Bildnis von George Gerbier, dem Sohn Balthasar Gerbiers
Peter Paul Rubens
1629/30
Philipp IV. ernannte Rubens 1629 zum Sekretär seines geheimen Staatsrats in den Niederlanden und beauftragte ihn, in seinem und Erzherzogin Isabellas Namen die Waffenstillstandsverhandlungen zu leiten. Als der Künstler Anfang Juni 1629 in London ankam, um die Friedensverhandlungen mit England fortzusetzen, fand er Unterkunft in York House am Strand, der Londoner Residenz der Herzogs von Buckingham, wo sich zur selben Zeit auch Balthasar Gerbier (1592–1667) und seine Familie aufhielten. Gerbier war ein flämischer Miniaturmaler, der 1616 nach England übersiedelte war, um in die Dienste des Herzogs von Buckingham zu treten. Rubens war ihm erstmals 1625 während der Feierlichkeiten zur Hochzeit von Maria de’ Médicis Tochter und Charles I. in Paris begegnet. 1626 hatte Gerbier als Unterhändler beim Verkauf von Rubens’ Sammlung antiker Skulpturen, Gemmen und Münzen an Buckingham geholfen.(1)
Während seines Aufenthaltes in York House kamen Rubens natürlich die beiden Werke zu Gesicht, die der jüngst verstorbene Herzog von Buckingham einige Jahre zuvor bei ihm in Auftrag gegeben hatte, nämlich ein Reiterbildnis […] sowie die Deckendekoration mit einer Verherrlichung des Herzogs von Buckingham (beide Werke fielen 1949 einem Brand zum Opfer). Neben den Friedensverhandlungen fand Rubens durchaus Zeit, seiner, wie er es nannte, »geliebten Profession« nachzugehen und zu malen. Er besuchte auch die berühmten Sammlungen des Herzogs von Buckingham, des Grafen von Arundel und des Königs. Als bedeutendstes Werk seiner Londoner Zeit schuf Rubens das allegorische Gemälde Krieg und Frieden oder Minerva vertreibt Mars, das der Künstler 1630 Charles I. zum Geschenk machte […].(2) Am 3. März 1630 wurde Rubens für seine Dienste vom König in der Bear Gallery im Palast von Whitehall, wo das Gemälde seinen Platz gefunden hatte, zum Ritter geschlagen. Das Gemälde war wohl weniger als persönliches Geschenk des Malers an den Monarchen gedacht, sondern vielmehr als offizielle Geste des Diplomaten. Minerva in der Bildmitte hält Mars davon ab, der sitzenden Frau, der Personifizierung des Friedens, Schaden zuzufügen. Unten rechts hat Rubens den eine Fackel tragenden Hymenaios, den Gott der Ehe, ins Bild gesetzt. Als Vorlage für diesen diente ihm die vorliegende Zeichnung, auf der, wie man glaubt, Gerbiers ältester Sohn George abgebildet ist. Hymenaios hält eine Krone über den Kopf eines jungen Mädchens, für das wahrscheinlich Elizabeth, die älteste Tochter Gerbiers, Modell gesessen hatte.(3) Das kleine Mädchen mit den Trauben im Vordergrund gilt als Susan, eine weitere Tochter Gerbiers. Die entsprechende Vorzeichnung befindet sich in Weimar.(4)
Obwohl Rubens die Zeichnungen, die nach herrschender Meinung Gerbiers Kinder darstellen, als Vorlagen für das allegorische Gemälde verwendet hat, scheinen sie ursprünglich in Vorbereitung eines Familienporträts entstanden zu sein, das Deborah Kip, Gerbiers Frau, mit vieren ihrer Kinder zeigt (5) (Washington National Gallery of Art). Durchaus plausibel scheint die geäußerte Vermutung, dass Rubens das Gemälde Balthasar Gerbier und seiner Frau zum Dank für deren Gastfreundschaft geschenkt hat. Da Rubens an dem Familienporträt und dem Deckenbild Krieg und Frieden gleichzeitig gearbeitet hat, ist es sehr wohl möglich, dass er seine Zeichnungen der Gerbier-Kinder für das allegorische Sujet adaptiert hat, wie er auch Zeichnungen seiner eigenen Kinder für andere Themen verwendet hat […].
Zur Bezeichnung »P P Rubbens« in brauner Feder rechts unten siehe [Inv. 17648].
(Der Text wurde gegenüber dem Katalog 2004 gekürzt. Die entsprechenden Auslassungen sind durch [... ] anzeigt.)
(1) Nach Buckinghams Ermordung im Jahre 1628 blieb Gerbier in York House als Verwalter der herzöglichen Sammlung und trat als Geheimdiplomat in die Dienste von König Charles I.
(2) Jaffé 1989, Nr. 969, 1629/30; KdK 312. Zwei flüchtige Skizzen, eine in Rötel, die andere in schwarzer Kreide, des Hymenaios mit den sich um ihn scharenden Kindern und einem Putto, gezeichnet auf ein und demselben Blatt, befinden sich heute in Rotterdam (Inv. V9 verso), Rotterdam 2001, Nr. 23.
(3) Die Figur wird mit einer Zeichnung in der Eremitage in St. Petersburg in Verbindung gebracht (Inv. 5452), auf der das Mädchen etwas älter zu sein scheint. Held 1986, Nr. 178, Taf. 175, um 1629/30. Gerbier hatte drei Söhne und fünf Töchter, deren Geburtsdaten jedoch unbekannt sind.
(4) Inv. KK 5072; lt. Jeremy Wood (Brief vom 6. August 2001) wahrscheinlich von Richard Cosway im Bereich des Gesichts und der Haare überarbeitet.
(5) Inv. 1971.18.1; Jaffé 1989, Nr. 976, um 1630. In Rubens’ Nachlass von 1640 ist dieses Gemälde nicht verzeichnet. Gerbier zog 1631 mit seiner Familie zurück nach Flandern und blieb mit Rubens in Verbindung. Michael Jaffé (1981, S. 75) identifizierte das ältere Mädchen als Susan, das jüngere als Mary und das Baby als Charles.
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