Straße
Lyonel Feininger
1913
Lyonel Feininger wuchs als Kind eines deutschen Musikerpaares zunächst in New York auf. Nach der beruflich bedingten Übersiedlung der Familie nach Deutschland 1887 entschied er sich für eine Ausbildung als Zeichner. Prägender als die Königliche Akademie zu Berlin, an der er 1888 aufgenommen wurde, waren für ihn der in der Kindheit erfahrene Antitraditionalismus und die amerikanische Offenheit gegenüber den Neuerungen der technischen Zivilisation. Er arbeitete 1889 bis 1907 als Karikaturist, zeichnete Witze und Comics für die "Humoristischen" und die "Berliner Blätter", zum Schluss auch für die "Chicago Tribune". Mehrmals hielt er sich im Paris der Jahrhundertwende auf. Als er dort im Frühjahr 1911 im Salon des Indépendants ausstellt und dabei seine Kenntnisse des Kubismus vertieft, findet er zu einem künstlerischen Stil, der seine weitere Laufbahn entscheidend beeinflusste.
Die Komposition in "Straße" von 1913 basiert auf Naturstudien, die Feininger 1909 in dem Dorf Alt-Sallenthin auf der Insel Usedom gemacht hat. Prononcierter als in "The Railway Bridge" (Inv. 33154) greifen die Binnenstrukturen der verschiedenen Raumebenen und Bildgegenstände - Straßenschatten, Architekturteile und die Formen im Himmel - ineinander über. Die Einzelelemente der Darstellung mit den dramatisch ansteigenden bzw. bedrohlich kippenden Häusern beziehen sich nicht auf einen Bildkern, wie dies im frühen französischen Kubismus, den Feininger aus eigener Anschauung kannte, gewöhnlich der Fall ist. Sie folgen eher einem narrativen Bildrhythmus, der das Erscheinungsbild der Straße verzerrt und dazwischen kleine Enklaven schafft. An solchen Stellen entsteht Platz für verschiedene, weniger formalisierte Details mit denen sie aber in heftigem Kontrast stehen: Zwischen den Menschenfiguren, Hausgiebeln, Treppen und einigen penibel schattierten Fensterreihen kündigt sich die unheimliche Welt des expressionistischen Films an, die man vor allem aus dem "Cabinet des Doktor Caligari" von 1919/20 kennt. Eine große Affinität besteht hier auch zum visionären Kunstschaffen #Alfred Kubins, aus dessen Kunstsammlung alle frühen Feininger-Zeichnungen der Albertina stammen.
vgl. Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 239.
