, Fig. 45
  • A.K Wien 1983, Nr. 42, p. 130, Kommentar zu Nr. 43
  • Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 540
  • Joannides 1983, Lit.-Konkordanz p. 265
  • M. B. Lossky, Sources d'inspiration d'une fresque bellifontaine: „l'Alexandre et Roxane" de Primatice, in: Bulletin de la Societe de l'Histoire de l'Art frangais 1981 (1983), p. 22-23, Anm. 5
  • A.K. Paris 1983/84, p. 74, Kommentar zu Nr. 82
  • S. Massari et al., Raphael invenit, Rom 1985, p. 16, Anm. 49
  • M. J. Marek, Ekphrasis und Herrscherallegorie, in: Römische Studien der Bibliotheca Hertziana 3, Worms 1985, p. 18, Abb. 3
  • Petrioli Tofani 1987, p. 616, Kommentar zu Inv. 1479E
  • C. Gould, Veronese, Venere e Adone, in: Nuovi Studi su Paolo Veronese (hrsg. von M. Gemin), Venedig 1990, p. 287, Abb. 230
  • A.K. Giulio Romano Wien 1990, II, Nr. 3 (als Giulio)
  • Cordellier/Py 1992, p. 308, 310, Kommentar zu Nr. 451, p. 334
  • R. Williamson, Omnia vincit amor: un dipinto di Agostino Carracci, in: Atti e memorie. Accademia Clementina 30-31, 1992, p. 128, Taf. 31
  • M. Fabianski, Correggio's angel in Parma cathedral, the Ganymed and Raphael, in: Correggio's Masterpieces of Erotic Painting. The Mythological Scenes for Federico Gonzaga
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 81
  • Oberhuber, 1999, S. 185
  • Joannides, 2000, S. 24f., tav. 19 (Giulio Romano)
  • Venedig, Wien und Bilbao, 2004-2005, Nr. 45 (Text v. A. Gnann)
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 45 (A. Gnann)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.
  • 49
  • Provenance
  • Peter Paul Rubens
  • Kardinal Guido Bentivoglio
  • Claude Mellan
  • Friquet de Vanrose
  • A. Ch. Boulle
  • Pierre Crozat
  • Pierre-Jean Mariette
  • Julien de Parme
  • Johann Melchior Edler von Birkenstock (1738-1809), Wien (?)
  • Prinz Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
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