Arthur Roessler
Egon Schiele
1910
Im Unterschied zur Radierung (DG1943/385) ist die Zeichnung von #Arthur Roessler nicht mit dem ausgeführten Gemälde (Wien Museum) in Verbindung zu bringen. #Arthur Roessler wird 1877 in Wien geboren. Er studiert Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. 1898 übersiedelt er nach München und wird Redakteur sowie Korrespondent verschiedener deutscher und österreichischer Zeitungen. 1903 heiratet er #Ida Lange, sie bleiben bis zu seinem Tod zusammen.
1905 übersiedelt #Roessler nach Wien, um geschäftlicher Leiter der #Galerie Miethke zu werden. 1907 wird er als künstlerischer Beirat und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der #Galerie Gustav Pisko am Wiener Schwarzenbergplatz eingestellt. Anlässlich der Ausstellung der Neukunstgruppe in dieser Galerie lernt #Roessler 1909 den erst 19-jährigen Schiele kennen und wird ein wichtiger Förderer seiner Kunst: Er vermittelt Kunstsammler und Auftraggeber, führt Verkaufsverhandlungen, publiziert über ihn und sammelt auch selbst seine Werke.
Als Kunstreferent der Wiener Arbeiter-Zeitung rezensiert er Ausstellungen, schreibt Kunstkritiken und Feuilletons. Er ist Schriftleiter von #Eduard Kosmacks Zeitschrift Das Interieur und Redakteur der Zeitschrift Bildende Künstler sowie, 1912, Gründungsmitglied des Österreichischen Werkbundes. 1918 erscheint #Roesslers Publikation Kritische Fragmente über österreichische Neukünstler im Verlag Richard Lányi.
In den Jahren 1921 und 1922 publiziert #Arthur Roessler mehrere Schriften zu Egon Schiele: 1921 In Memoriam Egon Schiele, Briefe und Prosa von Egon Schiele, Das Egon Schiele Buch. 1922 Egon Schiele. Im Gefängnis sowie Erinnerungen an Egon Schiele. Regelmäßige Vorträge und Hörfunksendungen über Egon Schiele halten das Andenken an diesen Künstler immer wach.
Während des Zweiten Weltkrieges bleibt das Ehepaar Roessler in Wien, 1941 beschlagnahmt die Gestapo 450 Briefe #Rudolf von Alts aus seinem Besitz.
In einer finanziell bedrängten Situation nach dem Krieg erhält er 1955 eine „Ehrenpension“ des Wiener Gemeinderates und übergibt als Gegenleistung viele Kunstwerke und seine gesamte Bibliothek an die Stadt Wien. Noch im selben Jahr stirbt Arthur Roessler.
Die vorliegende Porträtstudie zeigt Schieles Interesse an der präzisen Physiognomie des für ihn so wichtigen Lobbyisten, Essayisten, Auftragsvermittlers und, in geringerem Maß, Mäzen. Die wunderbare Kopfstudie mit den fein herausgearbeiteten Augen und dem eindringlichen Blick ist der Radierung (Inv. DG1943/385), die sich an das Gemälde anlehnt, künstlerisch überlegen. Einzig in der Umrissführung mit den unruhigen konkaven Einbuchtungen ist die stilistische Verwandtschaft der Zeichnung zu der Radierung zu erkennen. Schiele interpretiert seinen väterlichen Freund in der Zeichnung als eine selbstbewusst in sich ruhende Persönlichkeit.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 98-100.
