Studie für einen männlichen, liegenden Akt
Girolamo Curti gen. il Dentone
spätes 16.-frühes 17. Jahrhundert
Einer Aufschrift auf der Rückseite zufolge stammt die Zeichnung von Girolamo Curti, genannt Dentone, der erst im Alter von 25 Jahren zur Malerei gekommen sein soll, als der reiche Seidenhändler Vespasiano Grimaldi auf ihn aufmerksam wurde und ihm eine Lehre bei Cesare Baglione vermittelte (vgl. FEINBLATT 1975 und 1992, S. 18ff.). Curti soll Bücher von Vignola und Serlio erworben haben, um die architektonischen Ordnungen und Gesetze der Perspektive zu studieren, und verlegte sich auf die Malerei illusionistischer Architekturperspektiven. Er wurde rasch zum unangefochtenen Spezialisten dieser Quadraturmalerei, wovon Beispiele in Bologna und Umgebung sowie in Ferrara, Ravenna oder Parma Zeugnis ablegen. Viele dieser Dekorationen, darunter auch Malereien für das Theater, die Curti häufig mit Mitarbeitern ausführte, sind allerdings nicht mehr erhalten oder wurden übermalt. Um 1623 reiste Curti auf Geheiß seines Landsmannes, Erzbischof Ludovico Ludovisi, nach Rom, in dessen Palast an der Piazza SS. Apostoli er Malereien ausführte (nicht identifiziert). Vermutlich 1625 kehrte er wieder nach Bologna zurück; seine letzte dokumentierte Arbeit ist das 1631/32 von seinen Mitarbeitern vollendete Deckenfresko in der Sakristei von S. Biagio in Modena.
Curtis gemalte Architekturperspektiven sind auf einen festen Betrachterstandpunkt bezogen und illusionieren eine zumeist mehrzonige Erweiterung des Realraumes. Häufig ragt auf einem kräftigen, von Konsolen getragenen Gebälk eine umlaufende Balustrade auf, die eine luftige, aus verkürzten Säulen, Arkaden oder Serlianen gebildete Loggia trägt. Die Loggia schließt nach oben ein vorkragendes umlaufendes Gebälk ab, das wie in der Villa Paleotti in San Marino eine zentrale Öffnung freilässt. In seinem Hauptwerk, der Decke in der Sala Urbana im Palazzo Comunale in Bologna (FEINBLATT 1992, fig. 3.8 und 3.13), bildet den Abschluss eine reich dekorierte Kassettendecke, die an drei Stellen durchbrochen ist. Durch die verschiedenartigen Öffnungen vermag der Blick weiter in die Ferne, auf den teilweise von Figuren bevölkerten Himmelsbereich, zu gleiten.
Auf der vorliegenden Zeichnung ist eine auf dem Rücken liegende männliche Gestalt zu sehen, die sich aufgrund ihrer starken Verkürzung für die Einfügung in ein illusionistisches Deckenfresko eignen würde. Das Blatt ist zur Übertragung auf einen Karton oder ins Gemälde bereits quadriert. Bei der in antiker Rüstung mit verrenkten Gliedmaßen gezeigten Figur handelt es sich offenbar um einen Getöteten, wobei eine konkrete Identifizierung nicht möglich ist. Der Künstler hat zunächst für die Vorzeichnung einen schwarzen Stift verwendet und anschließend den Körper mit gekurvten Federlinien umrissen, die er auch zur weiteren Binnengestaltung verwendet. Unterstützt durch eine Lavierung in zwei verschiedenen gelblichen Brauntönen werden die zahlreichen Muskeln hervorgehoben, wodurch der Leib eine besonders kraftvolle Wirkung erhält. Nur die Schattenzonen werden durch Schraffuren mit der Feder vertieft. Sie setzen sich aus kurzen Strichen zusammen, die häufig von längeren, gebogenen Linien durchkreuzt werden. Sie verbinden den Körper mit den Schatten, die er auf dem Boden hinterlässt. Da der Oberkörper gegenüber dem Unterleib leicht verdreht ist und die Beine überkreuzt sind, entsteht eine raffinierte Pose, die trotz der Verkürzung in ganzer Länge anschaulich wird. Ähnliche Bewegungsmotive sind in Pellegrino Tibaldis Fresko Schiffbruch des Odysseus im Gewölbe des Palazzo Poggi in Bologna anzutreffen (ROMANI 1997, fig. 12), das unser Zeichner gesehen haben könnte. Im Bereich der Quadratura-Malerei war Tibaldi für Curti der bedeutendste Vorläufer in Bologna und hat diesen auch beeinflusst. Es muss an dieser Stelle jedoch betont werden, dass sich die Zuschreibung in erster Linie auf die alte Aufschrift auf der Rückseite stützt. Die Autorschaft muss hypothetisch bleiben, da es keine gesicherten Zeichnungen dieses Künstlers gibt, die eine Vergleichsmöglichkeit bieten könnten.
Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Wien 2015.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/328088/studie-fur-einen-mannlichen-liegenden-aktImage Request