Die Anbetung der Hirten
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526
Sichtmaß des Ausschnitts: 11,8 x 7,9 cm
Parmigianinos Radierung der "Anbetung der Hirten" steht am Beginn einer langen Reihe von Entwürfen zu diesem Thema, deren endgültige Version von #Gian Giacomo Caraglio im Jahre 1526 gestochen wurde (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 68f., Nr. 4.). Die Szene entwickelt sich hier noch in einem schmalen Innenraum, der über eine Treppe zu erreichen ist, an deren Seite zwei zur Hälfte überschnittene Frauen stehen. Die Entwurfszeichnung hierzu, von der in der Radierung nur ein Teilstück gleichsinnig mit einigen Veränderungen wiedergegeben wurde, befindet sich in Windsor (Popham 1971, Nr. 644, Taf. 154). In Stuttgart ist zudem eine im Ausschnitt und in den Maßen übereinstimmende gegensinnige Studie aufbewahrt (Popham 1971, Nr. 593, Taf. 153; dort Angaben zu weiteren Versionen und Kopien), die in der Raum- und Figurengestaltung noch geringfügig von der Radierung abweicht. Eine Federzeichnung im Louvre (Popham 1971, Nr. 368,Taf. 154) vereint eine Skizze zur Maria mit dem Kind mit einer anderen Studie, die Parmigianino gegensinnig für seine zur gleichen Zeit entstandene Radierung der "Madonna mit dem Kind" verwendet hat (Bartsch 1803-1821, Bd. 16, S. 7, Nr. 4).
Die "Anbetung der Hirten" schließt noch unmittelbar an die "Vermählung der Maria" von 1525 an (Inv. DG2007/90), was an den heftig bewegten Gestalten mit ihren überlängten, dabei kernig-markanten Körpern deutlich wird. Wie dort versetzt Parmigianino das Hauptgeschehen in den Hintergrund und steigert die Spannung durch Einfügung übergroßer Vordergrundfiguren. Gegenüber der "Vermählung der Maria" sind nun allerdings die Bewegungen dynamischer, werden durch ein kontrastreiches Helldunkel zusammengeschlossen und vermögen sich nun auch bereits ungezwungener im Raum zu entfalten. Man beachte, wie der Hirte erregt nach vorne strebt, dann aber ruckartig verharrt, um den gebührenden Abstand zu bewahren. Sein schwungvoll gedrehter Körper leitet dabei den Blick in die verschiedenen Richtungen des Raumes. Parmigianino hat im zweiten Zustand der Radierung dies noch betont (The Illustrated Bartsch, 32, S. 10), indem er den Rücken des anbetenden Hirten zusätzlich mit rund durchgezogenen Schraffen versehen hat. Der Aufbau der Szene mit der gedrängten Figurenanordnung auf schmaler Raumbühne und den überschnittenen Figuren im Vordergrund erinnert an Perinos Entwürfe für die Capella Pucci, wie den "Tempelgang Mariä" (New York, Metropolitan Museum; Parma Armani 1986, S. 59, Abb. 52), die der Künstler gesehen haben könnte. Im Unterschied zu den beiden Radierungen der Grablegung Christi von 1524/25 (Inv. DG2003/3029), in denen Parmigianino langgezogene Linien verwendet, die sich wie ein hauchdünnes Netz über die Figuren legen, sind nun die Linien kürzer gespannter und akzentuieren die Plastizität der Körper. Die Bewegungen gleiten nun nicht mehr ineinander, und die perspektivischen Verkürzungen der Architekturen treten durch das kontrastreiche Helldunkel scharf hervor. Dieselben stilistischen Merkmale lassen sich auch für die Entwurfszeichnungen für Caraglios Stich der "Anbetung der Hirten" feststellen (Popham 1971, Nr. 631, Taf. 144, eine Auflistung unter Nr. 72, Taf. 145), und daher wird man Parmigianinos Radierung ebenfalls um 1526 oder kurz davor datieren können.
Eine täuschend ähnliche Kopie ist bei Copertini (1932, Bd. 2, Taf. CXVI, b) und Fagiolo dell'Arco (1970, Abb. 255) abgebildet.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 285, S. 381.
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