Die Piazzetta von San Marco
Francesco de’ Guardi
um 1770-1780
Francesco Guardi trat zu Beginn seiner Laufbahn zunächst mit religiösen Altar- und Deckenbildern hervor, ein Gebiet, auf dem sich bereits sein Vater #Domenico, ein versierter Dekorations- und Genremaler, betätigt hatte. Nach dem frühen Tod des Vaters nahm ihn der ältere Bruder #Giovanni Antonio in seine florierende Werkstatt auf. Guardi malte fortan historische und mythologische Szenen, Landschaften, Capricci, venezianische Feste und Zeremonien sowie Blumenstillleben. Seine größte Begabung lag jedoch bei den Stadtansichten von Venedig, die ihn auch berühmt gemacht haben. Seit dem Tod seines Bruders 1760 widmete er sich fast ausschließlich dieser Vedutenmalerei, wobei er sich anfangs häufig an Kompositionen von #Michele Marieschi und besonders von #Canaletto orientierte, in dessen Werkstatt er sogar tätig gewesen sein soll.
Einen weiteren Schritt in Richtung einer vollkommen malerischen Auflösung der Komposition stellt die Ansicht der "Piazzetta von S. Marco" dar, die wohl in die Spätzeit des Künstlers zu datieren ist (um 1770-1780). Die Formen sind wie stenografische Notizen mit kürzelhaften Linien angedeutet und lösen sich überall in der Meeresluft der Lagunenstadt auf. Die Gebäude und Figuren scheinen geradezu im Licht und Dunst zu flimmern. Zu diesem Effekt trägt auch das grob gefaserte Papier bei, auf dem die Federlinien und die Lavierung beim Auftrag verschwimmen.
Durch den niedrigen Horizont vermag der Blick an den beiden Säulen mit dem Markuslöwen und dem Standbild des hl. Theodor vorbei ungehindert in die Tiefe zu schweifen, wo am Horizont schemenhaft die Isola di S. Giorgio Maggiore und die Inselspitze der Giudecca zu erkennen sind. Gegenüber der "Ansicht des Canale Grande" (Inv. 24333) fehlen feste Bezugspunkte in der Vedute der Piazzetta. Da sich der Platz nach allen Seiten hin ausdehnt und gegen das Meer hin öffnet und sich die Figuren frei in alle Richtungen bewegen können, wirkt der Raum ungleich weiter und zugleich einheitlicher. Die Zeichnung diente als Entwurf für ein Bild, das sich heute in der Akademie der Bildenden Künste in Wien befindet (Morassi 1984, Bd. 1, Nr. 387, Bd. 2, Abb. 407). Im Entwurf konzentrierte sich der Künstler nicht auf die Wiedergabe der Architekturen, sondern suchte das Leben auf der Piazza festzuhalten: flanierende und sich unterhaltende Edelleute sowie Händler, die ihre Ware auf einem Tisch feilbieten. Im Gemälde wird er diese Figuren dann strenger in Gruppen zusammenfassen und sie etwas verkleinern, um dadurch die Ausdehnung des Platzes noch stärker hervorzuheben.
vgl. Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 130.
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