Eine junge Frau, ihr Kind am Gängelband führend, daneben die Halbfigur eines Mannes
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1636
Obwohl unter den Themengruppen der Rembrandt-Zeichnungen, die im 1656 aufgestellten Inventar seiner Besitztümer angeführt werden, die Kategorie der Darstellungen von Frauen und Kindern nicht explizit erwähnt wird, nimmt man an, dass der Künstler ein eigenes Album mit solchen Studien angelegt hat. Den Anlass zu dieser Vermutung bietet das 1680 aufgestellte Inventar des Marinemalers #Jan van de Capelle, der 500 Zeichnungen von Rembrandt besaß, darunter 135 Darstellungen von "Frauenleben mit Kindern". Wahrscheinlich wurde das Album, in dem sich diese Zeichnungen befanden, so von Jan van de Capelle erworben, wie sein Kollege Rembrandt es angelegt hatte. Daher ist anzunehmen, dass ein Großteil der heute bekannten Zeichnungen, die Frauen und Kinder darstellen, aus dem Besitz von Jan van de Capelle und daher unmittelbar aus der von Rembrandt zusammengestellten Gruppe stammen.
Es wurde lange Zeit angenommen, dass Rembrandt seine Frau Saskia und ihre Kinder als Modelle für diese Zeichnungen benützt hat. Da bis auf den 1641 geborenen Titus keines der Kinder älter als zwei Monate wurde, und Saskia zwei Monate nach der Geburt von Titus starb, kann diese Möglichkeit ausgeschlossen werden. Bis 1635 könnte Rembrandt die Kinder von #Hendrick van Uylenburgh als Modell gewählt haben, in dessen Werkstatt er tätig war; nach seiner Übersiedlung könnte er dann auch Mütter und Kinder beziehungsweise deren Betreuerinnen aus benachbarten Haushalten wiedergegeben haben.
Die Darstellungen von Frauen und Kindern nehmen unter Rembrandts Zeichnungen der 30er- und 40er-Jahre einen wesentlichen Platz ein. In der Zeichnung einer jungen Frau, die ihr Kind am Gängelband führt, setzte Rembrandt die rote Kreide, die er um die Mitte der dreißiger Jahre sowohl für Figurenstudien als auch für größere Kompositionen relativ oft verwendete (siehe Inv. 8837), kongenial ein. Die Zeichnung wurde in einfachen Linien angelegt, zeigt jedoch ein reich nuanciertes Kolorit, das sich zwischen hellen, zarten Tönen und schweren, dunklen Akzenten bewegt. Das dunkelste Rot und die kräftigsten Linien galten den aktiven Händen der Frau, deren ganze Sorge und Konzentration dem am Gängelband geführten Kind gilt. Trotz der sparsamen Linienführung hat Rembrandt den besorgten Gesichtsausdruck der Frau, deren zusammengezogene Augenbrauen in einer durchgehenden Linie erfasst wurden, prägnant registriert; auch in diesem emotional wichtigen Bereich setzte er die Kreide ziemlich kräftig auf. Von größter Feinheit und von einer hellen Leuchtkraft wiederum sind die Linien, mit denen er das Kind wiedergab, das, mit dem aus einem breiten Ring bestehenden Kopfschutz (siehe auch Inv. 30628) versehen, die ersten zögernden Schritte setzt; etwas kräftiger sind die Händchen wiedergegeben, die ein Spielzeug halten. Der nur bis zur Körpermitte in Rückenansicht dargestellte Mann mit dem karikaturhaft wirkenden Profil macht sich durch Anweisungen bemerkbar, die er mit einer fahrig-nervösen Geste und einem ausgestreckten Finger seiner rechten Hand erteilt; auch diese Hand ist einer der dunkelsten Akzente innerhalb der einfachen, aber aussagekräftigen Szene.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 44, S. 132.
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