The Railway Bridge
Lyonel Feininger
1911
Lyonel Feininger wuchs als Kind eines deutschen Musikerpaares zunächst in New York auf. Nach der beruflich bedingten Übersiedlung der Familie nach Deutschland 1887 entschied er sich für eine Ausbildung als Zeichner. Prägender als die Königliche Akademie zu Berlin, an der er 1888 aufgenommen wurde, waren für ihn der in der Kindheit erfahrene Antitraditionalismus und die amerikanische Offenheit gegenüber den Neuerungen der technischen Zivilisation. Er arbeitete 1889 bis 1907 als Karikaturist, zeichnete Witze und Comics für die "Humoristischen" und die "Berliner Blätter", zum Schluss auch für die "Chicago Tribune". Mehrmals hielt er sich im Paris der Jahrhundertwende auf. Als er dort im Frühjahr 1911 im Salon des Indépendants ausstellt und dabei seine Kenntnisse des Kubismus vertieft, findet er zu einem künstlerischen Stil, der seine weitere Laufbahn entscheidend beeinflusste.
In "The Railway Bridge" ist die Beschleunigung der Welt um 1900 nicht nur in der thematischen Konzentration auf den technischen Aspekt der Modernität fassbar, sondern auch in der Form. Dies wird im Vergleich mit einer anderen Zeichnung der Albertina deutlich, die nur wenige Monate davor entstanden ist: "On the Town Wall" (Inv. 33153) erinnert mit der kindlich-naiven Winkeligkeit der Architekturformen und einer spielzeugartigen Eisenbahn noch an Feiningers Comics und kündet mit dem Kontrast zwischen der hellen, hoch neben der dunklen Stadt vorbeiführenden Eisenbahnbrücke und den altmodisch-skurrilen Figuren im Vordergrund vom Untergang der alten Kultur. In dem vorliegenden Blatt beruht die dynamische Räumlichkeit der Bahnbrücke mit ihrem Durchblick auf alte Häuschen zwar auf der rasanten, aber immer noch konventionellen perspektivischen Verkürzung der Bahnbrücke - sie ist an die Erscheinung der Bögen des Aquädukts in Arcueil bei Paris angelehnt -, wird aber durch die facettierten Binnenstrukturen der Architektur, des Naturgeländes und des Himmels enorm gesteigert. Damit ist die neue Zeit auch durch die malerische bzw. räumliche Sicht der Wirklichkeit erfasst. Gegenüber dem anderen Blatt der Albertina erscheinen die in diesem bewegten Bildraum spazierenden Bürger noch altmodischer und skurriler, kafkaesk in ihrem Umfeld. Sie könnten #Alfred Kubin, aus dessen Besitz Feiningers Zeichnungen stammen, wie die Bewohner seines 1909 erschienenen Romans "Die andere Seite" erschienen sein.
vgl. Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 238.
