Arthur Roessler
Egon Schiele
1910
Schiele lernte den Publizisten und Sammler Arthur Roessler im Jahr 1909 kennen. Die zwei Porträtstudien (Inv. 31247r und Inv. 30561) zeigen das Interesse des Künstlers an der präzisen Physiognomie. Wie beim Bildnis Eduard Kosmacks sind bei der Kopfstudie die Augen fein herausgearbeitet und geben dem Porträtierten einen eindringlichen Blick. Die dreiviertelfigurige Bleistiftzeichnung zeigt Schieles väterlichen Freund und Förderer als eine selbstbewusst in sich ruhende Persönlichkeit, die stolz die Arme in die Hüften stemmt: Ein Portätypus, der in der traditionellen Auffassung einen entschlossenen Tatmenschen charakterisiert.
Rahmenaußenmaß 66,5 × 52 × 3,4 cm
Ebenso wenig wie im Fall #Kosmacks (Inv. 31170r) ist die Zeichnung von #Arthur Roessler mit dem ausgeführten Gemälde (Wien Museum) in Verbindung zu bringen.
#Arthur Roessler wird 1877 in Wien geboren. Er studiert Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. 1898 übersiedelt er nach München und wird Redakteur sowie Korrespondent verschiedener deutscher und österreichischer Zeitungen. 1903 heiratet er #Ida Lange, sie bleiben bis zu seinem Tod zusammen.
1905 übersiedelt #Roessler nach Wien, um geschäftlicher Leiter der #Galerie Miethke zu werden. 1907 wird er als künstlerischer Beirat und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der #Galerie Gustav Pisko am Wiener Schwarzenbergplatz eingestellt. Anlässlich der Ausstellung der Neukunstgruppe in dieser Galerie lernt #Roessler 1909 den erst 19-jährigen Schiele kennen und wird ein wichtiger Förderer seiner Kunst: Er vermittelt Kunstsammler und Auftraggeber, führt Verkaufsverhandlungen, publiziert über ihn und sammelt auch selbst seine Werke.
Als Kunstreferent der Wiener Arbeiter-Zeitung rezensiert er Ausstellungen, schreibt Kunstkritiken und Feuilletons. Er ist Schriftleiter von #Kosmacks Zeitschrift "Das Interieur" und Redakteur der Zeitschrift "Bildende Künstler" sowie, 1912, Gründungsmitglied des Österreichischen Werkbundes. 1918 erscheint #Roesslers Publikation "Kritische Fragmente" über österreichische Neukünstler im #Verlag Richard Lányi.
In den Jahren 1921 und 1922 publiziert #Arthur Roessler mehrere Schriften zu Egon Schiele: 1921 "In Memoriam Egon Schiele", "Briefe und Prosa von Egon Schiele", "Das Egon Schiele Buch". 1922 "Egon Schiele. Im Gefängnis" sowie "Erinnerungen an Egon Schiele". Regelmäßige Vorträge und Hörfunksendungen über Egon Schiele halten das Andenken an diesen Künstler immer wach.
Während des Zweiten Weltkrieges bleibt das Ehepaar Roessler in Wien, 1941 beschlagnahmt die Gestapo 450 Briefe #Rudolf von Alts aus seinem Besitz.
In einer finanziell bedrängten Situation nach dem Krieg erhält er 1955 eine "Ehrenpension" des Wiener Gemeinderates und übergibt als Gegenleistung viele Kunstwerke und seine gesamte Bibliothek an die Stadt Wien. Noch im selben Jahr stirbt #Arthur Roessler.
Die vorliegende Porträtstudie zeigt Schieles Interesse an der präzisen Physiognomie des für ihn so wichtigen Lobbyisten, Essayisten, Auftragsvermittlers und, in geringerem Maß, Mäzen. Einzig in der schon im Bildnis #Max Kahrers (Inv. 31176) vorkommenden Umrissführung mit den unruhigen konkaven Einbuchtungen ist die stilistische Verwandtschaft des Halbfigurenporträts zu dem in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft entstandenen Gemälde (Wien Museum) zu erkennen. Doch statt wie im Gemälde in Trance erstarrt zu sein und den Gegensatz zwischen gestischer Anspannung und mimischer Entspannung vorzuführen und dabei im jähen Richtungswechsel zwischen Oberschenkeln, Armhaltung, Schulter und Kopfwendung innerlich fast zerrissen zu werden, interpretiert Schiele seinen väterlichen Freund in der Zeichnung als eine selbstbewusst in sich ruhende Persönlichkeit, die stolz die Arme in die Hüfte stemmt: eine vom Typus her durch entsprechende französische Vorbilder traditionelle Auffassung des entschlossenen Tatmenschen.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 98-100.
