Gesatteltes Pferd
Peter Paul Rubens
um 1615-1618
Rahmenaußenmaß 65,5 × 67 × 4,3 cm
Ländliche Szenen nehmen einen wichtigen Stellenwert in Rubens Œuvre ein. Zumeist sind solche Bilder mit ländlicher Motivik aber nicht für einen geistlichen oder aristokratischen Kundenkreis erdacht und ausgeführt worden, sondern für Rubens' private Sammlung, die neben interessanten Werken von Schülern und Mitarbeitern auch eigene Bilder umfasste. Ähnlich wie er die Figuren seiner Gemälde sorgfältig mit Einzelstudien vorbereitete, hat Rubens auch Details aus dem Landleben eingehend mit dem Kreidestift studiert, bevor er sie dann in manchmal abgewandelter Form in ein Gemälde integrierte. Das Blatt "Ein Ochse" (Inv. 8253) mag vorbildhaft für die Darstellungen dieser Tiere in Gemälden wie "Der Verlorene Sohn" (Königliches Museum der Schönen Künste, Antwerpen) oder "Gehöft bei Laeken" (Buckingham Palace, London) gewesen sein.
Derartige Studienblätter entstanden meist anlässlich eines Ausritts vor die Stadt, wenn Rubens sich Entspannung, Ruhe und etwas frische Luft gönnte. Der Künstler war ein ausgezeichneter Reiter, und es ist möglich, dass die vorliegende Zeichnung sein Lieblingspferd darstellt, wofür auch der porträthafte Ausdruck des Pferdekopfes sprechen würde. Das Tier ist gesattelt, und das angewinkelte hintere rechte Bein deutet auf eine freudige Unruhe hin, als wäre es bereit, seinen Reiter aufzunehmen und fortzureiten. Zunächst hat Rubens das Pferd mit der schwarzen Kreide direkt nach der Natur kurz umrissen. Erst in der Werkstatt hat er dann mit dem Rötelstift die schwarze Kreide ins Rotbraun gebrochen, um das braune Fell anzudeuten. Die beiden Kreiden sind dabei so subtil in feinsten Abstufungen appliziert, dass sich im Zusammenspiel mit dem durchschimmernden weißen Papier ein feiner Glanzton ergibt, wie er einem frisch gestriegelten Pferd eigen ist. Auf der linken Seite des Blattes hat der Künstler noch die abgewinkelten, sich im Galopp befindlichen Vorderbeine eines Pferdes herausgezeichnet. Obwohl die Zeichnung nicht unmittelbar Eingang in ein Gemälde gefunden hat und ohne Zweckbestimmung entstanden ist, mag diese separate Studie ein Hinweis dafür sein, dass das Blatt zu einer Zeit entstanden ist, in der sich Rubens verstärkt mit Jagd- und Historienszenen, wie z.B. dem 1616/17 ausgeführten und sich im Liechtenstein Museum befindlichen "Decimus Mus-Zyklus", beschäftigt hat, in dem Pferde eine nicht unbedeutende Rolle spielen.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 66.
